Eine No-Go-Antwort zur Zölibatsfrage: «Ich werde die Sexualität wegmeditieren»
Um künftig objektivierbarer als bisher abzuklären, ob ein Priester oder Geistlicher für die Seelsorge tatsächlich befähigt ist, hat die katholische Kirche zusammen mit der Forensischen Psychologie in Zürich einen Eignungstest entwickelt. Der forensische Psychologe Jérôme Endrass erklärt in groben Zügen, wie der «Psychotest» funktionieren soll.
Wolfgang Holz
«Es handelt sich bei dem psychologischen Eignungstest um ein zweistufiges Assessmentverfahren, wie es auch bei der Besetzung von Posten in der Armee oder in der Wirtschaft üblich ist», erklärt Jérôme Endrass.
Analyse von Denk- und Handlungsmuster von Straftätern
Endrass ist forensischer Psychologe im Zürcher Amt für Justizvollzug und Wiedereingliederung. Er schöpft seine psychologischen Einsichten und Erfahrungen unter anderem aus der Analyse von Denk- und Handlungsmustern von Straftätern.
Nach einem Online-Assessment findet die Abklärung in zwei Assessment-Settings statt: Zum einen werde ein positives Assessment erstellt in Form eines standardisierten Interviews.
Interview dauert etwa zwei Stunden
«Dabei sollen Basiskompetenzen wie etwa empathische Kompetenzen für das Anforderungsprofil eines idealen Seelsorgers geprüft werden», erklärt Endrass. Die Durchführung des Interviews dauere etwa zwei Stunden. Schwerpunkte sind dabei: Wieviel Empathievermögen und wieviel Sozialkompetenz vermittelt ein Bewerber.
«Grundsätzlich werden wir hellhörig, wenn sich Bewerber in Sachen Zölibat beispielsweise dahingehend äussern, dass man den Eindruck gewinnt, sie haben über das Thema noch gar nicht reflektiert.»
Im zweiten Teil des psychologischen Eignungstests geht es um eine sogenannte «Risikoabklärung». Das heisst, in einem Gespräch von zwei bis dreistündiger Dauer soll geklärt werden, ob sich im Verhalten und in der Denkweise des Priesteramtskandidaten auffällige Merkmale feststellen lassen, die auf ein problematisches Verhalten schliessen lassen können. Beispielsweise punkto persönliche Vertrauensbeziehungen und sexuelle Vorstellungen.
«Wir werden hellhörig, wenn…»
Soweit die Theorie. Doch was bedeutet dieser psychologische Check konkret? Insbesondere, was die Frage angeht, wie ein zukünftiger Priester etwa mit der sexuellen Enthaltsamkeit in Sachen Zölibat umzugehen gedenkt.
Professor Jérôme Endrass versucht, Einblicke in die psychologisch-forensische Analyse zu geben. «Grundsätzlich werden wir hellhörig, wenn sich Bewerber in Sachen Zölibat beispielsweise dahingehend äussern, dass man den Eindruck gewinnt, sie haben über das Thema noch gar nicht reflektiert. Oder wenn Antworten diesbezüglich absolut unrealistisch klingen oder ein Risikosetting beinhalten.» Bei der Einschätzung solcher Antworten hilft den forensischen Psychologen, wie gesagt, ihr Erfahrungsschatz von Aussagen von Sexualstraftätern.
Reflektiert und plausibel
«Wenn beispielsweise ein 25-jährger Bewerber sagt, er werde Herausforderungen im Umgang mit dem Zölibat wegmeditieren oder Sexualität sei eben schlecht kontrollierbar, sind das für uns Antworten, die weder plausibel noch reflektiert klingen», so Endrass.
Wenn andererseits ein 50-jähriger Bewerber, der schon mehrere Paarbeziehungen in seinem Leben hatte, erklärt, dass sexuelle Beziehungen für ihn künftig nicht mehr so wichtig seien, töne dies reflektierter und plausibler. Oder wenn jemand antworte, er habe für sich einen Umgang mit der Sexualität gefunden – indem er eben eine Freundin habe.
Und was ist mit: «Ich liebe Jesus»?
Und was ist, wenn ein Bewerber einfach sagt, er liebe Jesus? «Wenn er sonst nichts weiter dazu sagt, ist das für uns auch nicht plausibel und wirkt naiv.» Die Aufgabe der forensischen Psychologie sei es auf jeden Fall, so Endrass, bei problematisch wirkenden Antworten den kirchlichen Arbeitgeber darüber zu informieren. «Die Kirche muss dann entscheiden, was mit dem Bewerber passiert.»
Bleibt die Frage: Wieviel Erfolg verspricht sich der forensische Psychologe unterm Strich von diesem Eignungstest? «Dass wir ein standardisiertes Vorgehen haben, ist auf jeden Fall deutlich besser als das bisherige Vorgehen», versichert Professor Jérôme Endrass. Wie die Ergebnisse in der Armee und in der Wirtschaft gezeigt hätten, gebe es aufgrund dieser Assessmentverfahren deutlich weniger Fehlrekrutierungen.
Wenn ein Bewerber lügt
Und wenn ein Bewerber in seinen Antworten einfach lügt und sich blendend darzustellen vermag? «Wir setzen keine Wahrheitsdetektoren ein. Es geht um einen Plausibilitätscheck», sagt Endrass. «Das Vorgehen garantiert keine Perfektion für die künftige Auswahl von idealen Seelsorgern. Aber über eine bessere Alternative verfügen wir leider nicht.»
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