«Papst Franziskus hat uns vorgelebt, wie man leben sollte»
Der Heilige Vater ist tot. Sein überraschendes Ableben am Ostermontag nach seiner schweren Krankheit hat weltweit viele Menschen geschockt. Wie empfinden Gläubige in der Schweiz den Tod von Papst Franziskus? Ein Augenschein rund um die Zürcher Liebfrauenkirche.
Wolfgang Holz
An diesem sonnigen Morgen wirkt alles ruhig und friedlich rund um die Liebfrauenkirche. Kaum jemand ist zu sehen. Nur das Gebläse des Staubsaugers, das aus der geöffneten Tür zur Krypta der Kirche lärmt, unterbricht plötzlich die Stille. Sakristanin Franci Cuadrado ist gerade dabei, den Vorraum zu reinigen. Angesprochen auf den verstorbenen Papst Franziskus, stellt sie den Staubsauger sofort ab.
«Ein Mensch, für alle offen und zugänglich»
«Ja, klar, bin ich traurig über den Tod von Papst Franziskus. Er war schliesslich der erste Latino als Papst», sagt die Sakristanin und verrät, dass sie selbst aus Kolumbien stammt. «Franziskus hat die Schmerzen Lateinamerikas gekannt und verstanden», ist die 56-Jährige überzeugt. Der Heilige Vater habe sein Amt als oberster Chef der Kirche ausgeübt «als ein Mensch, der für alle offen und zugänglich war – für Kinder, für Erwachsene, für ältere Menschen».
Sie hofft deshalb, dass der Nachfolger von Papst Franziskus dessen Weg weiterverfolge. «Der neue Papst sollte weder zu konservativ noch zu liberal sein – ein Mann der Mitte wäre für mich der Richtige.» Auf jeden soll der neue Papst laut Franci Quadrado auch offen sein für die Anliegen der Frauen. Sagts und saugt weiter.
Gerahmte Fotografie von Papst Franziskus vor dem Altar
In der Liebfrauenkirche sitzen einige Gläubige und lassen die Atmosphäre auf sich wirken. Vor dem Altar steht eine schöne Fotografie von Papst Franziskus, eingerahmt von Blumen und Kerzen. Ein Mann, Anfang sechzig, zündet selbst noch eine Kerze an, bevor er die imposante Pfarrkirche im Basilika-Stil, im Innern reichlich verziert durch grosse Mosaike und Wandbilder, wieder verlässt.
«Eigentlich ist Papst Franziskus zu früh gestorben», ist der Zürcher Anwalt und Steuerberater, der seinen Namen nicht online lesen möchte, überzeugt. Der südamerikanische Papst sei sehr gut bei den Gläubigen angekommen und habe alles versucht, der katholischen Kirche neuen Schub zu verleihen. «Dies ist ihm leider nur zum Teil gelungen, auch weil er in seinem Pontifikat ausgebremst worden ist.»
«Ohne Pomp und für die Armen»
Er und seine Ehefrau lebten damals in Panama, als der argentinische Kardinal vor 12 Jahren zum Papst gewählt wurde, erzählt der Zürcher. Seine Frau habe in dem mittelamerikanischen Staat ein Kinderhilfswerk aufgebaut, das heute noch Bestand habe. Ihm persönlich habe der lateinamerikanische Lebensstil sehr zugesagt.
«Papst Franziskus hat uns allen vorgelebt, wie man leben sollte – ohne Pomp. Und er hat sich stets für die Armen eingesetzt», lobt der Zürcher. Wobei er gesteht: «Ich bin gerade heute Morgen offiziell aus der Kirche ausgetreten» – eine Entscheidung, die er schon lange anvisiert habe. Eine Entscheidung, über deren genaue Gründe er nicht offen sprechen mag. «Aber nachdem Papst Franziskus gestorben ist, habe ich mir gedacht: Nun ist ein Ende erreicht. Christ bleiben werde ich deshalb auch weiterhin.»
