Öffnung der Heiligen Pforte durch Papst Franziskus am 1. Januar 2016
Schweiz

«Papst zu sein in der aktuellen Weltsituation, ist die Quadratur des Kreises»

Das Konklave zur Papstwahl hat begonnen. Welche Art von Papst, mit welchen persönlichen Eigenschaften, wünschen sich eigentlich Seelsorgende in der Schweiz? Eine kleine Umfrage von kath.ch gibt Einblicke.

Wolfgang Holz

Der jüngst verstorbene Papst Franziskus hat mit seinem Pontifikat viele Gläubige auf der ganzen Welt begeistert – durch sein Engagement für die Armen und Entrechteten, für die Menschen am Rand der Gesellschaft. Auch in der Kirche hat er zahlreiche Reformen angestossen und durch seinen menschlichen Führungsstil eine neue Ära im Papsttum eingeleitet.

Ella Gremme, Pfarreiseelsorgerin in Baden und Ennetbaden
Ella Gremme, Pfarreiseelsorgerin in Baden und Ennetbaden

Da stellt sich auch die Frage, welchen Papst sich eigentlich die kirchliche Basis in Zukunft wünscht. Soll es ein Franziskus II. sein? Kath.ch hörte sich um bei Seelsorgenden in der Deutschschweiz.

«Ich wünsche mir einen glaubwürdigen Menschen, einen ‹Hirten›, der sich von seiner Liebe zu Gott und den Menschen leiten lässt.»

«Ich kann es ziemlich genau in einem Satz sagen, was ich mir wünsche: einen glaubwürdigen Menschen, einen ‹Hirten›, der aufmerksam auf die Sorgen, Nöte und Freuden der Menschen schaut und  der sich von seiner Liebe zu Gott und den Menschen leiten lässt», sagt Ella Gremme, Pfarreiseelsorgerin in der Aaurgauer Pfarrei Baden-Ennetbaden.

Diakon Stefan Staub
Diakon Stefan Staub

Diakon Stefan Staub, Pfarreibeauftragter der Pfarrei Teufen, Bühler, Stein im Appenzellerland, thematisiert gegenüber kath.ch die gewaltigen Aufgaben, mit denen ein künftiger Papst konfrontiert ist. «Ich wünsche mir, dass der neue Papst die angestossenen, Reform ähnlichen Prozesse des letzten Papstes weiterentwickelt. Papst zu sein in der aktuellen Weltsituation, ist die Quadratur des Kreises», ist er überzeugt.

«Er muss Brücken bauen zwischen Menschen, Kulturen, Welt- und Lebensanschauungen, traditionalistischen Tendenzen und Aufbrüchen.»

«Wir erleben derzeit nämlich, dass die Kirche ebenso wie die Gesellschaft gespalten ist. Der Pontifex Maximus hat eine schier unlösbare Aufgabe. Er muss Brücken bauen zwischen Menschen, Kulturen, Welt- und Lebensanschauungen, traditionalistischen Tendenzen und Aufbrüchen», skizziert Staub die Mammutaufgabe des künftigen Oberhirten.

«Ich wünsche mir deshalb einen Papst, der synodale Ansätze konsequent weltweit anordnet respektive anstösst – auch wenn ihm der Gegenwind ins Gesicht bläst. Die Kirche muss ihren Definitionen selber Glauben schenken, nämlich eine Einheit in der Vielfalt und Vielschichtigkeit in der Welt zu sein.»

Ruedi Beck
Ruedi Beck

Pfarrer Ruedi Beck, leitender Priester der Pfarrei St. Leodegar im Hof in Luzern, bekennt: «Ich kann zu diesem Thema nicht sehr viel sagen, da ich nicht weiss, was für einen Papst die katholische Kirche aktuell braucht. Es gibt so viele Aspekte, die für die Kirche wichtig sind. Kein Mensch kann für all diese Aspekte geeignet sein.»

«Mir scheint, dass es bei den letzten Papstwahlen immer gut gekommen ist.»

Er bittet deshalb um den Heiligen Geist, dass dieser das Konklave begleite – und sich dann so jener Papstkandidat zeigen möge, den die Kirche zum jetzigen Zeitpunkt als Papst brauche, und dieser dann auch gewählt werde. Beck: «Der neue Papst wird dann seinen Beitrag geben, und nach ihm wird wieder ein anderer kommen, der dann ebenfalls seinen Beitrag leisten wird. Mir scheint, dass es bei den letzten Papstwahlen immer gut gekommen ist. Deshalb habe ich den Glauben, dass es auch dieses Mal wieder so sein wird.»

«Ich wünsche mir einen Menschen als Papst, der einfühlsam und barmherzig ist.»

