Madonna mit Kind: Aquarell von Schwester Maria Raphaela Bürgi
Radiopredigt

Philipp Roth: Der blaue Fleck

Zum vierten Adventssonntag macht sich Radioprediger Philipp Roth Gedanken darüber, was passiert, wenn unerwartete Momente in unser Leben einbrechen. Roth geht den biblischen Erzählungen über Maria nach und fragt: «Maria, wie hast du das gemacht?»

Philipp Roth*

«Und wie haben Sie sich kennengelernt?» «Ach wissen Sie, wir trafen uns nach der Arbeit immer wieder an der Tramhaltestelle, er fuhr Richtung Stadt, ich Richtung Land. So geschah es. Bald fuhren wir miteinander in die gleiche Richtung.» Das kennen wir alle, nicht wahr, liebe Hörerin, lieber Hörer. Etwas bricht in unser Leben ein. Völlig unerwartet. Und alles wird anders. Ein magischer Moment.

Die Karten werden neu gemischt

Eine unerkannte Macht schiebt alles zur Seite. Mein Wesen steht Kopf. Und die Frage hämmert an die Tür: Und was jetzt? Wie gehst du damit um? Wenn man sich verliebt, ist das so. Wenn die Traumstelle im Ausland Tatsache wird. Wenn die Ärztin die Diagnose mitteilt.

Wenn der Schwangerschaftstest anzeigt. Wenn nach über 30 Jahren die Wohnung gekündigt wird. Wenn die Beziehung zerbricht. Wenn die Todesnachricht eines nahen Menschen kommt… Plötzlich werden die Karten neu gemischt. Alles wieder offen. In der Bibel steht Maria für diesen Moment. Für das Schöne und das Schwere. In einer der schönsten Weihnachtsgeschichten bringt sie diesen Moment mir ganz nah. Und ich bewundere und beneide sie um die Haltung, die sie findet. So jung. Und so weise. Doch alles der Reihe nach…

Fremde Wirklichkeiten nebeneinander

«Und, wie haben sie sich kennengelernt? Ich stelle sie immer wieder gern, diese Frage. Und wenn die Zwei dann erzählen, wird deutlich, was im Grunde jede Begegnung bedeutet: Dass sich zwei Welten berühren, ja sogar kollidieren. Zwei Welten, die bisher völlig getrennt waren. Nicht gekannt haben sie einander, nicht voneinander gewusst, einander weder gesucht noch darüber nachgedacht. Und doch waren sie da: Völlig fremde Wirklichkeiten, nebeneinander wahr. Und auch das andere wird meist klar: Wie im Kern einer jeden solchen Begegnung neuer Welten ein Geheimnis steckt, ein Kern, der sich nicht erklären lässt. Man endet im Schweigen. «Ach, wie soll ich das sagen…»

Philipp Roth, SRF-Radioprediger.
Philipp Roth, SRF-Radioprediger.

Das Erwachen in einer neuen Zeit

Nun bekommt mit einem Mal Risse, was man bisher für das ganze Leben hielt. Man erwacht wie in einer neuen Zeit und in einer neuen Haut. Plötzlich ist man wieder das Küken in der Schale, das merkt, da draussen ist noch was, viel mehr, unbekannt und schrecklich schön. Ich kann neu zur Welt kommen, zu einer neuen Welt. Wünsche, Erwartungen, Träume brechen auf. Auch Ängste, Befürchtungen, vielleicht der Schmerz alter Wunden. Mein Ich platzt auf. Ist das gut? Oder schlimm? Oder einfach so? Da schickte Gott den Engel Gabriel zu einer jungen Frau in die Stadt Nazaret in Galiläa. Sie hiess Maria. Der Engel trat bei ihr ein und sagte: «Sei gegrüsst! Gott ist mit dir.» Maria erschrak über diese Worte und fragte sich: «Was hat dieser Gruss zu bedeuten?» Da ist sie also, meine liebste Mariageschichte. Im Lukasevangelium kommt sie noch eine Seite vor der Geburt in der Krippe.

Das Erschrecken gehört dazu

Die biblischen Erzähler haben es gut. Für diesen alles verändernden Moment, aber auch für das Geheimnis darin, das Unaussprechliche, haben sie die Engel. Sie bilden die Schnittstelle zwischen den so verschiedenen Sphären. Sind die Übersetzer aus fremden Wirklichkeiten, die Diplomaten zwischen den Welten. Dabei sind sie nie niedlich.

«Ein jeder Engel ist schrecklich,» sagt Rainer Maria Rilke am Anfang der Duineser Elegien, und drückt damit aus, was immer auch zu einer solchen wahren Begegnung gehört: Das Erschrecken. Trifft neues Leben auf mein altes, dann erzittert es und erbebt. Ich ahne, was es bedeutet. Ein Engel kommt. Und Maria erschrickt. Das ist das Erste, was über sie gesagt wird. Ein Zeichen der Wachheit ist das. Und der Klugheit. Das Unerwartete bricht wuchtig und plötzlich in ihr Leben ein. Der Engel steht dafür. Und sie begreift sofort, was das bedeutet. Nicht nur Glanz und Gloria. Auch Furcht und Schmerz. Noch einmal empfindet sie das Glück und die Grenzen, die bisher ihr Dasein bestimmten, und merkt gleichzeitig: Da ist noch viel mehr für mich, vor mir. Maria erschrickt, weil sie sich als Teil von etwas Grösserem erkennt. Es führt sie über sich selbst hinaus. Bevor sie Geburt gibt, muss sie selbst neu geboren werden. Sie wird nicht nur nie mehr dieselbe sein. Sie wird auch nie mehr nur sie selbst sein. Ihr Leben weitet sich in anderes hinein. Doch will ich das? Kann ich das überhaupt? Wie geht das?

