Regula Knecht-Rüst, SRF-Radiopredigerin.
Radiopredigt

Regula Knecht: Das Ringen um Zufriedenheit

Durch viele mediale Kanäle wird uns vorgegaukelt, wir verpassten unser Leben. Regula Knecht spricht in ihrer Radiopredigt vom Phänomen «FOMO» und wie sie selber damit umgeht. Und sie erkennt im Völkerapostel Paulus ein Vorbild, der «FOMO» zu «JOMO» transformieren kann.

Regula Knecht-Rüst*

Kenne sie das Wort FOMO? Das ist die Abkürzung für «Fear Of Missing Out», auf Deutsch: «die Angst etwas zu verpassen». Noch vor wenigen Jahren gab es kein Wort dafür. Heute kennen es die meisten jungen Menschen. Der Ursprung von FOMO findet sich in unserem Wahn alles, was man sieht und erlebt in Bildern festzuhalten und mittels der sozialen Medien zu teilen. Instagram, TikTok, Facebook, WhatsApp und andere Plattformen werden so tagtäglich gefüttert mit einer schier unendlichen Masse an Bildern. Anstatt dass der Konsument oder die Konsumentin die Bilder geniesst, vermitteln sie uns das Gefühl:  das, was du erlebst, ist nicht genug, gemessen an dem, was alles zusätzlich noch möglich wäre. Dir fehlt etwas.

Die Gedanken des Vergleichens

Abends müde auf dem Sofa sitzend kann es mir also passieren, dass ich energielos mein Handy streichle, als wäre es eine Katze, die mir auf dem Schoss liegt. Mein Gehirn, zu müde, um noch selbst zu denken, füttere ich mit den farbigen Sonnenauf- und untergängen oder anderen spektakulären Landschaften.  Ich lasse mich von der Illusion einlullen, diese Bilder seien erholsam für mich.  Aber das Gegenteil passiert: mich befällt FOMO, die Angst, etwas zu verpassen. Ich werde unzufrieden und ungute Gedanken des Vergleichens füllen mich. Wenn mein Lohn höher wäre … wenn ich mehr Ferien hätte … wenn mein Partner dieselben Wünsche hätte … wenn wir noch ein Auto hätten … wenn mein Fuss nicht mehr wehtun würde … dann, wäre mir das vielleicht auch möglich.

Teil der privilegierten Weltbevölkerung?

Ich bin mir sehr bewusst: diese Gedanken sind weder konstruktiv, reif noch nachhaltig. Sie zeigen, dass ich zu den privilegierten Prozenten der Weltbevölkerung gehöre, die sich überhaupt Gedanken machen können über solche Annehmlichkeiten.

Menschenmenge im Einkaufszentrum
Menschenmenge im Einkaufszentrum

Die Kunst mit wenig zufrieden zu sein

In einem Obdachlosenhaus der Heilsarmee habe ich eine Frau kennengelernt, welche einen Drittel ihrer gesamten Lebenszeit dort wohnte. An jedem anderen Ort hätte sie nicht wohnen können, weil sie in keine Schublade unseres Systems passte. Die Angestellten waren ihre Familie. Die immer wieder wechselnden Bewohnenden waren ihr Freundeskreis. Vor einigen Wochen ist sie verstorben. Sie fehlt, an ihrem Platz, an dem sie immer sass… Ich durfte ihre Abschiedsfeier gestalten und habe mir dabei überlegt: Wer war sie, was machte sie aus? Ihre Art mit sehr wenig zufrieden zu sein, beeindruckt mich. Ob sich diese Zufriedenheit mit ihrer Wahrnehmung deckte – kann ich nicht beurteilen. Nach jeder Mahlzeit – wenn die anderen Bewohnenden des Hauses davonstoben, um ihren Süchten zu frönen, sich von Fernsehprogrammen unterhalten zu lassen, oder um sich in ihr Zimmer zurückzuziehen – blieb sie jeweils im Essraum sitzen. Dann fischte sie aus einem kleinen Plastiksäckli, welches sie immer mit sich trug, ein Wernlis oder ein Kambliguetzli und genoss den Kaffee mit ihrem persönlichen Dessert in aller Ruhe. Nie hörte ich sie jammern oder schimpfen – nur wenn sie Schmerzen hatte. Einmal sah ich sie einem Mitarbeitenden einen Schmutz auf die Backe drücken – einfach aus Freude am feinen Essen.

