Charles Journet hat Konzilstexte inspiriert – 50-Jahr-Gedenken an den Westschweizer Kardinal
Vor fünfzig Jahren ist mit Charles Journet (1891-1975) ein grosser Westschweizer Theologe vestorben. Er steht für die moderne Ekklesiologie mit ökumenischem Weitblick und interreligiöser Offenheit. Er war Wegbereiter der Kirchenkonstitution «Lumen gentium» (1965) und hat sich auf der Seelisbergkonferenz für den christlich-jüdischen Dialog nach der Shoah eingesetzt.
Stephan Leimgruber*
Anlässlich des 50. Todestages des Schweizer Kardinals Charles Journet wird dessen Wirken in Erinnerung gerufen. Die Theologische Fakultät der Universität Freiburg hat ihm in der vergangenen Osterwoche ein dreitägiges internationales Symposion gewidmet. Und eben ist die Edition seines respektablen Opus in 15 Bänden beendet worden.
Bescheidene Herkunft
In eine bescheidene Genfer Familie hineingeboren, verlor Charles früh seinen Vater und seine Schwester, die beide an Tuberkulose erkrankt waren und starben. Er besuchte die Kollegien in Schwyz und St. Michel in Freiburg (Schweiz), das von den Jesuiten geleitet wurde.
Bereits damals soll er die Summe des Thomas von Aquin mit Interesse gelesen haben, ja, seine Berufung stand mit diesem Theologen in Zusammenhang. Er widmete sich der Philosophie und der Theologie an der zweisprachigen Universität Freiburg und wurde 1917, also mitten im Ersten Weltkrieg, zum Priester geweiht.
Rückzug in Kartause La Valsainte
Danach arbeitete er als Vikar in Carouge bei Genf und zeichnete sich bald als Exerzitienleiter aus. Nach dem Tode seiner Mutter zog er sich für einige Zeit zu den Kartäusern in die Valsainte zurück. Schweigen, Meditation und Gebet lauteten seine Prioritäten.
Theologisch interessierte er sich für die Franzosen des Renouveau der Nachkriegszeit.1924 berief ihn der Bischof zum Professor für Dogmatik ins Priesterseminar Freiburg.
Theologie aus der Stille
Charles Journet (1891-1975) fühlte sich von der Stille der Kartäuser in der Kartause La Valsainte angezogen. Er suchte nicht den Ruhm an grossen Universitäten, nicht den Applaus von Mehrheiten, sondern arbeitete im diözesanen Seminar in Freiburg (seit 1924) für den Aufbau der Ortskirche.
Die Kartäuser leben bekanntlich in Stille – jeder in einem kleinen Häuschen; nur zu Gebet und Eucharistie versammeln sie sich. Als Journet dort eintreten wollte, wiesen sie ihn ab und erinnerten ihn an seine Aufgabe als Theologe.
Französische Inspiration
Wichtig war für ihn jene Stille, die dem Hören auf Gottes Wort vorausgeht. In spiritueller Hinsicht liess sich Charles Journet stärker vom französischen Theologen Jacques Maritain (1882-1973) inspirieren, auch von den Kirchenvätern, weniger jedoch von der deutschsprachigen Theologie und den analytischen Bibelwissenschaften.
Mit François Charrière zusammen, dem künftigen Bischof der Diözese Freiburg, Genf und Lausanne, gab er die wegweisende Zeitschrift «Nova et Vetera» heraus, welche alle aufkommenden Fragen der Kultur und des Glaubens aufgriff und sich mit ihnen kritisch auseinandersetzte. In dieser Zeitschrift wurden viele interkonfessionelle Themen behandelt, denn die Ökumene stand gerade am Anfang, 1948 kam es zur Gründung des Ökumenischen Rats der Kirchen in Genf.
Hauptthema Ekklesiologie
Charles Journets Hauptthema war die Lehre von der Kirche, die Ekklesiologie. Er fragte: Was macht die Kirche aus? Wer gehört zur Kirche? Herausgefordert von der Calvinstadt studierte er das Verhältnis zwischen katholischer und protestantischer Kirche. Er erkannte Differenzen zwischen evangelischen und katholischen Bibelübersetzungen und dem damit verbundenen «Geist».
Auch überlegte er den Sinn und die Reichweite von Dogmen als Inhalte und Wege des Glaubens. Besonders am Herzen lag ihm das Geheimnis der Eucharistie, das er als «Gegenwart des Kreuzesopfers» verstand. All diese ekklesiologischen Themen versammelte er in seinem dreibändigen Hauptwerk «Eglise du Verbe incarné» (Kirche aus dem menschgewordenen Wort), das er 1941, 1951 und 1969 herausgab mit insgesamt über 2000 Seiten. Er begriff dieses Werk als «Geistliche Wegleitung», das auch mehrere Konzilstexte inspiriert hat. Nicht zuletzt verfasst er einen Band zu Niklaus von Flüe, den Politiker und Mystiker.
Teilnehmer an der Seelisbergkonferenz 1947
Die Seelisbergkonferenz fand im Juli 1947 mit 70 Teilnehmenden aus Judentum, katholischer und evangelischer Kirche statt, um nach der Shoah das jüdisch-christliche Gespräch wieder aufzunehmen und das Christentum neu gegenüber dem Judentum zu verorten.
9 katholische, 21 protestantische und 25 jüdische Personen besprachen sich eine Woche lang in fünf Kommissionen hoch über dem Vierwaldstättersee. Die zehn bekannten Seelisberg-Thesen waren Resultat dieser Konferenz.
Journets neue Sicht auf Jesus
Charles Journet vertrat seine damals neue Sicht über Jesus, den Juden und die bleibende Herkunft des Christentums vom Judentum. Die Kapitel 9 bis 11 im Römerbrief waren für ihn zentral. Diese Sicht ist auch in Artikel vier der Konzilserklärung «Nostra aetate» eingegangen.
Journet wurde in die Vorbereitungskommission des Zweiten Vatikanums berufen, und er war auch im Konzil Peritus. Schliesslich wurde er mit dem Kardinalstitel ausgezeichnet. Jüngst hat der Schweizer Historiker Philipp Chenaux in Rom eine Monografie über ihn verfasst. Und zur Seelisbergkonferenz sind zwei Dissertationen von Joshua Ahrens und Matin Steiner erschienen. Bereits 2015 haben die Vorarbeiten für eine Seligsprechung von Charles Kardinal Journet im Bistum Lausanne, Genf und Freiburg begonnen.
Charles Journet war eine bedeutende und originelle Persönlichkeit. Er wurde in der Kartause La Valsainte begraben.
*Stephan Leimgruber ist Seelsorger im Pastoralraum Luzern. Bis 2014 war er Professor für Religionspädagogik an der LMU München.
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