Vatikan-Dämmerung.
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Geistlicher Missbrauch: Opfer der «Familie Mariens» werfen Rom «Laxheit» vor

Fast 15 Jahre lebte François Robert* in der geistlichen Gemeinschaft «Familie Mariens», die auch in der Schweiz präsent ist. Deren Mitgründer Gebhard Paul Maria Sigl wurde im November wegen geistlichen und psychologischen Missbrauchs von einem Kirchengericht verurteilt. Die «Familie Mariens» steht zudem unter Aufsicht. Doch die Massnahmen Roms genügen nicht, finden François Robert und weitere ehemalige Anhänger.

Raphaël Zbinden, cath.ch / Adaption: Barbara Ludwig

Joseph Seidnitzer starb 1993, ohne jemals Papst geworden zu sein. Dabei hatte der österreichische Priester in den 1970er Jahren genau das vorausgesagt. Nämlich, dass Paul VI. eines Tages in einer plötzlichen göttlichen Erleuchtung ihm seinen Platz überlassen würde. Eine Prophezeiung, an die François Robert* jahrelang fest glaubte, ebenso wie an die Prophezeiung der totalen Erneuerung der Kirche oder das Eintreten der Endzeit, die ebenfalls von Joseph Seidnitzer und seinem Gefolgsmann Gebhard Sigl angekündigt wurden.

Der Franzose François Robert war 20 Jahre alt, als er 1975 in Italien mit der katholischen Gemeinschaft «Werk des Heiligen Geistes» (OSS) in Kontakt trat. Bei dieser Gelegenheit lernte er die beiden Österreicher Joseph Seidnitzer und Gebhard Paul Maria Sigl (75) kennen, die die Gruppe 1972 gegründet hatten.

Der erste war bereits Priester, während der andere noch Laie war. Gebhard Sigl, der behauptet, in den Herzen und Seelen der Menschen lesen zu können, versichert dem jungen Mann, dass er eine Berufung habe und Gott ihn rufe. François Robert wird fast 15 Jahre lang beim OSS bleiben, zunächst in Italien, dann in Österreich.

«Mystische Verrücktheiten»

Doch die Stimmung in der Gemeinde kippt allmählich. «Wir sahen, dass sich keine der angekündigten Prophezeiungen erfüllte. Und einige von uns waren sich immer mehr bewusst, dass sie von den Verantwortlichen infantilisiert und unter Druck gesetzt wurden», erklärt François Robert gegenüber cath.ch.

Aufgrund dessen und anderer «mystischer Verrücktheiten» der beiden «Gurus» verliess er die tief in einer Krise steckende Gemeinschaft schliesslich Anfang 1991, als diese vom Vatikan aufgelöst wurde. Eine Massnahme, die insbesondere aufgrund der Entdeckung der mehrfachen Verurteilungen von Joseph Seidnitzer wegen sexuellen Missbrauchs von Jugendlichen, die in den 1950er und 1960er Jahren in Österreich gegen ihn ausgesprochen wurden, ergriffen wurde.

Neue Gemeinschaft «Familie Mariens»

«Ich kann nicht sagen, dass diese Enthüllungen der Grund für meine Abreise waren, aber sie waren der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat», betont François Robert. Viele Anhänger gingen weg, während eine kleine Gruppe von Überzeugten Joseph Seidnitzer und Gebhard Sigl die Treue hielt.

Als der Franzose in sein Land zurückkehrte, schloss sich die OSS mit einer anderen Gemeinschaft namens «Pro Deo et Fratribus» zusammen, die 1968 von dem slowakischen Bischof Pavol Hnilica gegründet worden war, um eine neue Gemeinschaft mit zwei Zweigen zu bilden: die «Familie Mariens» und das «Werk Jesu des Hohenpriesters».

Ehemalige Anhänger warnen

François Robert ist ein Mann mit einem gebrochenen Leben, der den Faden seines Lebens in Frankreich neu knüpft und sich nach und nach des Ausmasses des geistlichen Missbrauchs bewusst wird, den er innerhalb der OSS erlitten hat.

Diese Erfahrung wird er immer im Gedächtnis behalten. Er entwickelt die Überzeugung, dass er sein Möglichstes tun muss, um zu verhindern, dass andere in diese Falle tappen. Er verfolgt deshalb die Entwicklung der «Familie Mariens» weiter.

Religiöse Unterweisung als Machtinstrument.
Religiöse Unterweisung als Machtinstrument.

