Pastoralraum Aargau Süd: Kirchenpflegepräsident will umstrittenen Priester zurückholen
Luis Reyes war bis 2024 Kaplan im Seelsorgeraum Aargau Süd und möchte dort eine neue Anstellung. Er hat Gläubige mit Migrationshintergrund in die Kirche geholt, manche Einheimische dagegen vor den Kopf gestossen. Kirchenpflegepräsident Martin Sigg weibelt für ihn, das Bistum Basel will Reyes aber nicht weiter einsetzen. Dieser ist dennoch in der Pfarrei aktiv – als Freiwilliger.
Barbara Ludwig
Luis Alonso Reyes Gomez hat ab Sommer 2019 bis Ende Juli 2024 als Kaplan im Pastoralraum Aargau Süd gearbeitet, der zum Bistum Basel gehört. Der Pastoralraum besteht aus der Pfarrei St. Anna mit drei Kirchen – in Menziken, Beinwil am See und Unterkulm – und umfasst zehn politische Gemeinden. Vor seiner Tätigkeit in diesem Pastoralraum wirkte Reyes mehrere Jahre als Missionar in der Spanischsprachigen Mission im Kanton Aargau.
Der Priester ist jedoch im Bistum Lugano inkardiniert. Die Einsätze im Aargau beruhten auf zwei Vereinbarungen zwischen den Bischöfen von Basel, Felix Gmür, und Lugano, Valerio Lazzeri, und waren befristet. Reyes wurde vom aktuellen Leiter der Diözese Lugano, dem Apostolischen Administrator Alain de Raemy, zurückberufen, wie Barbara Melzl, bis vor kurzem Kommunikationsverantwortliche des Bistums Basel, mitteilte.
Petition an den Bischof
Mit diesem Entscheid wollen sich nicht alle im Pastoralraum abfinden, da Reyes bei einem Teil der Gläubigen offenbar sehr beliebt ist. Einen Verbleib des Priesters befürworten insbesondere Martin Sigg, seit 2024 Kirchenpflegepräsident der Kirchgemeinde Menziken-Reinach, und Pfarrer Piotr Palczynski, Leiter des Pastoralraumes.
«Ich will unbedingt, dass Luis Reyes zurückkommt», sagt Sigg auf Anfrage zu kath.ch. Das habe er vor seiner Wahl zum Präsidenten der Kirchenpflege so versprochen. Sigg verfasste 2024 eine Petition an Bischof Felix Gmür, die von rund 550 stimmberechtigten Mitgliedern der Kirchgemeinde unterschrieben wurde.
«Heute sehr viel mehr Menschen» im Gottesdienst
Was schätzt der Kirchenpflegepräsident so sehr an dem Priester? Das ist zum einen sein enormer Arbeitseinsatz, seine intensive Jugendarbeit, mit der Reyes viele Kinder und Jugendliche habe erreichen können. Sein Wirken habe ganz allgemein dazu geführt, dass «heute sehr viel mehr Menschen als früher die Gottesdienste besuchen», sagt Sigg. Heute sei die Gottesdienstgemeinschaft sehr international zusammengesetzt. Die Multikulturalität, das heisst die Beteiligung auch von Gläubigen mit ausländischen Wurzeln, liegt Sigg offenbar am Herzen.
«Padre Luis Reyes gehört zu den ganz wenigen Priestern, die mit einem multikulturell zusammengesetzten Kirchenvolk umgehen können», schrieb Sigg in einem Beitrag im Pfarrblatt «Horizonte» vom 10. August 2024 zum Abschied des Priesters. Reyes sei sehr kontaktfreudig und liebeswürdig, zudem spreche er mehrere Sprachen, so Sigg zu kath.ch.
«Sehr arbeitssam» und innovativ
Auch Pfarrer Piotr Palczynski rühmt Reyes. Er schätzte ihn als «sehr guten, sehr arbeitssamen Kollegen, der überdurchschnittlich viel leistete», wie er auf Anfrage gegenüber kath.ch sagt. Mit vielen neuen Ideen habe Reyes die Gemeinde belebt. Als Beispiel nennt der Pfarrer die Organisation einer Pilgerreise zum Kloster Montserrat bei Barcelona im Winter oder eine Krippenausstellung im Freien.
