Papst Franziskus und die Politik: «Der Heilige Stuhl hat eigentlich die klügste und erfahrenste Diplomatie der Welt»
Papst Franziskus war ein politisch sehr aktiver Papst, der überall auf der Welt seine Stimme für den Frieden einsetzte. Doch in Gaza und in der Ukraine tobt nach wie vor der Krieg. Welchen Einfluss können Päpste tatsächlich auf die Weltpolitik ausüben? Und wie politisch sollte der Vatikan sein? Fragen, die Kirchenhistoriker Mariano Delgado für kath.ch beantwortet und einordnet.
Wolfgang Holz
Herr Professor Delgado, Papst Franziskus hat sich aktiv politisch in der Welt für Frieden eingesetzt. Stichwort: Frieden in Gaza. Stichwort: Frieden in der Ukraine. An beiden Orten tobt weiterhin der Krieg. Wie beurteilen Sie den Erfolg solcher Friedensmissionen von Papst Franziskus während seiner Amtszeit?
Mariano Delgado*: Manche Stellungnahmen von Papst Franziskus zu diesen Konflikten waren nicht sehr klug. Daher kam er beziehungsweise der Heilige Stuhl als Friedensvermittler nicht in Frage. Später hat er – vor allem in der Ukraine durch die Aussendung von Kardinal Matteo Zuppi – versucht, zu vermitteln. Dazu braucht man aber das Vertrauen von beiden Seiten – und das war nicht mehr gegeben. Papst Franziskus hatte viele Vorzüge, aber als Argentinier neigte er auch immer wieder zu schnellen, nicht immer gut überlegten Kommentaren, die man in der Welt der Diplomatie nicht machen sollte.
Wie gewichtig schätzen Sie heutzutage generell das Wort eines Papstes in der Weltpolitik ein? Sind das nur Fensterreden oder kann ein Papst tatsächlich etwas weltpolitisch bewirken?
«Der Rat der letzten Päpste war in gewissen Kriegssituationen immer wieder gefragt.»
Delgado: Das zeitgenössische Papsttum hat – spätestens seit der Enzyklika «Pacem in terris» (1963) von Johannes XXIII. (Papst 1958-1963) – inmitten der Kuba-Krise ein grosses moralisches Ansehen, wenn es um Krieg und Frieden geht. Seine Worte werden nicht nur «gehört», sondern haben auch breite Resonanz. Die letzten Päpste haben immer wieder den Krieg nicht nur als «grösstes Übel» gemäss der Tradition des «gerechten Krieges» bezeichnet, sondern auch als eine «Niederlage für die Menschheit». Der Rat der letzten Päpste war in gewissen Kriegssituationen immer wieder gefragt, sodass Diplomaten von allen Seiten (auch Nichtchristen) bei Ihnen vorbeischauten…, so war es zum Beispiel im Vorfeld der Golfkriege bei Johannes Paul II.
Sie sagen es. Einer der letzten Päpste, der tatsächlich effektiv für den Frieden in Europa etwas erzielt hat, war Johannes Paul II. Ohne ihn, als Pole, wäre der Fall der Mauer und die Beendigung des Ost-West-Konflikts nicht denkbar gewesen. Ist das ein Einzelfall, oder wie sehen Sie das?
«Das Wirken von Johannes Paul II. in diesem Bereich war eindrucksvoll. Er wusste um die Macht des Wortes und hatte eine grosse moralische Autorität.»
Delgado: Das Wirken von Johannes Paul II. in diesem Bereich war eindrucksvoll. Er wusste um die Macht des Wortes und hatte eine grosse moralische Autorität. Wie schon erwähnt, wollten alle im Vorfeld der Golfkriege seinen Rat kennen und suchten seine Vermittlung. Unter den modernen Päpsten müsste man auch Benedikt XV. (Papst 1914-1922) erwähnen, der während des Ersten Weltkriegs eine fieberhafte Friedensdiplomatie entfaltet hat, nicht zuletzt in Zusammenarbeit mit neutralen Ländern wie der Schweiz.
Gerade im humanitären Bereich war diese Zusammenarbeit sehr fruchtbar, wie der Freiburger Kirchenhistoriker Lorenzo Planzi in seiner Habilitationsschrift von 2024 gezeigt hat . Die päpstliche Diplomatie war sowohl nach dem Ersten wie nach dem Zweiten Weltkrieg an der Entstehung einer neuen politischen Ordnung stark beteiligt, etwa bei der Gründung des Völkerbundes 1920 oder der Unterzeichnung der Römischen Verträge 1957, die den Grundstein für die heutige Europäische Union legten.
Hat es andere Päpste in der Kirchengeschichte gegeben, die moderierend und befriedend auf Machtkämpfe eingewirkt haben und tatsächlich etwas verändert haben in Sachen Krieg und Frieden?
«Im Mittelalter galt das Papsttum als eine übergeordnete Instanz, von der man sich eine wichtige Rolle wie etwa als Schiedsinstanz bei der Regelung von Konflikten im Bereich von Krieg und Frieden erhoffte.»
Delgado: Im Mittelalter und bis zum Westfälischen Frieden (1648) galt das Papsttum als eine übergeordnete Instanz, von der man sich eine wichtige Rolle wie etwa als Schiedsinstanz bei der Regelung von Konflikten im Bereich von Krieg und Frieden erhoffte.
