Susanne Altoè ist katholische Theologin, Seelsorgerin und aktuell Präsidentin des Berufsverbands Seelsorge im Gesundheitswesen (BSG).
Schweiz

Mit neuer Professionalität in die Zukunft: Seelsorge im Gesundheitswesen

Wie bleibt Seelsorge im Gesundheitswesen relevant, wenn kirchliche Bindungen schwinden und Ressourcen knapper werden? Neu geht auch eine Koordinationsstelle getragen von SBK, EKS und RKZ an den Start. Wie greift das alles ineinander? Ein Gespräch mit der Präsidentin des BSG, Susanne Altoè (45).

Sabine Zgraggen

Frau Altoè, seit bald drei Jahren gibt es den Berufsverband Seelsorge im Gesundheitswesen. Wie viele Mitglieder vertreten sie bisher und wie gestaltet sich die Arbeit?

Susanne Altoè: Der BSG hat zurzeit rund 290 Mitglieder. Der Vorstand arbeitet in enger Zusammenarbeit mit den Mitgliedern. Unser Hauptevent ist die jährliche Fachtagung. Der Vorstand holt gezielt die Erfahrung und den Input der Mitglieder zu den aktuellen Themen ein. Daraus ergibt sich der Auftrag für die Weiterarbeit. Die Ergebnisse werden wieder den Mitgliedern vorgestellt, diskutiert und von ihnen verabschiedet.

«Die Seelsorge will sich auch in Zukunft als Expertin für die spirituell-religiöse Begleitung im Gesundheitswesen einen Beitrag zum ganzheitlichen Heilungsauftrag leisten können.»

An welchen Themen arbeitet der Berufsverband?

Altoè: Entsprechend dem «Mission Statement», das im ersten Jahr gemeinsam entwickelt wurde, arbeiten wir zurzeit intensiv an der Professionsentwicklung und der Erarbeitung von Berufsstandards.

Warum muss es eine Professionsentwicklung geben, ist denn nicht klar, was Spitalseelsorge ist?

Altoè: Jede Berufsgruppe muss Auskunft geben können über ihre Arbeit und Relevanz, gerade wenn sie sich im öffentlichen Bereich bewegt, mit Menschen in verletzlichen Situationen in Kontakt ist und von öffentlichen Geldern finanziert wird. Die Seelsorge will in einem sich rasch entwickelnden Umfeld auch in Zukunft als Expertin für die spirituell-religiöse Begleitung im Gesundheitswesen einen Beitrag zum ganzheitlichen Heilungsauftrag leisten können.

Wie ist der Vorstand organisiert?

Altoè: Der ehrenamtliche Vorstand und seine Arbeitsgruppen werden von einer Geschäftsleiterin im Teilzeitpensum unterstützt. Dazu kommt die fachliche Zusammenarbeit mit einem wissenschaftlichen Beirat. Auch weitere Fachexpertinnen und -experten werden zu bestimmten Themen beigezogen. Seit 2024 wissen wir, dass in diesem Jahr zusätzlich eine nationale Koordinationsstelle seitens der Kirchen eingerichtet wird.

Was ist der Unterschied zwischen diesen beiden Gefässen?

Altoè: Die nationale ökumenische Koordinationsstelle wird getragen von der Schweizer Bischofskonferenz, der Römisch-katholischen Zentralkonferenz und der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz und vertritt auf dieser Ebene die kirchlichen Anliegen der Seelsorge im Gesundheitswesen. Der Berufsverband vertritt die Ebene der Berufsleute mit einer Anstellung als Seelsorger:in im Gesundheitswesen.

Susanne Altoè
Susanne Altoè

… und was ist das gemeinsame Ziel?

Altoè: Wir wollen, dass Menschen im Gesundheitswesen weiterhin Zugang zu einer professionellen Seelsorge haben, die sie im Horizont ihrer jeweiligen spirituell-religiösen Bedürfnisse unterstützt.

Ist das denn gefährdet?

Altoè: Sagen wir es so: Wir sind herausgefordert. Ich sehe darin die Chance für eine Entwicklung und Profilierung unseres Berufsbilds.

Gibt es schon Absprachen, wie man die kirchlichen Synergien der neuen Koordinationsstelle? zusammen mit dem Berufsverband nutzen kann?

Altoè: Die Stelle ist aktuell ausgeschrieben. Wir freuen uns, so bald als möglich mit dem neuen Beauftragten in Kontakt zu treten und im Blick auf die gemeinsamen Anliegen «am gleichen Strick» zu ziehen!

«Die Situation ist schweizweit sehr verschieden. Ein Thema ist sicher die Finanzierung und fehlendes Personal.»

Was sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen, vor denen die kirchlich finanzierte Spitalseelsorge in der Schweiz steht?