Er nimmt in mehreren europäischen Ländern mit ehemaligen Anhängern der Gemeinschaft, die in der gleichen Geisteshaltung sind, Kontakt auf. Sie unterstützen punktuell Aktionen, indem sie insbesondere Briefe verschicken, um die Kirche vor den sektiererischen Tendenzen der Gemeinschaft zu warnen.

Gemeinschaft unter Aufsicht gestellt

Es dauert jedoch bis zum ersten Viertel des 21. Jahrhunderts, bis sich etwas tut. Im Juni 2022 stellte der Vatikan die Familie Mariens unter Aufsicht, nachdem er durch Zeugenaussagen über psychologischen und spirituellen Missbrauch alarmiert worden war.

Rom ernennt den damaligen Weihbischof von Rom, Daniele Libanori, zum Kommissar, der die Gemeinschaft reformieren soll. Der weibliche Zweig wird der Ordensschwester Katarina Kristofova unterstellt.

Gründer verurteilt

Anfang November 2024 berichtet die italienische Nachrichtenagentur Adista, dass Gebhard Sigl von einem Kirchengericht verurteilt wurde und während zehn Jahren keine priesterlichen Dienste mehr ausüben darf. Die Entscheidung markiert das Ende eines über zwei Jahre dauernden Prozesses, in dem es um psychologischen und spirituellen, aber nicht explizit sexuellen Missbrauch ging.

Es soll sich um mentale Manipulation, Verwechslung des inneren und äusseren Forums, theologische Mystifikation, emotionale Erpressung, Marginalisierung von abweichenden Stimmen, bedingungslose Verehrung des Gründers, Vernichtung von Persönlichkeiten und Gewissen gehandelt haben… All diese Vorwürfe werden von François Robert bestätigt.

Mit zweierlei Mass messen?

Der Franzose ist jedoch alles andere als zufrieden mit dem Urteil. Zwar freut er sich, dass der Missbrauch des österreichischen Priesters bestätigt wurde, bedauert jedoch die «Laxheit», die Rom ihm gegenüber an den Tag gelegt habe. «Wie viele Leben wurden 30 Jahre lang von diesem Manipulator zerstört», ereifert er sich. Man hätte ihn aus dem Klerikerstand entfernen müssen.

Denn aus seinem Status als Priester habe Gebhard Sigl immer seine Macht gezogen. «Wenn ich sehe, wie schnell ein Priester, der mit einer Frau gegangen ist, in den Laienstand zurückversetzt wird, habe ich den Eindruck, dass die Kirche mit zweierlei Mass misst.»

Mehr als alles andere bedauert François Robert, dass Rom die Opfer nicht in den Prozess einbezogen hat und sie in keiner Weise über die laufenden Verfahren informiert wurden. «Wir haben von der Verurteilung von Pater Sigl erst aus der Presse erfahren.»

Opfer schreiben Brief nach Rom

Der Franzose schreibt deshalb zusammen mit vier weiteren Opfern der «Familie Mariens» Ende November 2024 einen offenen Brief an das Dikasterium für den Klerus und das Dikasterium für die Laien, die Familie und das Leben, mit Information an Daniele Libanori und Katarina Kristofova.

Das Schreiben, das cath.ch vorliegt, prangert unter anderem «den wirklichen Mangel an Bereitschaft [Roms, Anm. d. Red.] an, wirksame Massnahmen zu ergreifen, um die zerstörerische Spiritualität und Funktionsweise dieser Gemeinschaft infolge des Missbrauchs über 30 oder sogar 50 Jahre zu heilen». Doch der Brief, der mittlerweile von einem Dutzend anderer ehemaliger Mitglieder der «Familie Mariens» unterstützt wurde, blieb unbeantwortet. Am 3. Januar 2025 bestätigt François Robert gegenüber cath.ch, dass er nicht einmal eine Empfangsbestätigung erhalten habe.

«Die Opfer werden immer noch aussen vor gelassen.»

Doch François Robert ist über diese Haltung nicht erstaunt. «Trotz der schönen Reden ändert sich die Kirche nicht grundlegend. Die Opfer werden immer noch aussen vor gelassen und der Kult des Schweigens und der Geheimhaltung ist allgegenwärtig.» Daniele Libanori hat nicht auf Anfragen von cath.ch reagiert.

Seit vielen Jahren gehen Beobachter davon aus, dass die «Familie Mariens» nicht reformierbar ist. Doch Rom sieht dies offenbar immer noch anders. Ludovica Eugenio, eine Journalistin von Adista, die den Fall seit Jahren verfolgt, sagte 2023 gegenüber cath.ch: «Nach Jahrzehnten der Einflussnahme und so schweren und tiefgreifenden Abweichungen sehe ich nicht, wie eine einfache Entscheidung des Vatikans den Geist der Menschen radikal verändern könnte.»