Michaele Madu ist Seelsorgerin in der Pfarrei St. Benignus in Pfäffikon, Fehraltdorf, Hittnau, Russikon im Kanton Zürich. Ihr Bauchgefühl sagt ihr, dass «ich mir einen Menschen als Papst wünsche, der einfühlsam und barmherzig ist. Der mit allen relevanten Staatsoberhäuptern den kritisch-konstruktiven Dialog sucht. Der sich klug und bedacht in moderner und frischer Sprache äussert.

Seelsorgerin Michaele Madu
Seelsorgerin Michaele Madu

Ein Papst, der sich auch in agnostisch und atheistisch Denkende hineinversetzen kann und sie anspricht. Und bei dem es konkrete Änderungen im Kirchenrecht gibt, indem er Bereiche mit Reformbedarf in das jeweilige Bischofsrecht der Länder verlegt, um je nach Entwicklungsstufe der dortigen Kultur Gleichstellung und Demokratie in der Kirche Gestalt annehmen zu lassen.»

«Es wird eine Persönlichkeit gesucht, die gut vermitteln kann – ein Brückenbauer im wahrsten Sinne des Wortes.»

Für Mario Pinggera, Pfarrer im zürcherischen Richterswil, verkörpern die Vorstellungen und Wünsche an den künftigen Papst per se fast eine Überforderung. «Die Werte in den einzelnen Kontinenten sind grundverschieden. Es wird demnach eine Persönlichkeit gesucht, die gut vermitteln kann – ein Brückenbauer im wahrsten Sinne des Wortes.» Er ist überzeugt, dass die meisten Kardinäle dies begriffen haben.

Pfarrer Mario Pinggera in der Pfarrei Heilige Familie in Richterswil
Pfarrer Mario Pinggera in der Pfarrei Heilige Familie in Richterswil

Aber es brauche auch eine Persönlichkeit, die den politischen Verwerfungen begegnen könne, findet Pinggera. «Allein die USA sind nicht mehr dasselbe Land wie 2024». Ausserdem dürfe hinter die Errungenschaften, die Papst Franziskus erreicht habe, nicht mehr zurückgegangen werden.

«Welche Art von Papst ich mir wünsche – das ist eine schwierige Frage.»

Michèle Adam Schwartz, Leiterin der Zuger Pfarreien Risch, Rotkreuz und Meierskappel, findet es nicht einfach, über die Eigenschaften des zukünftigen Papstes nachzudenken. «Welche Art von Papst ich mir wünsche – das ist eine schwierige Frage», räumt sie ein. Der neue Papst muss für sie «eine Person sein, die im Hier und Jetzt aufmerksam ist und entsprechend handelt. Da das Hier und Jetzt weltweit gilt, muss dies auch entsprechend differenziert werden.»

Pastoralraumleiterin Michèle Adam mit Hündin Kayra
Pastoralraumleiterin Michèle Adam mit Hündin Kayra

Insgesamt bedeutet dies für Michèle Adam Schwartz, «die Botschaft Jesu in unserer Zeit zu übersetzen und umzusetzen. Die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen mit ihren Fragen und Bedürfnissen, sie zutiefst zu verstehen und mit ihnen die Antworten und Mittel zu suchen, die sie dringend brauchen.»

Sagts und führt zur Veranschaulichung ein Beispiel aus der Architektur an. «Es gibt eine Kathedrale aus dem 13./14. Jahrhundert in Coventry in England, die 1940 zerstört wurde und unmittelbar daneben neu aufgebaut wurde. Dem Architekten war es wichtig, die Überreste sichtbar als ‹Garten der Erinnerung› mit dem Neubau zu Kirche zu verbinden», erklärt Adam. «Diese architektonische Leistung ist für mich symbolisch.»

Theologin Monika Schmid, frühere Gemeindeleiterin in Effretikon, wünscht sich, «wie es der Kirchenhistoriker Hubert Wolf sagt, einen durch und durch katholischen Papst. Das heisst einen Papst, der vom Wortbegriff her – griechisch: katholikos – das Ganze betreffend, dieses Ganze auch im Blick hat.» 

Monika Schmid
Monika Schmid

«Und… es muss einer sein, der die Opfer von sexualisierter Gewalt wirklich ernst nimmt.»

Zudem wünscht sie sich einen Papst mit dem grossen Herzen von Franziskus. «Einer, der den Kulturwandel, den Franziskus angestossen hat, auch in einem Strukturwandel fortsetzt.  Es braucht einen Papst, der den Mut hat, eine Dezentralisierung der Kirche anzusteuern, der die Vielfalt der Kirche ernst nimmt und der in Jesus Christus in Einheit zusammenhält. Und… es muss einer sein, der die Opfer von sexualisierter Gewalt wirklich ernst nimmt und sich, nicht nur verbal, für Nulltoleranz einsetzt gegen jegliche Art von Machtmissbrauch in der Kirche.»

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Öffnung der Heiligen Pforte durch Papst Franziskus am 1. Januar 2016 | © KNA
7. Mai 2025 | 16:00
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