«Dank Reyes besuchen heute Leute den Gottesdienst, die früher nie zur Kirche gingen. Leute aus dem ganzen Pastoralraum», sagt Palczynski. Zum Beispiel Jugendliche. Oder anderssprachige Katholikinnen und Katholiken, was mit den Sprachkenntnissen des Priesters zu tun habe, der selbst aus Lateinamerika stammt. Reyes habe zudem Gläubige mit Migrationshintergrund für die Teilnahme an den Kirchgemeindeversammlungen motivieren können, so der Pfarrer.
Anonyme Kritik
Nicht alle Kirchenmitglieder im Pastoralraum Aargau Süd schätzten indes die Tätigkeit von Luis Reyes gleichermassen, wie kath.ch aus Kirchenkreisen erfuhr. Die von ihm geleiteten Gottesdienste dauerten viel länger als üblich, anderthalb Stunden – auch an gewöhnlichen Sonntagen, sagt ein Kirchenmitglied, das anonym bleiben möchte. Viele Leute seien deswegen den Gottesdiensten von Reyes ferngeblieben.
Die Art und Weise, wie der Priester Kirche praktiziere, sei nicht zeitgemäss und erinnere an die Zeit vor dem Konzil, findet die Person. Unterdessen würden viele alteingesessene Gläubige nicht mehr hier zur Kirche gehen. Reyes habe zwar Gläubige mit Migrationshintergrund zur Teilnahme an den Kirchgemeindeversammlungen motivieren können. Die Einheimischen hingegen nähmen nun nicht mehr an den Versammlungen teil. Dies sagt auch eine andere Quelle, die ihren Namen nicht auf kath.ch lesen will.
«Anders» und «konservativer»
Barbara Leuenberger, Vizepräsidentin der Kirchenpflege, umschreibt das Wirken von Reyes auf Anfrage von kath.ch folgendermassen: Der Priester habe die heiligen Messen «anders» gestaltet, als es sich viele Gemeindemitglieder gewohnt waren, nämlich «konservativer», schreibt sie. Er habe dabei «wenig Rücksicht» genommen «auf das Kirchenleben, das stattgefunden hat, bevor er bei uns Kaplan war».
Leuenberger weist darauf hin, dass es sich beim Pastoralraum Aargau Süd um «ein katholisches Diasporagebiet» handle. Die Gläubigen hätten die Predigten von Reyes oftmals als «Moralpredigten» empfunden, im Sinne von «nicht mehr nach dem richtigen Glauben zu leben». Deshalb seien einige Leute nicht mehr zur Kirche gegangen.
Konkreter will die Vizepräsidentin nicht werden. Als Mitglied der Kirchgemeinde sei sie ans Amtsgeheimnis gebunden, die Situation in der Kirchgemeinde sei «schwierig», sie sei «gespalten».
Bistum Basel hat Kapitel Reyes abgeschlossen
Aus Sicht des Bistums Basel ist das Kapitel Luis Reyes abgeschlossen. Denn der Basler Bischof Felix Gmür ist nicht bereit, eine dritte Vereinbarung mit der Diözese Lugano abzuschliessen. Daran hat auch die von Martin Sigg lancierte Petition für einen Verbleib des Priesters im Pastoralraum nichts geändert.
Gmür will Reyes auch nicht in den Kreis seiner Priester aufnehmen. «Eine Inkardination in die Diözese Basel ist ausgeschlossen» hiess es bereits in der zweiten Vereinbarung, an die Generalvikar Markus Thürig in einem Schreiben vom 22. Februar 2024 an die Kirchenpflege Menziken erinnert. Unterdessen hat das Bistum einen anderen Priester eingesetzt, der Pfarrer Palczynski unterstützt.
Was hat Kirchgemeinde vor?
Martin Sigg will seinen Plan, Reyes in den Pastoralraum zurückzuholen, trotz allem nicht aufgeben, wie im Gespräch mit kath.ch deutlich wird. Offen bleibt, welche Massnahmen er dazu ins Auge fasst. An der ausserordentlichen Kirchgemeindeversammlung vom 18. März war noch eine «Information über die getroffenen Massnahmen zugunsten einer Rückkehr von Padre Luis Reyes in unsere Kirchgemeinde» angekündigt.