Manchmal vereitelten die Päpste diese Rolle durch einseitige Parteinahme, wie etwa der Medici-Papst Clemens VII. (1523-1534), der in Konflikt zwischen Frankreich und Spanien-Habsburg (Karl V.) als «pro französisch» galt. Sein Nachfolger, der Farnese Papst Paul III. (1534-1549), konnte hingegen beim Frieden von Nizza 1538 zwischen Kaiser Karl V. und König Franz I. von Frankreich eine zentrale Rolle spielen.
Und wie sieht es in der jüngsten Zeit aus?
Delgado: Auch in der jüngsten Zeit war das Papsttum als Schiedsinstanz gefragt, so etwa beim Beagle-Konflikt zwischen Chile und Argentinien – dabei ging es um den Verlauf der Grenze in Patagonien an der Magellan-Strasse. Diese Länder baten 1971 zuerst Grossbritannien um die Mediation, aber Argentinien hat den Schiedsspruch von 1977 nicht anerkannt. Das führte zu einer Kriegsbereitschaft in beiden Ländern.
Für beide Länder kam schliesslich nur der Papst in Frage, und unter Johannes Paul II. (1978-2005) konnte nach schwierigen Verhandlungen am 29. November 1984 in Rom ein Friedens- und Freundschaftsvertrag zwischen Chile und Argentinien unterschrieben werden. Eine ähnliche Mediation übernahm das Papsttum 1995 bei einem Grenzkonflikt zwischen Ecuador und Peru. Hier führte diese Arbeit zu einem Friedensabkommen, das von beiden Ländern am 26. Oktober 1998 in Brasilia unterzeichnet wurde. In der Geschichte Lateinamerikas der letzten zweihundert Jahre gibt es mehrere Fälle dieser Art. In anderen Weltregionen ist die Mediation des Papstes weniger gefragt.
Früher waren Päpste ja als Herrscher eines Kirchenstaats selbst Machtpolitiker. Andererseits war der Papst nicht zu allen Zeiten in Rom ansässig. Ab 1309 etablierte sich Avignon als Sitz der Päpste. Der Einfluss der französischen Könige auf die Kirche wuchs. Inwiefern waren und sind Päpste bis heute Vasallen der weltlichen Macht oder selbstständige Player?
Delgado: Nach Avignon musste das Papsttum 1309 infolge eines Konfliktes mit Philipp IV., König von Frankreich ziehen. Teilweise (1378-1417) gab es in der Folge mehrere Päpste – in Avignon und in Rom. Von 1309 bis zur Beilegung des «Grossen Abendländischen Schismas» 1417 beim Konzil von Konstanz haben wir es mit einem schwachen, von den weltlichen Mächten abhängigen Papsttum zu tun.
«Die Päpste haben ihre Rolle als Globalplayer unterschiedlich wahrgenommen.»
Und danach?
Delgado: Nach der Französischen Revolution gab es zuerst zwei Päpste, Pius VI. und Pius VII., die von Napoleon zeitweise quasi in Gefangenschaft gehalten wurden, während wir es danach mit einem stetigen Wachstum der geistigen Autorität des Papsttums zu tun haben. Pius IX. (1846-1878) war eher unter Katholiken eine grosse Autorität. Sein Nachfolger Leo XIII. (1978-1903) gewann aber mit der Beilegung des Kulturkampfes und der Wahrnehmung der sozialen Frage Ansehen bei anderen Konfessionen und bei den politischen Weltanschauungen. Seitdem haben die Päpste ihre Rolle als Globalplayer unterschiedlich wahrgenommen.
Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war ja politisch nicht einfach: zwei Weltkriege und Totalitarismen von links und von rechts. Die Päpste haben Enzykliken und Friedensbotschaften verabschiedet, aber – aus verschiedenen Rücksichten – nicht immer mit der nötigen prophetischen Freimut. Seit Johannes XXIII. haben die Päpste ihre Rolle als Global Player stärker wahrgenommen – besonders Johannes Paul II. und Franziskus (2013-2025). Dieser konnte zwar weder im Ukraine- noch im Gazakrieg vermitteln, aber mit den Enzykliken «Laudato si’» (2015) und «Fratelli tutti» (2020) war seine Stimme in wesentlichen Fragen der globalen Welt deutlich und mit viel Resonanz vernehmbar.
«Seit dem Konzil versteht sich das Papsttum als «Hüter der Menschheitsfamilie».
Wie politisch war und sollte der Vatikan aus Ihrer Sicht sein?
Delgado: Im Mittelalter und noch in der Renaissance hielten Theologen den Papst für den «Hüter des Naturrechts». Seit dem Konzil versteht sich das Papsttum als «Hüter der Menschheitsfamilie». Das ist auch der Grund, warum wesentliche Rundschreiben der letzten Päpste an «alle» Menschen guten Willens adressiert werden.
Das Wirken des Papsttums in diesem Bereich, sprich: dem Eintreten für die Menschenwürde aller, insbesondere für die Armen und Rechtlosen, kann nicht genug politisch sein. In konkreten Konflikten muss aber das prophetische Wort auch mit Klugheit gesprochen werden, wenn man von allen Seiten ernst genommen werden möchte. Der Heilige Stuhl hat eigentlich die klügste und erfahrenste Diplomatie der Welt. Umso weniger verständlich sind dann manche Ausrutscher der letzten Päpste, vor allem bei Franziskus, die eine für die Rolle des Papstes bedenkliche, «autokratische», beratungsresistente Seite zeigen.
* Mariano Delgado ist Professor für Kirchengeschichte an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg und Dekan der Klasse VII (Weltreligionen) in der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste (Salzburg)
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