Der Schweizer Jesuit Christian Rutishauser im Garten der Hochschule für Philosophie in München.
Schweiz

Neujahr ist acht Tage nach Weihnachten

Bis heute prägen biblische Traditionen die Festtagszeiten. Dabei gelten gemäss jüdischem Kalender drei Grundsätze für die Zeitgestaltung: der Sieben-Tage-Rhythmus, der Festtag beginnt am Vorabend und schliesst die Nacht mit ein, grosse Feste dauern acht Tage, wobei der erste und der letzte eine herausragende Stellung einnehmen.

Christian M. Rutishauser SJ*

Bis heute prägen biblische Traditionen die Festtagszeiten. Dabei gelten gemäss jüdischem Kalender drei Grundsätze für die Zeitgestaltung: der Sieben-Tage-Rhythmus, der Festtag beginnt am Vorabend und schliesst die Nacht mit ein, grosse Feste dauern acht Tage, wobei der erste und der letzte eine herausragende Stellung einnehmen.

Exodus aus der Sklaverei Ägyptens

So beginnt das Frühlings-Pessachfest, das den Exodus aus der Sklaverei Ägyptens vergegenwärtigt, mit dem Sederabend und dauert acht Tage. Und das Laubhüttenfest in Erinnerung an die darauffolgende Wüstenwanderung im Herbst endet am achten Tag mit dem Torafreudenfest.

Die Terrorgruppe Hamas erschoss zahlreiche Besucherinnen und Besucher eines Festivals am 7. Oktober 2023.
Die Terrorgruppe Hamas erschoss zahlreiche Besucherinnen und Besucher eines Festivals am 7. Oktober 2023.

Genau diesen Tag haben die Hamas am 7. Oktober ausgenutzt, um das Massaker in Israel zu verüben. Klassisch gehören zum Festtag das öffentliche und liturgische Feiern und das gemeinsame Essen. Es gehört dazu auch das Erinnern an die eigene Geschichte und das Lernen aus ihr. Gemeinschaftssinn soll gestiftet werden. Eine Verpflichtung, die Zukunft gemeinsam zu gestalten, liegt jedem Festtag inne.

Christliche Tradition und die Festkultur

Die christliche Tradition kennt all diese Elemente der Festkultur und hat sie eigens geformt. Der Sonntag stellt eine Interpretation des Schabbats dar. Die Weihnachtswoche wiederum eröffnet mit der Heiligen Nacht; am achten Tag steht das Neujahrsfest.

Weihnachtskrippe
Weihnachtskrippe

So säkular es gefeiert wird, die Jahre werden global nach der Geburt Christi gezählt. Gerade dieser achte Tag hat es in sich. Die Kirchen geben an Neujahr den Segen für das neue Jahr, man wünscht einander alles Gute, Vorsätze werden geschmiedet. Für Jesus den Juden bedeutete der achte Tag Beschneidung.

Fest der Beschneidung

Nicht Körperverstümmelung sieht die jüdische Tradition darin, sondern Aufnahme in den Bund und Verpflichtung zu einem Leben nach der Tora. Bis heute wird das Fest der Beschneidung Jesu in der Ostkirche, aber auch im ambrosianischen Ritus in Norditalien gefeiert. Obwohl sich neu auf den Dialog mit dem Judentum verpflichtend, hat die römisch-katholische Kirche das Fest in den 1960er Jahren abgeschafft. Das Fest enthielt wohl zu viel Sprengstoff.

Christian Rutishauser überreicht Papst Franziskus das Anliegen für die Wiedereinführung des Fest der Beschneidung Jesu 2013.
Christian Rutishauser überreicht Papst Franziskus das Anliegen für die Wiedereinführung des Fest der Beschneidung Jesu 2013.

Friedrich Nietzsche beschrieb das Kind romantisch als einen Neuanfang, ein aus sich rollendes Rad, ein heiliges Ja-Sagen. Hannah Arendt spricht viel nüchterner von Geburtlichkeit, der Möglichkeit des Neuanfangs, der mit jedem neuen Menschen gegeben ist.

Säkularer Gehalt des ersten Weihnachtstags

Sie knüpft damit an Gedanken von Augustinus an. Emmanuel Levinas unterstreicht, dass die Zukunft nicht einfach die Verlängerung von Vergangenheit und Gegenwart ist. Vom Anderen her tritt vielmehr etwas Neues, Unerwartetes sogar Messianisches ins Leben ein. Mit diesem säkularen Gehalt, der dem ersten Weihnachtstag unterliegt, können viele Menschen mitgehen.

Dass der neugeborene Mensch von Anfang an Leib und Seele von seinem Umfeld bestimmt wird, fällt dem nach möglichst grosser Autonomie strebenden Zeitgenossen jedoch schwer. Selbst die existentialistische Sicht, dass der Mensch in diese Welt geworfen ist und sich durch einen Prozess von Entscheidungen in Dasein und Freiheit hineinarbeiten muss, wird kaum mehr in seiner Tiefe erfasst.

Hypersensibilisierte Gesellschaft

Das Ritual der Beschneidung führt das Ausgeliefertsein des Kindes an sein Umfeld nun in einer Art und Weise vor Augen, die einer durch Missbrauch hypersensibilisierte Gesellschaft kaum erträglich ist. Daher ist auch das Gedächtnis an die Beschneidung Jesu fast vollständig verdrängt, mit ihm aber auch Jesus als Jude.

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Ein Ritual will jedoch bewusst machen und zur Lebenstauglichkeit führen. Es ist stets real-symbolisch. So wird die Beschneidung am Knaben stellvertretend vollzogen. Für ihn hat sie initiatorischen Charakter, was für die Entwicklung von Männlichkeit seine eigene Bedeutung hat. Der Akt der Beschneidung sagt, dass es das Menschsein an sich nicht gibt. Der Mensch ist immer geschlechtlich und damit auch kulturell geprägt. Die Tora aber will den Menschen zu einer Kultur der Freiheit und ethischen Verantwortung verpflichten.

Über die Taufe gepredigt

In der reformierten Kirche wurde am ersten Januar traditionell über die Taufe gepredigt, im Bewusstsein, dass für Christen die Taufe an die Stelle der Beschneidung getreten ist. Die katholische Kirche täte gut daran, das Geheimnis der Menschwerdung Gottes am achten Tage von Weihnachten anthropologisch zu vertiefen. Die Festtage als Tage der Kultur gemeinsamen zu gestalten, könnte ein angemessener Vorsatz aller für das neue Jahr sein.

*Christian M. Rutishauser, Jesuit, Professor für Judaistik und Theologie sowie Leiter des Instituts für Jüdisch-Christliche Forschung an der Universität Luzern.


Der Schweizer Jesuit Christian Rutishauser im Garten der Hochschule für Philosophie in München. | © Eva Meienberg
29. Dezember 2024 | 17:00
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