Schwester Annemarie Müller: «Wir Ilanzer Dominikanerinnen konnten in den letzten 160 Jahren viel bewegen»
Das Kloster Ilanz GR feiert dieses Jahr seinen 160. Geburtstag. Generalpriorin Annemarie Müller sagt, worauf sie besonders stolz ist, warum die Missionsprokur neu organisiert wird und was ihr Mut für den weiteren Weg der Schwesterngemeinschaft gibt, die in der Schweiz keinen Nachwuchs mehr findet.
Barbara Ludwig
Oft werden Jubiläen zum 100., 150. oder 175. Geburtstag gefeiert. Wieso feiern Sie ein 160-Jahr-Jubiläum?
Schwester Annemarie Müller: Wir als Klostergemeinschaft haben uns für dieses Jubiläumsjahr in dreifacher Hinsicht entschieden: Die katholische Kirche feiert dieses Jahr das Heilige Jahr, in unserer Gemeinschaft sind es 160 Jahre seit der Gründung und 130 Jahre, seit wir dem Dominikanerorden angehören. So ist dieses Jahr 2025 ein Jahr der Freude und des Dankes. Während diesem Jubiläumsjahr begleitet uns Ilanzer Dominikanerinnen das Motto «Pilgerinnen der Hoffnung auf dem Weg des Friedens».
Worauf sind Sie besonders stolz, wenn Sie an die Geschichte Ihrer Kongregation denken?
Müller: Wir Ilanzer Dominikanerinnen konnten in den letzten 160 Jahren besonders in Ilanz und in der Surselva viel bewegen, was das Gesundheitswesen und die Bildung betrifft. So gründeten wir das erste Spital in Ilanz, verschiedene Schulen sowie Kindergärten in Ilanz und in diversen anderen Dörfern hier in der Surselva. Wir haben Kindern und Jugendlichen, besonders auch Mädchen und jungen Frauen, während über 100 Jahren eine gute Schulbildung ermöglicht und sie vielseitig gefördert.
«Für viele dieser jungen Frauen waren unsere Schulen ein Sprungbrett für ihre berufliche Weiterentwicklung.»
Die Förderung der Frau war uns immer wichtig. So gründeten wir eine Krankenschwestern- und eine Bäuerinnenschule in Ilanz. Für viele dieser jungen Frauen waren diese Schulen ein Sprungbrett für ihre berufliche Weiterentwicklung.
Auch über die Surselva hinaus haben wir besonders im Gesundheits- und Bildungsbereich gewirkt und viel bewegt. Wir haben seit Beginn der Gründung viele Samen gelegt, vieles ist aufgegangen und hat reiche Frucht gebracht. Dabei haben wir vieles initiiert, was später der Staat übernommen hat.
Welche dieser Institutionen würden Sie als die wichtigsten bezeichnen?
Müller: Das Spital, die Sekundar- und Realschule für Mädchen sowie die Krankenschwesternschule, alle drei Institutionen in Ilanz. Diese haben Ilanz und die Region Surselva sehr geprägt.
Hat sich Ihr Kloster aus diesen Institutionen endgültig zurückgezogen?
Müller. Ja, das Spital Ilanz wurde Anfang der 1970er Jahre der Region übergeben, die Sekundar- und Realschule wurde 1990 geschlossen, weil wir aus den eigenen Reihen zu wenig Lehrerinnen stellen konnten. Und für die Krankenschwesternschule bekamen wir 20 Jahre später vom Kanton keinen Leistungsauftrag mehr, weil er diese Fachausbildung im Kanton zentralisieren wollte.
Die Ilanzer Dominikanerinnen waren und sind auch in anderen Ländern aktiv. Nun wollen Sie die Missionsprokur auflösen. Warum?
Müller: In den vergangenen Jahren hat sich das Spendenverhalten in der Schweiz spürbar verändert. Viele unserer treuen Unterstützerinnen und Unterstützer sind älter geworden, und neue Generationen zeigen andere Prioritäten. Dies hat direkte Auswirkungen auf die verfügbaren Mittel der Missionsprokur, die in der Folge klarer fokussiert und verantwortungsvoll eingesetzt werden müssen.
Die Missionsprokur wird aber nicht einfach aufgelöst, sondern in den Dienstleistungsbetrieb des Klosters integriert. Diese Neuorganisation ist notwendig, um unsere Ressourcen nachhaltig einzusetzen und unsere Unterstützung für sozial benachteiligte Kinder, Jugendliche, Frauen und Familien langfristig sicherzustellen.
