Herz, Bürgenstock im Hintergrund
Radiopredigt

Susanne Cappus: Ein hörendes Herz

Radiopredigerin Susanne Cappus bleibt mit ihrem Auto im Schnee stecken. Die Flachländerin unterschätze die Berge des Baselbiets. Sie hat Glück im Unglück und wird freundlich als Gast aufgenommen und erinnert sich «an diesem Winterabend spüre ich die Haltung des hörenden Herzens».

Susanne Cappus*

Es dunkelt. Der Schneeregen klatscht gegen die Frontscheibe. Ich fahre auf der A2 an Sissach vorbei. Ziel ist heute Abend noch der Hauenstein. Ich überlege mir, meine Fahrt etwas ländlicher zu gestalten und abzukürzen und entscheide mich für den Weg über den Oberen Bölchen und den Chall. Die Autobahn ist zwar nass, aber gut geräumt, und ich habe die Winterreifen schon drauf. Zuversichtlich fahre ich bei Diegten von der Autobahn nach Eptingen und dann die Strasse auf den Oberen Bölchen hoch. Es geht erst mal flott voran. Dann wird der Schneefall dichter und geräumt ist hier auch noch nicht. Aber, was ich mir vorgenommen habe, das ziehe ich auch durch. Und so bleibe ich irgendwann im letzten Drittel der Wegstrecke stecken. Nichts geht mehr. Die Räder spulen im Schnee und es beginnt nach verbranntem Gummi zu riechen. Nicht gut. Ich schaffe es gerade noch, das Auto in eine Ausbuchtung zurückrollen zu lassen. Dann sitze ich da. Der Schnee fällt und es wird kalt im Auto. Hier kann ich nicht bleiben. Ich ziehe meine Gummistiefel an, die ich immer im Auto habe, und stiefle los. Irgendwo da unten war doch dieser Bauernhof!

Eine Flachländerin in Bergzone 2

Von oben her kommt ein Auto. Vierradantrieb natürlich. Die Türe öffnet sich und zwei Männer fragen mich, ob sie mich mitnehmen können. Ich bitte sie, mich bis zum Bauernhof zu fahren. Während der Fahrt erfahre ich, dass die Männer ursprünglich aus Albanien kommen. Schnee fasziniert sie. Deshalb fuhren sie auch auf den Oberen Bölchen. Beim Bauernhof warten sie, bis ich beim erleuchteten Stall bin und erst dann fahren sie weiter. Der Bauer ist grad beim Melken. Ich schildere ihm mein Problem. Er nickt und meint dann, der Schneepflug sei sicher bald da.

Schneepracht in der Nacht zum 1. Advent 2023
Schneepracht in der Nacht zum 1. Advent 2023

Er führt mich in die Küche und geht dann in den Stall zurück. Ich setze mich neben den warmen Holzofen und werde sogleich vom getigerten Kater in Beschlag genommen. Schnurrend springt er mir auf den Schoss. Ich warte. Und warte weiter. Nach einer guten Stunde kommt der Bauer mit seinem Vater in die Küche, dann die Kinder. Ich werde zum Nachtessen eingeladen. Dabei erfahre ich, wie tief die Quelle von Eptingen ist: 417 Meter. Und ich lerne, dass wir uns hier oben in Bergzone 2 befinden. Als Flachländerin war mir das nicht bewusst. Deshalb auch die Selbstüberschätzung mit dem Schnee und Zweiradantrieb. Eigentlich hätte ich es ja wissen können, heisst es doch im Baselbieter Lied «Vo Schönebuech bis Ammel, vom Bölche bis zum Rhy».

Vo Schönebuech bis Ammel,

vom Bölche bis zum Rhy,

lyt frei und schön das Ländli,

wo mir dehaime sy.

Das Ländli isch so fründlig,

wenn alles grüent und blüeht,

drumm hai m’r au kais Land so lieb

wie euses Baselbiet,

drumm hai m’r au kais Land so lieb

wie euses Baselbiet.

Das Land verlangt einiges ab

Jedes Land ist natürlich für jemanden das Liebste, Heimat eben. Und so ist das auch mit den Hügeln im oberen Baselbiet, auch wenn sie den Bewohnern viel abverlangen. Wir sprechen während des Nachtessens darüber, was es heisst, hier oben Landwirtschaft zu betreiben. Hart ist es. Dieses Jahr war der Sommer nass und die Böden derart mit Wasser vollgesogen, dass der Bauer mit den schweren Maschinen sehr vorsichtig fahren musste, um nicht auf einem der Hügel umzukippen. Und trotzdem war es ein guter Sommer, und zwar weil kein Unfall geschah. Ich höre zu und stelle Fragen. Und dann will man wissen, was ich so mache und ich beginne von meinem Alltag als Spitalseelsorgerin zu erzählen.

