Beichtstuhl in einer Kirche.
Schweiz

Ist die Weihnachtsbeichte out? Was Beichtväter aus Einsiedeln und Mariastein sagen

Die Beichte gilt als Stiefkind unter den Sakramenten. Mindestens einmal im Jahr jedoch sollten katholische Gläubige zur Beichte gehen. Vor Weihnachten tun dies in Einsiedeln und Mariastein noch heute mehr Menschen als in der übrigen Zeit des Jahres – mit Ausnahme der Fastenzeit vor Ostern.

Barbara Ludwig

Viele Katholikinnen und Katholiken in der Schweiz gehen selten oder nie zur Beichte. «Beichten ist out», schreibt das Schweizerische Pastoralsoziologische Institut (SPI) auf seiner Webseite. Das Institut erhebt in seiner Kirchenstatistik auch Daten zum kirchlichen Leben.  Das Beichtsakrament habe in den letzten Jahrzehnten eine «eigentliche Erosion» erlebt, stellt es fest.

Das Kloster Einsiedeln beherbergt eine Beichtkirche mit mehreren Beichtstühlen.
Das Kloster Einsiedeln beherbergt eine Beichtkirche mit mehreren Beichtstühlen.

Trotzdem: Es gibt sie noch, die Gläubigen, die zur Beichte gehen – gerade auch vor Weihnachten. Eine Pflicht, vor dem Fest der Geburt Christi eine Beichte abzulegen, gibt es allerdings nicht. Das wissen die Benediktiner Philipp Steiner aus Einsiedeln und Ludwig Ziegerer aus Mariastein. Die beiden Patres haben Erfahrung als Beichtväter, denn die Marienwallfahrtsstätten werden traditionell auch von Menschen aufgesucht, die beichten wollen.

«Wer müsste den Stall des eigenen Herzens nicht auch gelegentlich ausmisten, damit Weihnachten werden kann?»

Die Minimalanforderung der Kirche betreffend Beichte – mindestens einmal jährlich – lege den Fokus auf den Osterfestkreis und nicht auf das Weihnachtsfest, so Philipp Steiner gegenüber kath.ch. Dennoch sei es sinnvoll, «sich auf die Feier der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus durch die Feier der Versöhnung vorzubereiten». Die Erfahrung der barmherzigen Liebe Gottes im Sakrament der Versöhnung lasse den Frieden von Weihnachten in die Herzen einkehren.

Philipp Steiner, Wallfahrtspater im Kloster Einsiedeln.
Philipp Steiner, Wallfahrtspater im Kloster Einsiedeln.

Dann zitiert der Einsiedler Mönch den deutschen Arzt, Priester und Dichter Angelus Silesius: «Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren». Und fügt dann selber hinzu: «Wer müsste den Stall des eigenen Herzens nicht auch gelegentlich ausmisten, damit Weihnachten werden kann?»

Advent als Zeit der Busse in Vergessenheit geraten

Ludwig Ziegerer hält das Beichten in der Adventszeit für sinnvoll. Auch Weihnachten – nicht nur Ostern – gehe eine Fasten- und Busszeit voraus, weiss der Benediktiner. Dies sei aber hierzulande niemandem mehr bewusst, meint er. «Höchstens die violette Farbe der liturgischen Gewänder im Advent oder Dekorationen könnten noch daran erinnern.» In der orthodoxen Christenheit sei dies anders. «Dort ist den Gläubigen bewusst, dass die Adventszeit eine Fastenzeit ist. Ich kenne einfache orthodoxe Gläubige, die sich genau an die Fastenregeln im Advent halten.»

Ein Drittel mehr Beichtende im Advent

Sowohl in Mariastein als auch in Einsiedeln kommen nach Angaben der beiden Patres mehr Menschen zur Beichte als unter dem Jahr. «Je näher Weihnachten rückt, desto mehr Menschen kommen zur Beichte, so dass oft zwei Priester gleichzeitig im Einsatz sind», schreibt der Einsiedler Benediktiner Philipp Steiner.

Der Andrang sei jedoch etwas kleiner als in der vorösterlichen Fastenzeit und insbesondere der Karwoche. Zahlen könne er keine nennen. Steiner schätzt, dass in den Adventswochen ein Drittel mehr Leute zur Beichte kommen als in den Monaten zuvor.