Was ändert sich denn mit der Neuorganisation konkret?
Müller: Anstelle der Missionsprokur wird in Zukunft das Kloster Geld für unsere Projekte in Übersee, aber auch für klostereigene Projekte in Ilanz sammeln. Die Spendergelder werden weiterhin genau dort eingesetzt entsprechend dem Wunsch des Spendenden.
Welche Zukunft sehen Sie für Ihre Gemeinschaft in Ilanz?
Müller: Nach menschlichem Ermessen wird unsere Schwesterngemeinschaft in Ilanz ein Ende finden, weil sie sich in den letzten 30 Jahren nicht durch regelmässige Eintritte von Frauen erneuern konnte.
Noch gibt es die Ilanzer Dominikanerinnen aber. Was gibt Ihnen denn Mut für den weiteren Weg?
Müller: Wir Schwestern verstehen uns so: Wir sind Pilgerinnen der Hoffnung auf dem Weg des Friedens. Wir lassen uns vom Wort Gottes berühren und nähren. Wir sind gemeinsam unterwegs, teilen das Leben miteinander und entwickeln uns weiter. Wir geben Zeugnis vom Geheimnis Gottes.
«Unsere Gemeinschaft sammelt in der Brachzeit des Winters neue Zuversicht.»
Zudem drücken wir die Entwicklung unserer Gemeinschaft in folgendem Bild aus: Wie eine Pflanze ist die kleine Gemeinschaft aufgeblüht, gewachsen, hat Frucht gebracht und zieht nun im Herbst des Lebens ihre Kräfte in den Stamm zurück. Sie lässt Blätter fallen und sammelt in der Brachzeit des Winters neue Zuversicht, die in einen noch ungeahnten neuen Frühling mündet. Wir lassen uns überraschen, was Gott nach der Brachzeit des Winters für uns bereithält. Wir bleiben zuversichtlich.
RTR-Chefredaktor führt Messe für Schwestern auf
1865 gründete der Bündner Priester Gion Fidel Depuoz (1817-1875) die Gemeinschaft der Ilanzer Schwestern. Erste Generalpriorin und Mitgründerin der Kongregation war Babette Gasteyer (1835-1892). Das 160-Jahr-Jubiläum feiert das Kloster 2025 mit internen und öffentlichen Anlässen. Zu den internen Anlässen zählen etwa eine Pilgerfahrt ins Kloster Disentis, Meditationsangebote oder das Näherbringen der Gründungsgeschichte, teilt Generalpriorin Annemarie Müller mit. Daneben finden Anlässe statt, zu denen auch die Öffentlichkeit eingeladen ist: Am 29. Juni feiern die Schwestern einen Gottesdienst zum Todestag der Gründerin. Ein weiterer Gottesdienst findet am 8. August, dem Fest des Ordensgründers, statt. Ausserdem wird am 16. November die Josefsmesse, komponiert und dirigiert von Flavio Bundi, im Sonntagsgottesdienst des Klosters aufgeführt. Bundi ist Chefredaktor von «Radiotelevisiun Svizra Rumantscha».
Lions Club Rheinquelle organisiert Charity-Dinner
Im Jubiläumsjahr des Klosters Ilanz wollen sich die Verantwortlichen des lokalen Lions Club für das Engagement der Schwestern in der Region Surselva erkenntlich zeigen. Am 30. August organisiert der Lions Club Rheinquelle deshalb ein Charity-Dinner für die Schwestern und ihre Gäste, wie das Kloster in einem Communiqué mitteilte. Schirmherr ist der Bündner Mitte-Nationalrat Martin Candinas. Ausserdem sammelt der Club mit einer eigenen Beiz am Städtlifest Ilanz vom 8. und 9. August Geld zugunsten der Ilanzer Dominikanerinnen. (bal)
Schwestern in Ilanz, Brasilien und Taiwan
Der Kongregation der Ilanzer Dominikanerinnen gehören nach Angaben der Generalpriorin derzeit 96 Schwestern an, eine davon ist Novizin in Brasilien. Im Mutterhaus in Ilanz GR leben aktuell 65 Schwestern. Davon sind 63 über 65 Jahre alt, das Durchschnittsalter beträgt 86 Jahre.
Heute wirken keine Schweizer Schwestern mehr in Übersee. «In unseren Projekten in Brasilien arbeiten alles einheimische Schwestern. In Taiwan sind die Schwestern betagt und haben keine Projekte mehr. Es sind alles taiwanesische Schwestern», so Generalpriorin Annemarie Müller. (bal)
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