Susanne Cappus
Susanne Cappus

Für einmal sind Schönebuech und Ammel nicht so weit auseinander. Landwirtschaft in Bergzone 2 und Spitalseelsorge in der Talzone rücken zusammen. Die Gegensätze bleiben, sind aber unwichtig. Zuhören, Verständnis und Wertschätzung füllen die warme Küche.

Ein hörendes Herz

Es ist erst Anfang Dezember, aber der Schnee ist da, reichlich, und die weisse Stille draussen erinnert mich daran, dass Weihnachten und der Jahreswechsel vor der Tür stehen. Eine gute Zeit, mir zu überlegen, was zählt und was ich mir wünsche. Mir kommt da die Bitte des jungen Königs Salomo in den Sinn. Als er die Herrschaft über Israel antritt, gewährt ihm Gott einen Wunsch. Und Salomo wünscht sich ein «hörendes Herz». Keine gefüllte Staatskasse, keine unschlagbaren Streitkräfte und auch keinen persönlichen Reichtum. Einfach «ein hörendes Herz». An diesem Winterabend anfangs Dezember, in der warmen Küche des Bauernhofes, spüre ich genau diese Haltung, die hörenden Herzen. Wir hören einander zu, und zwar nicht nur mit den Ohren. Die Worte werden vorsichtig gewählt, Fragen zurückhaltend und mit Anteilnahme gestellt und das neu Erfahrene wertschätzend aufgenommen.

Noch ist das Jahr verhüllt

Liebe Hörerin, lieber Hörer, wir stehen am Anfang eines noch jungen Jahres. Was es für uns persönlich aber auch gesellschaftlich und politisch bereithält, ist noch verhüllt. Und das ist vielleicht auch gnädig. Was aber dieses Jahr bleibt oder gar noch zunehmen wird, das sind Gegensätze. Die Standpunkte werden extremer, Menschen mit anderer Meinung angegriffen oder kaltgestellt. Zwischentöne haben es schwer. Das ist anstrengend und Frieden bringt es auch nicht weder im Kleinen noch im Grossen.

Brücke
Brücke

Vielleicht lohnt es sich deshalb, neben Gesundheit und Wohlergehen, sich für das neue Jahr auch ein hörendes Herz zu wünschen. Wenn ich jemandem mit dem Herzen zuhöre, dann nehme ich von mir und meinen Wertungen Abstand. Ich lasse mich mit Interesse auf den anderen ein. Ich erkenne, dass die Haltung meines Gegenübers eine ganz eigene Geschichte und Berechtigung hat. Und ich ahne, dass mein eigener Standpunkt persönlich gefärbt und nicht absolut ist. Wer mit dem Herzen zuhört, betritt eine Brücke, auf der er oder sie sich selbst und anderen begegnet. Gegensätze verschwinden dabei nicht einfach, aber sie trennen nicht mehr.

Mehr Verbindendes als Trennendes

Der Schneepflug ist an diesem Abend nicht mehr gekommen. Aber, der Bauer und sein Vater haben mit Geschick mein Auto gewendet und mich dann noch ins Tal gefahren. Und ich bin eine Woche später bei besserem Wetter wieder hochgefahren und habe ihnen ein kleines Überraschungsgeschenk gebracht. Was in meinem Inneren weiterleuchtet ist die Erfahrung, dass es neben meinem lieben Rhein, an dem ich aufgewachsen bin, nur einige Kilometer weiter Berge, Herden und Felsen gibt. Dass die Menschen, die an diesen verschiedenen Orten wohnen, mehr Verbindendes als Trennendes haben. Und, dass das etwas ganz Kostbares und Wunderschönes ist! So, wie es in der zweiten Strophe des Baselbieter Liedes heisst:

Es wächsle Bärg und Täli

so liebli mitenand

und über alles use

luegt mänggi Felsewand.

Dört obe waide d Härde,

dört unde wachst d’r Wy,

nai schöner als im Baselbiet

cha s währli niene sy,

nai schöner als im Baselbiet

cha s währli niene sy.

*Susanne Cappus ist christkatholische Diakonin und arbeitet in Dornach.

Bibelstelle: 1 Kön 3,9

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Herz, Bürgenstock im Hintergrund | © kath.ch
5. Januar 2025 | 11:00
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