Es gibt Alternativen

Ihr Leben erinnert mich an Sätze, welche Paulus geschrieben hat. Sie stehen in der Bibel. Er schreibt dort über seine eigene Lebenssituation:

«Ich habe gelernt, mit dem zufrieden zu sein, was ich habe. Ob ich nun wenig oder viel habe, ich habe gelernt, mit jeder Situation fertig zu werden: Ich kann einen vollen oder einen leeren Magen haben, Überfluss erleben oder Mangel leiden. Denn alles ist mir möglich durch den, der mich mit Kraft erfüllt.» (Philipper 4,11-13) Paulus’ Sätze und auch das Leben der verstorbenen Frau zeigen mir: es gibt Alternativen zu der Angst etwas zu verpassen. Es gibt die Möglichkeit zufrieden zu sein mit den eigenen Umständen, auch wenn ich mir bewusst bin, dass so eine Haltung nicht einfach ist. Früher nannte man diese Haltung in unseren Breitengraden auch «Gottvertrauen». Heute rümpfen wir die Nase, wenn wir diesen Begriff hören, er ist uns zu fromm.

Vertrauen
Vertrauen

Gottvertrauen: Stärke oder willenlose Unterordnung?

Der Begriff «Gottvertrauen» wird bei vielen nicht in erster Linie mit Stärke in Verbindung gebracht, sondern wird vielmehr einer willenlosen Unterordnung zugeordnet. Eine Haltung, welche in unsere Gesellschaft eher verachtet als anstrebt wird. Und doch lässt mich der Gedanke von Paulus nicht los. «Ich habe gelernt mit dem zufrieden zu sein, was ich habe.» Paulus hat gelernt mit allen Lebenssituationen zurechtzukommen. Was hat ihm geholfen dabei? Er hat Hilfe«durch den, der ihn mit Kraft erfüllt». Diese Kraft ist für ihn Jesus. Gehört dieser Paulus folglich in dieselbe Schublade, wie all diese angeblich willenlosen Frommen, welche sich ihren Situationen einfach so beugen? Paulus war ein sehr leidenschaftlicher, entschlossener und mutiger Mann – ihn als willenslos zu bezeichnen wäre wirklich unpassend. Er lebte seinen Auftrag, von Jesus zu erzählen, mit grosser Hingabe und Ausdauer. Dadurch kam er auch in brenzlige Situationen. Es ging ihm bestimmt nicht immer «gut». Trotzdem schreibt er, er habe gelernt mit den Lebenssituationen, in denen er sich befindet, zurechtzukommen. Er hatte eine Kraft in sich, die ihm half, zurechtzukommen auch in den schwierigen Lebensumständen.

Die Kraft macht den Unterschied

Ich kann an dieser Stelle nur von mir persönlich reden – alles andere wäre anmassend: diese Kraft macht in meinem Leben tatsächlich auch den Unterschied. Es ist die Kraft, in der Beziehung mit Gott zu leben. Dieser Gott ist nicht Theorie, ist nicht Theologie. Er ist für mich nicht eine weit entfernte Kraft, die mich zwar mal geschaffen hat, sich nun aber mir selbst und meinen Lebensumständen überlassen hat, sondern diese Kraft erlebe ist hier und jetzt – ich erlebe sie persönlich und konkret. Ich habe keine wirklichen Schiffbrüche erlebt, mein Leben wurde noch nie konkret bedroht, so wie das Paulus passiert ist. Aber es gab Schulabbrüche und Streit. Es gab Umwege und Schmerzen. Es gab Diskussionen und das Ringen nach Lösungen. Aber immer ist da eine Kraft, ein Zufluchtsort, eine Hoffnung: Gott, der mich trägt. Er weiss, wie fest ich unter FOMO leide – der Angst oder vielleicht eher der Sehnsucht, das perfekte Leben erleben zu dürfen.

Sonnenaufgang
Sonnenaufgang

JOMO anstatt FOMO

Vielleicht – überlege ich mir: hätte Paulus, wenn er ein Wort erfunden hätte, eher JOMO gewählt. Dieses Wort gibt es tatsächlich auch als Wortschöpfung unter Jugendlichen. «Joy Of Missing Out». Die Freude etwas zu verpassen. Damit ist gemeint, mich zu freuen an dem, was ich habe und was ist. Ich mache mir einen Tee – natürlich mit Schoggi – und anstatt, dass ich heute Abend Bilder anschaue, welche mir suggerieren, dass ich etwas verpasse, geniesse ich mein Schöggeli und lasse den Satz von Paulus in meine Gedanken kreisen: Ich habe gelernt mit allem zufrieden zu sein – das ist mir möglich, durch den, der mich mit Kraft erfüllt.

*Regula Knecht-Rüst ist Majorin der Heilsarmee und arbeitet in Winterthur.

Bibelstelle: Philipper 4,11-13

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Regula Knecht-Rüst, SRF-Radiopredigerin. | © SRF/Gian Vaitl
2. Februar 2025 | 11:00
Lesezeit : ca. 5  Min.
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