Mariä Verkündigung, Mauerbild in Assisi
Mariä Verkündigung, Mauerbild in Assisi

Der Himmel hat abgefärbt

In meiner alten Kirche, der Theodorskirche in Basel, gibt es diesen blauen Fleck. Ich denke oft daran. An manchen Tagen war er überhaupt nicht zu sehen. Ungünstiges Licht. Dann war wieder viel zu viel los. Es dauerte eine Weile, bis ich ihn überhaupt entdeckte. Der Kirchenraum war gross und roch nach altem Estrich. Die Säulen standen wie mächtige Bäume im Raum und stemmten eine Decke so weit in die Höhe, dass man darunter hätte Trapez turnen können. Die Kanzel war ein Ausguck ins Gemeindeschiff, von den Kindern regelmässig erstürmt. Und der Chor eine grosse Laterne, die tagsüber nach innen und nachts nach aussen leuchtete. In grauer Vorzeit hatte jemand einen riesigen Christophorus an die Wand gemalt.

Mit der Zeit entdeckte ich weitere Bewohner. Figuren in der Sakristei, Heilige auf den Rückseiten der Säulen. Ich bekam ein Gespür für die Farbveränderungen auf dem alten Stein. Früher musste der Raum noch viel mehr bemalt gewesen sein. Es waren nur noch Farbreste übrig. Und so entdeckte ich schliesslich den blauen Fleck vorne beim Chorbogen links. Es war, als hätte der Himmel ein Stück abgefärbt. Ein Blau wie ein Swimmingpool an einem Sommertag. Kühl und klar. Das sei zweifellos ein Stück von Marias Mantel, las ich darauf im dicken Kunstführer. Der Überrest einer Verkündigungsszene. Oder einer Kreuzigung. Maria begegnet einer anderen Realität. Sie geht vor ihr auf die Knie. Und ihr Mantel spiegelt den Himmel. Ihr blauer Fleck – gleich vor mir.

Wie hast du das gemacht Maria?

Gerade jetzt würde ich gerne meine Hand auf den blauen Fleck legen. Wie hat sie das bloss gemacht, die junge Maria? Wie konnte sie das Neue so annehmen? Und noch im Erschrecken offen für es sein? Nein, natürlich wusste Maria das alles nicht. Und wusste es irgendwie doch, in einem viel weiteren Sinn. Sie wusste nicht, was die neue Zukunft bringt. Sie wusste nur: Ich vertraue und sage Ja.

Nicht der Engel oder die mysteriöse Geburt sind es, die diese Begegnung für mich wunderbar machen. Sondern die innere Haltung, die Maria zu diesem Einbruch des komplett Neuen findet. Nachdem der Engel die Geburt von Jesus angekündigt hatte und Maria zurückgefragt hatte, wie das denn gehen soll ohne Mann, bekam sie die Antwort, die im Grunde keine war: Durch den Heiligen Geist wird es geschehen. (Okay…?) Sie hätte jetzt in alle Richtungen reagieren können. Mit Trotz, Begeisterung, Kopfschütteln, Wut, Verweigerung. Doch Maria macht etwas anderes: Sie macht auf und umarmt. Sie sagt diesen Satz, der für mich das eigentliche Wunder ist: «Ich diene Gott. Es soll an mir geschehen, was du gesagt hast.» Und seither frage ich mich: Maria, wie hast du das gemacht?

Maria und Elisabeth: Glasfenster in der Versöhnungskirche in Taizé
Maria und Elisabeth: Glasfenster in der Versöhnungskirche in Taizé

Das grosse Ja

Ich denke an die Menschen, die von solch Unerwartetem überwältigt werden, im Guten wie im Schlechten. Und das ohne Engel. Menschen, die dabei diese Haltung lernen und finden. Das Einverständnis: Es ist, wie es ist. Und das Vertrauen: Der Himmel weiss es. Ich diene Gott und er dient mir. Wie schwer ist das. Und: Wie gut ist das. Ein Leben später sagt Jesus mal fast das Gleiche. In einer ähnlichen und doch ganz anderen Situation. «Aber nicht, was ich will, soll geschehen, sondern was du willst.» (Lk. 22, 42) Das grosse Ja zu dem, was kommt. Im tiefen Vertrauen zu dem, der trägt.

Etwas aus der anderen Welt gewinnt Raum

Die Schriftstellerin und Philosophin Iris Murdoch hat mal das schöne englische Wort «unselfing» gebildet. Man könnte es notdürftig mit «ent-selbsten» übersetzen. Eingetaucht in eine neue Erfahrung, verschiebt sich das eigene Bewusstsein, schreibt sie. Man erlebt sich als Teil eines grossen Ganzen und – Zitat – das «fette ruhelose Ich» findet endlich seinen Platz. Gerade im sich Zurücknehmen findet man ungeahnten Reichtum. Ex-zentrisch erlebt man, wie etwas aus der anderen Welt Raum gewinnt. Himmel im eigenen Leben. Ein blauer Fleck an der Alltagswand. Gottgeheimnis ganz nah. Maria sei Dank.
Ich wünsche Ihnen frohe Weihnachten. Und viel Zuversicht fürs neue Jahr.

*Philipp Roth ist evangelisch-reformierter Pfarrer und arbeitet in Binningen und Bottmingen.

Bibelstelle : Lukas 2, 26 – 38

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Madonna mit Kind: Aquarell von Schwester Maria Raphaela Bürgi | © Vera Rüttimann
22. Dezember 2024 | 11:00
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