Administrator Pater Ludwig Ziegerer verantwortet zurzeit den Klosteralltag in Mariastein und bereitet die Wahl eines neuen Abtes vor.
Administrator Pater Ludwig Ziegerer verantwortet zurzeit den Klosteralltag in Mariastein und bereitet die Wahl eines neuen Abtes vor.

Ludwig Ziegerer kann ebenfalls keine Zahlen nennen. Aber immer wieder höre er bei der Begrüssung den Satz: «Ich möchte die Beichte ablegen im Hinblick auf das Weihnachtsfest.»

Wartezeiten

Trotz der grösseren Nachfrage bieten Einsiedeln und Mariastein keine zusätzlichen Beichtmöglichkeiten an. In Einsiedeln sind es täglich drei Stunden – vormittags, nachmittags und abends je eine. Das ändert sich nicht im Advent. Doch es seien nach Möglichkeit mehr Priester als Beichtväter im Einsatz, damit die Gläubigen nicht allzu lange warten müssen, so Philipp Steiner. Wartezeiten seien jedoch unvermeidbar, ausser am Abend. Das Kloster Einsiedeln rät den Gläubigen deshalb, die Weihnachtsbeichte nicht bis zum letzten Moment hinauszuschieben.

Im Gegensatz zu früher kommen heute weniger Menschen zur Beichte ins Kloster Mariastein, wie Ludwig Ziegerer berichtet. Früher sei die kirchliche Bindung stärker gewesen, viele hätten die Vorschriften einer strengeren Beichtpraxis treu befolgt. «Dieser Druck ist heute weggefallen. Und die Generation, die sich dazu verpflichtet fühlte, ist mehr oder weniger ausgestorben», stellt der Benediktiner fest.

Junge Menschen gehen nach Einsiedeln

Seit der Einführung der allgemeinen Bussfeiern nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) sei das Bedürfnis nach Einzelbeichten stark zurückgegangen, weiss Philipp Steiner. Doch in den letzten Jahren beobachte man in Einsiedeln eher wieder eine Zunahme. «Es kommen auch auffallend viele junge Menschen zur Beichte.»

Beichtkirche des Klosters Einsiedeln: Hinter den Vorhängen befinden sich kleine Sprechzimmer.
Beichtkirche des Klosters Einsiedeln: Hinter den Vorhängen befinden sich kleine Sprechzimmer.

Wer die Beichte als heilsam erlebe, komme wieder, ist Steiner überzeugt. Viele Menschen würden heute neu die Kraft des Sakraments der Versöhnung erfahren. Für sie sei die Beichte keine Pflicht, sondern ein Geschenk. Dem Benediktiner Ludwig Ziegerer scheint, dass heute die Menschen viel mehr aus Eigenverantwortung zur Beichte gehen und nicht, «weil man es so macht».

Warum wollen Menschen vor Weihnachten beichten?

Aus welchen individuellen Gründen wollen die Menschen denn vor Weihnachten beichten? Dazu will Philipp Steiner nichts sagen. Diese Gründe seien persönlicher Natur und sollten nicht der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Auch über besondere Erlebnisse, die sie im Advent als Beichtvater machten, wollen die beiden Mönche nicht im Detail berichten. «Da könnte ich viel erzählen», schreibt Ludwig Ziegerer. Als Beichtvater sei er aber strikt an das Beichtgeheimnis gebunden.

Er könne nur so viel sagen: «Es ist immer wieder beglückend zu erleben, wenn Menschen, oft nach langem Ringen, den Weg zum persönlichen Beichtgespräch finden, um etwas aussprechen zu können, das sie seit langem schon belastet.»

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Pater Philipp Steiner seinerseits erlebt jede Beichte als «Moment der Gnade, in der sich ein Mensch dem Wirken Gottes eröffnet». Da brauche er nicht auf Beichten vor Weihnachten zu warten. «Wunder der Bekehrung und der Gnade geschehen in der Beichtkirche des Klosters Einsiedeln jeden Tag.»


Beichtstuhl in einer Kirche. | © Klaus Petrus
15. Dezember 2024 | 17:00
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