Altoè: Die Situation ist schweizweit sehr verschieden. Ein Thema ist sicher die Finanzierung und fehlendes Personal. Während sich in manchen Kantonen sinkende Kirchensteuereinnahmen und Personalmangel langsam bemerkbar machen, sind andere Landeskirchen in dieser Entwicklung schon weit fortgeschritten. Wo die Kirchen dem Privatrecht unterstellt sind, etwa. in Neuenburg oder Genf, sind die Rahmenbedingungen noch einmal ganz anders.

Was sind alternative Finanzierungsmodelle?

Altoè: Mancherorts werden die Seelsorgestellen von den Spitälern selbst, über Stiftungen oder andere kantonale Beiträge finanziert. Das wird in Zukunft an Bedeutung gewinnen.

Gibt es andere Herausforderungen?

Altoè: Datenschutzthemen sind ein «hot topic». Im Gesundheitswesen geht es um hochsensible Informationen. Besonders dort, wo die Seelsorge administrativ nicht als «Spitalberuf» in den Betrieb integriert ist, muss ausgehandelt werden, wie mit Informationen umgegangen wird, die für die Arbeit nötig sind: beispielsweise Patientenlisten. Gleichzeitig können unterschiedliche Interpretationen des Seelsorgegeheimnisses zur Herausforderung werden, weil mehrere hochschützenswerte Güter gegeneinander abgewogen werden müssen.

Im Fall einer Krankheit spielt Religion und Spiritualität bei Betroffenen eine Rolle.
Im Fall einer Krankheit spielt Religion und Spiritualität bei Betroffenen eine Rolle.

«Kirchliche Seelsorge» klingt in Zeiten, wo die Hälfte der Bevölkerung nicht mehr christlich ist, schwierig…

Altoè: Die Herausforderungen, die das Wort «kirchlich» mit sich bringt, liegen auf der Hand. Das sage ich als zutiefst kirchlicher, gläubiger Mensch. In meinem Kontext stellen die Kirchen den grössten Teil der Seelsorgenden im Gesundheitswesen. Sie gewährleisten und finanzieren einen gesellschaftlich hochrelevanten Dienst, der weit mehr Menschen als ihren eigenen Konfessionsgeschwistern zugutekommt. Trotzdem ist es nicht immer einfach.

Welche sind da Ihre Erfahrungen?

Altoè: Mich als Seelsorgerin vorzustellen, löst in meiner Erfahrung häufig positive oder zumindest neugierige Reaktionen aus, gerade auch wenn menschlich «die Chemie» stimmt. Manchmal bewirkt es aber auch das Gegenteil. Nicht erst seit jüngsten Umfragen ist deutlich geworden, dass das Prädikat «kirchlich» als Qualitätsmerkmal oder Gütesiegel nicht mehr genügt.

Was bedeutet das für die Zukunft?

Altoè: Es geht um die Frage, ob sich die kirchliche Seelsorge im Gesundheitswesen als konfessionelle Leistung für Konfessionsangehörige positionieren möchte, oder ob sie die Qualität und den Mehrwert ihrer Arbeit für jene beschreiben kann, für die ein kirchlicher Hintergrund bestenfalls neutral ist.

«Ich habe den Eindruck, dass die Spitalseelsorge gerade auch durch die Pandemie mehr ins öffentliche und somit auch politische Bewusstsein gerückt ist.»

Wenn wir von nationalen Verbänden und Koordinationsstellen sprechen, wer ist denn dann der Ansprechpartner auf politischer Ebene? Werden die Anliegen für Seelsorge im Gesundheitswesen überhaupt von jemandem gehört?

Altoè: Ich habe den Eindruck, dass die Spitalseelsorge gerade auch durch die Pandemie mehr ins öffentliche und somit auch politische Bewusstsein gerückt ist. Seelsorgende wurden von politischen Entscheidungsträgern und vor Ort in vielen Spitälern, Kliniken und Heimen als «systemrelevant» eingestuft und konnten mit Kollegen anderer Berufsgruppen an der Seite der Menschen bleiben.

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Was wäre die beste Vision für die Zukunft von Seelsorge im Gesundheitswesen aus Ihrer Sicht?

Altoè: Meine Überzeugung als Christin ist es, dass die Seelsorge ihre innerste Identität nicht verliert, wenn sie sich inkarniert, das heisst hineinbegibt und einlässt auf die Realität der konkreten Menschen und der konkreten Gegebenheiten im Gesundheitswesen. Wenn wir unsere berufliche Identität reflektieren, entwickeln und beschreiben, dann weil wir etwas anzubieten haben, das unserem Beruf eigen ist, und für das sich die Mühe lohnt.


Susanne Altoè ist katholische Theologin, Seelsorgerin und aktuell Präsidentin des Berufsverbands Seelsorge im Gesundheitswesen (BSG). | © Sabine Zgraggen
10. Mai 2025 | 17:00
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