Hat die Gemeinschaft Rückhalt im Vatikan?

François Robert sieht im kürzlichen Rücktritt von Katarina Kristofova ein Zeichen für die «Nachsicht» des Vatikans gegenüber der Gemeinschaft. «Soweit ich weiss, hat Schwester Katarina die unreformierbare Natur der Familie Mariens sehr gut erkannt. Sie hat ziemlich schnell gemerkt, dass die Ordensfrauen ausschliesslich die Autorität von Gebhard Sigl anerkannten», sagt der Franzose. Die Meinungsverschiedenheit mit Daniele Libanori, der sich bemühen würde, Lösungen für möglich zu halten, hätte die Ordensfrau dazu veranlasst, das Handtuch zu werfen.

Für François Robert könnte die Tatsache, dass Gebhard Sigl so lange unbehelligt sein Unwesen treiben konnte, auf interne Schutzmassnahmen des Vatikans zurückzuführen sein. Damals war Bischof Pavol Hnilica ein enger Vertrauter von Papst Johannes Paul II. Heute profitiere die «Familie Mariens» immer noch von solchen Unterstützern innerhalb der Kurie.

«Eine Form des Genusses»

Würde die Tatsache, dass es sich um geistlichen und nicht um sexuellen Missbrauch handelt, die Sache weniger dringlich machen? François Robert bestätigt, dass er zumindest während seiner Zeit bei der OSS keine sexuellen Handlungen beobachtet hat.

Er weist jedoch darauf hin, dass die beiden Arten des Missbrauchs eng miteinander verbunden sind. «Wo beginnt der sexuelle Missbrauch? Ich denke, es ist nicht unbedingt der sexuelle Akt, aber bereits die Tatsache, dass man eine Person völlig unter seiner Kontrolle hat, ist eine Form des Genusses.»

Der nächste Kampf der Kirche?

Die «Familie Mariens» ist keine sehr grosse oder bedeutende Gemeinschaft ist. Ihr gehören etwa 60 Priester, 30 Seminaristen und Laienbrüder sowie 200 geweihte Laiinnen in elf Ländern an, darunter Frankreich und die Schweiz. Dennoch wirft ihr Fall die Frage nach der Haltung des Vatikans gegenüber geistlichem Missbrauch und falscher Mystik auf. Nun ist der Wille Roms, diese Phänomene zu bekämpfen, in den letzten Monaten deutlicher geworden.

Am 17. Mai hat das Dikasterium für die Glaubenslehre neue Normen für die Untersuchung mutmasslich übernatürlicher Phänomene in der katholischen Kirche wie Erscheinungen und Offenbarungen. Seitdem hat das Dikasterium vermehrt offizielle Erklärungen zu angeblichen Erscheinungsorten abgegeben.

Neues Delikt wird definiert

Eine Arbeitsgruppe des Dikasteriums für die Glaubenslehre und des Dikasteriums für die Gesetzestexte wird ausserdem ein neues «Delikt des geistlichen Missbrauchs» definieren, wie Ende November 2024 angekündigt wurde. Bislang kennt das Kirchenrecht dieses Delikt nicht.

Diese Schritte seien positiv, reichten jedoch nicht, findet François Robert. «Die Kirche muss sich bewusst werden, wie extrem zerstörerisch der geistliche Missbrauch ist. Es werden sehr viele Leben zerstört.» In Bezug auf die Familie Mariens hält er es für ein Wunder, dass es keinen Selbstmord von ehemaligen Mitgliedern gegeben hat.

«Es bleibt die Frage nach der Verantwortung der kirchlichen Instanzen .»

«Der Prozess gegen Pater Sigl macht einmal mehr deutlich, wie dringend die vatikanischen Behörden eine wirklich um Wahrheit bemühte Kommunikation im Vorfeld und im Nachgang solcher Verfahren brauchen», meint François Robert.

«Die Verurteilung von Gebhard Sigl gibt Hoffnung, dass er nicht mehr schaden kann. Aber es bleibt die Frage nach der Verantwortung der kirchlichen Instanzen, die ihm diese Macht gegeben haben – trotz der Informationen und Warnungen seit 30 Jahren. Das wäre einen weiteren Prozess wert, über den offensichtlich niemand spricht.»

François Robert* heisst in Wirklichkeit anders.

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Vatikan-Dämmerung. | © Annalena Müller
8. Januar 2025 | 17:00
Lesezeit : ca. 6  Min.
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