Laut «Aargauer Zeitung» von 20. März wurden dazu schliesslich nur wenig Worte verloren: Sigg habe von drei Briefen berichtet, die er ans Bistum gerichtet habe. Und er werde weiterhin den Kontakt suchen zu Bischof Felix Gmür. Gegenüber kath.ch möchte Sigg «im Augenblick zum Thema Padres Luis Reyes nicht mehr mitteilen, als was ich an der Kirchgemeindeversammlung gesagt habe».
Als Freiwilliger im Pastoralraum tätig
Von einiger Brisanz ist womöglich, dass Reyes sich immer noch auf dem Gebiet des Pastoralraums aufhält. Er hat nämlich keine neue Aufgabe in der Tessiner Kirche übernommen. Der Priester sei zurückgerufen worden, habe es jedoch «vorgezogen, in der Deutschschweiz zu bleiben», teilt Bistumssprecher Luca Montagner auf Anfrage mit.
Er wohne in Unterkulm, bestätigt Luis Reyes am Telefon gegenüber kath.ch. Er wolle «zu 100 Prozent» wieder als Priester im Pastoralraum arbeiten. «Ich habe hier etwas Neues und Gutes aufgebaut, das sehr erfolgreich ist», sagt er und verweist auf seine Jugendarbeit nach dem Vorbild von Don Bosco. Er sei immer noch für den Pastoralraum Aargau Süd tätig – «als Freiwilliger», also ohne bischöflichen Auftrag.
Jeden Freitagabend leite er zum Beispiel ein Treffen für Jugendliche, das jeweils im Keller des Pfarrhauses von Menziken stattfinde – mit Gebeten, Disco und einem Pizzaessen. Er feiere auch Heilige Messen, Beerdigungen oder mache Haussegnungen, wenn ihn Leute darum bitten – Reyes sieht darin eine grosse Akzeptanz durch die Menschen. Bezahlt sei er nicht für diese Tätigkeit.
Reyes weist Vorwürfe zurück
Den Vorwurf, er gestalte die heiligen Messen «konservativ» lässt Reyes nicht gelten. «Was bedeutet ‹konservativ›? Das ist ein Begriff, der verschiedene Bedeutungen hat», entgegnet er. Lateinische Messen etwa habe er nie gefeiert. Er habe hier, im Gegenteil, Sachen eingeführt, die nicht konservativ seien. «Oder denken Sie, es ist konservativ, die Kinder um den Altar zu versammeln, um die Fürbitten und das Vaterunser zu beten?»
Auch dass er am Palmsonntag bei einer Prozession einen Knaben als Jesus auf einem Esel reiten lasse, sei doch nicht konservativ. Genau so wenig wie die Instrumente, die er in seinen Messen spielen lasse: Gitarre, Tamburinen oder Alphörner. «Ich bin kein alter Mann, sondern ein freundlicher, dynamischer Priester. Deswegen kommen die Jugendlichen und die Kinder zu mir. In meiner heiligen Messe werden sie bestimmt nicht schlafen.»
Hoffnung auf Meinungswechsel beim Ortsbischof
Reyes betont, der Apostolische Administrator Alain de Raemy habe ihm erlaubt, weiter hier zu bleiben, um eine medizinische Behandlung zu beenden. «Aber nicht nur dazu. Er sagte mir auch, wenn Bischof Felix Gmür mir die Missio erteile, dürfe ich hier bleiben.»
Dass der Ortsbischof dies tut – und seine Meinung ändert, darauf hofft Padre Reyes offenbar immer noch. Er akzeptiere den Entscheid von Bischof Felix Gmür. «Aber die Autorität der Kirche sollte auch die Stimme der gläubigen Menschen hören. Sicher, ich werde nicht von den Gläubigen gewählt. Aber wenn dies so wäre, würde ich mit 99 Prozent der Stimmen gewählt, weil die Leute mit meiner Arbeit zufrieden sind», sagt Reyes.
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