«Fortschrittlicher Papst»
Inzwischen ist es kurz vor zwölf. Einige lassen sich zur Mittagspause auf den Holzbänken neben der Liebfrauenkirche nieder und blinzeln in die Sonne. Auch Claudia Marti packt gerade ihre Thermosflasche aus dem Stoffbeutel. Sie ist reformierten Glaubens. Gleichwohl hat sie sich auch für den Oberhirten der katholischen Kirche interessiert.
«Papst Franziskus war ein sehr fortschrittlicher Papst, er hat sich für die Dritte Welt, die Armen und die Randständigen eingesetzt», hebt sie lobend hervor. Er sei auch ein einfach lebender Mensch gewesen, der jeglichen Prunk abgelehnt habe. «Er hat sich sogar für die Frauen in der katholischen Kirche eingesetzt – wenigstens ein bisschen», so Marti.
Sollte sich denn ein neuer Papst ihrer Meinung noch konsequenter für die Frauenweihe engagieren – damit wie bei den Reformierten Gleichberechtigung in der Kirche herrscht? «Es gibt zig Religionen, in denen Frauen nichts zu sagen haben», relativiert sie. «Aber ja, meines Erachtens sollte es zukünftig auch für Frauen möglich sein, Priesterin zu werden.» Dies wäre aus ihrer Sicht ein wichtiges Signal – «denn es treten ja auch viele Frauen aus der Kirche aus.»
«Er war sehr weltoffen»
Mittlerweile läuten die Glocken der Liebfrauenkirche zum Mittagsgottesdienst. Auch Tourist Massimo Aldegheri macht sich gerade auf, die Zürcher Pfarrkirche mit viel italienischem Ambiente zu betreten. «Ich habe Papst Franziskus sehr respektiert», räumt der junge Winzer aus Verona ein, der in seiner Heimatregion unter anderem Valpolicella als Rebsorte anbaut. Aus seiner Sicht ist es sehr traurig, dass Papst Franziskus nun nicht mehr lebt.
«Er hat sich dafür eingesetzt, eine moderne Kirche zu schaffen und war sehr weltoffen», rühmt Massimo Aldegheri dessen Vorzüge. Auch sei Papst Franziskus beispielsweise während seines Pontifikats nach Armenien gereist, um bei einem Besuch in Eriwan die Verfolgung der Armenier als «Genozid» zu bezeichnen. «Andererseits war Papst Franziskus nicht mein Lieblingspapst, weil er sich in politische Dinge eingemischt hat, die meiner Meinung nach nichts mit der Kirche zu tun haben.» Stichwort: Klimaschutz und Grüner Deal.
Die Sache mit dem Tequila
Auch Gabriel Roqueni wartet auf einer Steinmauer vor der Liebfrauenkirche auf den Beginn der heiligen Messe. Der Mexikaner, der eine geschmackvolle Sonnenbrille und ein modisches Jackett trägt, ist ein Fan des verstorbenen Papstes. «Er ist einfach den Menschen immer sehr nahegestanden. Und seine christlichen Botschaften haben die Menschen erreicht und ihnen Glauben und Hoffnung vermittelt.»
Wobei der Tequila-Hersteller aus Mexico-City Papst Franziskus sogar persönlich kennenlernen durfte. Er habe nämlich 2023 im Rahmen einer Delegation um den mexikanischen Kardinal Carlos Aguiar Retes eine kurze Privataudienz bei Papst Franziskus gehabt.
«Als ich Papst Franziskus dabei eine Tequilaflasche mit seinem Namen auf dem Etikett als Geschenk überreichte», erzählt Roqueni, «habe ich mich beim Heiligen Vater dafür entschuldigt, dass ich ihm kein religiöses Geschenk mitgebracht habe.» Franziskus habe die Flasche entgegengenommen und humorvoll gefragt: «Was ist das?! Ah, heiliges Wasser!»
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