So sieht ein Reerdigungs-Kompostierbehälter aus.
Schweiz

Theologin: «Reerdigung ist eine weitere und sehr ökologische Variante der Erdbestattung»

Sollen menschliche Leichname im Kanton Zürich künftig kompostiert beziehungsweise «reerdigt» werden dürfen? Diese Frage wird nun geprüft. Bisher ist diese Bestattungsform nur in einem deutschen Bundesland erlaubt. Die katholische Theologin Barbara Lehner ordnet ein.

Wolfgang Holz

Jüngst diskutierte der Zürcher Kantonsrat über die Zulassung dieser alternativen Bestattungsmethode. Das Prinzip tönt einfach: Beim «Re-Erding» werden Verstorbene in einem Metall-«Kokon» auf ein Bett aus Stroh, Heu, Kräutern und Blumen gelegt, wobei sie mit diesem Material auch zugedeckt werden. Dann wird der «Kokon» geschlossen. Die Mikroorganismen, die im pflanzlichen «Bett» und im Körper leben, zersetzen den Körper innert sechs Wochen zu Komposterde.

Umwandlung zu nährstoffreicher Erde

Die Umwandlung des Körpers zu nährstoffreicher Erde erfolgt in diesem geschlossenen System ohne Würmer oder Insekten. Übrigbleibende Knochenreste werden zerkleinert und dem Humus beigemischt.

Die katholische Theologin Barbara Lehner
Die katholische Theologin Barbara Lehner

Der Zürcher Kantonsrat unterstützte mit 101 Stimmen die Einzelinitiative des 76-jährigen Herbert Ammann, der Mitglied der Senior-GLP seiner Wohngemeinde am Zürichsee ist. Er selbst könnte sich «Re-Erding» für seine eigene Bestattung offenbar gut vorstellen, wie es heisst. Der Körper werde zur Basis für neues Leben.

Bisher nur im deutschen Schleswig-Holstein erlaubt

Bisher sind in der Schweiz erst Erdbestattungen und Kremationen erlaubt. In Deutschland ist «Re-Erding» hingegen seit Jahren ein Thema, auch auf politischer Ebene. Erlaubt ist das Leichen-Kompostieren bisher aber nur in Schleswig-Holstein. Die Idee stammt ursprünglich aus den USA.

Was ist theologisch von dieser neuen Bestattungsform zu halten? Barbara Lehner kann sich diese neue Bestattungsform auch in der Schweiz vorstellen. Sie ist freischaffende Theologin und Ausbildnerin für Trauerfeiern und Trauerbegleitung und hat 2021 ein Praxisbuch über Trauerfeiern und Bestattungen verfasst.

«Nähe des Menschen zur Erde»

 »Von der Erde bist Du genommen, zur Erde kehrst Du zurück – Erde zu Erde, Staub zu Staub.» Dieser Ausspruch, der bei der Beerdigung benutzt werde und sich an Genesis 3,19 anlehne, zeige die Nähe des Menschen zur Erde auf, so Lehner gegenüber kath.ch.

Reerdigungs-Kompostierbehälter für menschliche Leichname, die darin rund 40 Tage lagern und zu Erde zerfallen.
Reerdigungs-Kompostierbehälter für menschliche Leichname, die darin rund 40 Tage lagern und zu Erde zerfallen.

«Als Mensch (Adam) aus der Erde (Adamah) gestaltet, sind wir zeitlebens mit der Schöpfung verbunden – und so heisst es im Schöpfungsbericht – mit göttlichem Lebensatem beschenkt, den wir mit allem Lebendigen teilen und den wir mit unserem letzten Atemzug wieder zurückhauchen ins grosse Ganze. Diese tiefe Verbundenheit mit der Natur und den Kreisläufen von Werden, Sein und Vergehen zeigt sich auch in der Idee der Reerdigung», findet die katholische Theologin.

Zersetzungsprozess vor der Beisetzung in die Erde

Insofern sehe sie die Reerdigung als eine weitere und sehr ökologische Variante der Erdbestattung – «mit dem Unterschied, dass der Zersetzungsprozess vor der Beisetzung in die Erde stattfindet und durch das Beifügen von Mikroorganismen, Luftzufuhr und Wärme beschleunigt wird.

«Im Katholizismus kennen wir das Totengebet zum 30. Tag nach der Beisetzung, auch dieser Aspekt könnte aufgenommen werden.»

Als Zeitraum für die «Transformation» werden 40 Tage genannt, ein Zeitraum, der in verschiedenen Traditionen genannt wird, so Lehner, für das Lösen der Seele vom Ort des Körpers. «Im Katholizismus kennen wir das Totengebet zum 30. Tag nach der Beisetzung, auch dieser Aspekt könnte aufgenommen werden.»

Alvarien für die Kokons der Reerdigungs-Bestattung

Konkret findet die Reerdigung in Alvarien in Schleswig-Holstein statt, ist auf der Homepage des bislang einzigen europäischen Anbieters dieser neuen Bestattungsmethode, «Meine Erde» in Deutschland, zu lesen. Die verstorbene Person wird vom Bestattungsinstitut zum Alvarium von «Meine Erde» überführt. Im Alvarium stehen die Kokons für die Reerdigungs-Bestattung.

Totengedenken auf dem Friedhof in Appenzell
Totengedenken auf dem Friedhof in Appenzell

Im Alvarium – lateinisch für Bienenstock – befinden sich Kokon und Wabe für die Reerdigung. Der Begriff orientiert sich am «Kolumbarium» (lateinisch für Taubenschlag), einem Friedhofsgebäude, in dem Urnen und Särge aufbewahrt werden. Die Grösse eines Alvariums kann variieren. Die ersten Alvarien in Deutschland sind frei gewordene Friedhofskapellen.

«Trauerfeier wohl samt Sarg»

«Wenn sich die Reedigung als Variante bei uns einbürgern würde, müssten wir die Trauerrituale nur bedingt den Gegebenheiten dieser Bestattungsart anpassen», erklärt Barbara Lehner. Dann würde die Trauerfeier wohl samt Sarg geschehen und dann der Leichnam umgebettet in den «Kokon», in dem die technisch und biologisch unterstützte «Transformation» stattfindet.

Barbara Lehner, freischaffende Theologin.
Barbara Lehner, freischaffende Theologin.

Anschliessend käme es zur Beisetzung in der Erde. «In Deutschland ist dies aufgrund der Bestattungspflicht nur auf einem Friedhof möglich. Hier in der Schweiz müsste dies diskutiert werden. Ich plädiere – anders als bei der Kremation – aufgrund des Volumens und aus Pietätsgründen für diese Bestattungsart für eine Beisetzung auf dem Friedhof», ist die katholische Theologin überzeugt.

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Reerdigungen sind auch ein lukratives Geschäft: Die Kosten der Reerdigung belaufen sich auf umgerechnet rund 3000 Franken. Die verstorbene Person sollte dabei allerdings ein maximales Körpergewicht von 100 Kilogramm und eine maximale Körpergrösse von ca. 190 Zentimeter nicht überschreiten.


So sieht ein Reerdigungs-Kompostierbehälter aus. | © »Meine Erde»
21. Februar 2025 | 17:00
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