Liechtensteinisches Missbrauchsopfer: «Glauben an die katholische Kirche hat sie verloren»
Thomas J., der 50-jährige frühere Priester, ist von einem deutschen Gericht wegen Kindsmissbrauch zu acht Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. Er hat 2019 im Fürstentum Liechtenstein ein achtjähriges Mädchen missbraucht. Wie geht es dem Mädchen und ihren Eltern nach dem Urteil?
Wolfgang Holz
Der Missbrauchsfall ereignete sich vor fünfeinhalb Jahren in der liechtensteinischen Gemeinde Ruggell. Nach dem Ministrantenunterricht begleitete das damals achtjährige Mädchen den Geistlichen Thomas J. ins Pfarrhaus, um ein Ministrantenbüchlein abzuholen.
Mit einer Bürste im Brustbereich massiert
Dort geschah der Missbrauch: Der Priester massierte das Kind mit einer Bürste am Oberkörper und im Brustbereich. Das Mädchen lag dabei auf einem Bett oder Sofa.
Heute ist das Mädchen 13 Jahre alt. Wie geht es ihr und ihren Eltern nach dem Urteil, fast sechs Jahr später, also?
«Wir sind erleichtert, dass es nun ein klares Gerichtsurteil zu dem Fall gibt», bekennt der Vater des Mädchens gegenüber kath.ch. Er lebt mit seiner Familie in Liechtenstein. «Nachdem Herr J. im Vorfeld regelmässig verlautbaren liess, dass er die Professionalität der liechtensteinischen Justiz anzweifle, ist es auch eine Erleichterung für unsere Familie, dass ein Gericht in Deutschland den Fall nun mit einem Urteil abgeschlossen hat, welches Herr J. somit akzeptieren müsste.»
«Aus rechtsstaatlicher Sicht geht das Urteil in Ordnung.»
Und was ist mit der Höhe des vom Gericht verordneten Strafmasses? «Aus rechtsstaatlicher Sicht geht das Urteil in Ordnung», sagt der Vater. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.
Missbrauchsfall vor Gericht nochmals «durchlebt»
Für den Vater und seine Tochter sei es herausfordernd gewesen, dass sie den Missbrauchsfall quasi nochmals im Prozess am Amtsgericht Montabaur durchleben mussten.
«Dieser sass im Moment der Aussage nur wenige Meter entfernt von ihr. Diese Situation war für meine Tochter eine grosse Herausforderung und sehr belastend.»
Denn die 13-Jährige musste trotz ihrer Aussagen bei der Polizei in Liechtenstein, teils per Video, vor dem deutschen Gericht erneut als Betroffene dem Richter Rede und Antwort stehen – alleine, ohne Anwesenheit ihres Vaters, der auch als Zeuge aufgeboten war. Und zwar in unmittelbarer Gegenwart des inzwischen verurteilten Täters Thomas J.
«Dieser sass im Moment der Aussage nur wenige Meter entfernt von ihr. Diese Situation war für meine Tochter eine grosse Herausforderung und sehr belastend», erzählt der Vater. Doch seine Tochter habe diese erneute Konfrontation mit dem Täter überstanden und bewältigt.
«Tapfer verarbeitet»
Die vergangenen Jahre seit dem Missbrauch habe seine Tochter «tapfer verarbeitet», bekräftigt ihr Vater gegenüber kath.ch. Allerdings habe sie der Missbrauchsfall «sicher auch verändert».
Nicht zuletzt in Sachen Kirche. Die Achtjährige wollte ja damals Ministrantin werden. Der Vater spricht Klartext. «Die Kirche in Ruggell ist ein No-Go für sie geworden. Es ist für sie schwer, überhaupt den Fuss wieder in eine Kirche zu setzen. Den Glauben an die katholische Kirche hat sie verloren.»
Unterm Strich würden aber auf jeden Fall die Erleichterung und Gewissheit bei seiner Tochter überwiegen, so der Vater: Dass nach der sehr belastenden Zeit nach dem Missbrauch nun endlich ein klares Urteil gesprochen worden sei.
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