Weihnachtsbeleuchtung "Lucy" in der Zürcher Bahnhofstrasse
Schweiz

«Licht in der Seele kann man nicht kaufen»: Christoph Sigrist zu Weihnachtsbeleuchtung

Nun brennen sie wieder und erhellen in der Adventszeit unsere Städte: die Weihnachtsbeleuchtungen. Sie drücken laut dem früheren Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist die tiefe menschliche Sehnsucht nach Licht im Dunkel aus.

Wolfgang Holz

Es ist ein Gefühl des Wohlbehagens und der Sicherheit in diesen dunklen Wintertagen: Wenn man bis nachts um zehn in eine hellerleuchtete Stadt mit strahlenden Sternen blickt. Und die draussen agierenden Menschen bewusster, wie auf einer Bühne, wahrnimmt.

Der dunkle Morgen ist schon hell

Oder wenn man morgens um sieben bereits dank erneut eingeschalteter Weihnachtsbeleuchtung in einer illuminierten Stadt aufwacht. Aus einem dunklen Morgen wird ein heller Morgen. Man fühlt sich viel geborgener und behüteter. Der neue Tag zeigt ein positiveres Antlitz.

Christoph Sigrist, Theologe. Ehemaliger Grossmünsterpfarrer.
Christoph Sigrist, Theologe. Ehemaliger Grossmünsterpfarrer.

Wie wäre es denn eigentlich, wenn man gleich den ganzen Winter über die Städte illuminieren würde, um diesen «positiven Licht-Vibe» in der Dunkelheit eine längere Zeit zu erleben? Ganz abgesehen davon, dass dies für die Städte auf Dauer natürlich riesige Strom- und Energiekosten bedeuten würde und ökologisch nicht sinnvoll wäre.

«Es braucht die Reibung»

Auch Christoph Sigrist, 21 Jahre lang Grossmünster-Pfarrer, würde diese Idee aus spirituellen Gründen nicht gut finden. «Denn der Mensch braucht das Erlebnis der Reibung, sprich: das Dunkel, um das Bewusstsein für seine Sehnsucht nach Licht im Dunkel zu stimulieren.»

Weihnachtsbeleuchtung in Baar
Weihnachtsbeleuchtung in Baar

Der bekannte 61-jährige Zürcher Theologe und Titularprofessor für Diakoniewissenschaften an der Universität Bern ist grundsätzlich ein Befürworter von Weihnachtsbeleuchtungen. «Weil diese Illuminationen die Resonanz für den menschlichen Wunsch erklingen lassen, Licht ins Dunkel unseres Daseins bringen zu wollen», so Sigrist. Dies sei ein menschliches Grundbedürfnis. Weihnachtsbeleuchtungen verkörperten auf diese Weise eine Art «Stallwärme» für das Gefühl des Beheimatetseins und der Geborgenheit.

Rückbesinnung auf den Grund für das aufgegangene Licht

«Andererseits kann man das Licht, das der Mensch sich in seiner Seele wünscht, nicht kaufen.» Dafür brauche es aus religiöser Sicht die Rückbesinnung auf den Grund des aufgegangenen Lichts: Nämlich die Geburt Jesu, der göttliches Licht auf die Erde herabstrahlen lasse. Deshalb sieht Christoph Sigrist den kommerziellen Rummel um Weihnachtsbeleuchtungen und Christkindlimärkte kritisch.

"Lichterregen": Die Zuger Variante der Zürcher Weihnachtsbeleuchtung wird ebenfalls illuminiert.
"Lichterregen": Die Zuger Variante der Zürcher Weihnachtsbeleuchtung wird ebenfalls illuminiert.

«Es ist immer entscheidend, woher das Licht kommt. Eine einzige angezündete Kerze im Grossmünster hat für mich eine viel grössere Ausstrahlung als die kalte «Lucy»-Weihnachtsbeleuchtung in der Bahnhofsstrasse», betont Sigrist.

Kirchtürme mit leuchtender Doppelfunktion

In dieser Hinsicht üben für ihn auch illuminierte Kirchtürme eine Doppelfunktion aus: Zum einen beleuchten sie hervorragende Gebäude im Stadtraum, zum anderen bedienen sie gleichzeitig die Sehnsucht nach Licht. «Dabei deuten sie darauf hin, woher das Licht eigentlich kommt – von oben, von Gott.»

Adventsaktion: Grossmünster Zürich mit Kerzen
Adventsaktion: Grossmünster Zürich mit Kerzen

Gleichzeitig weist Christoph Sigrist daraufhin, dass Lichterinszenierungen und -feste interreligiöse Bedeutung haben. Er hat in dieser Hinsicht schon ein faszinierendes hinduistisches Lichterfest in Nepal miterlebt. «Wir in Westeuropa haben diese Sehnsucht nach Licht für unsere Religion auf Weihnachten hin interpretiert.»

«Es wäre schön, wenn das Licht des Friedens auch Einzug halten würde auf den momentan rund 60 Kriegsschauplätzen in der Welt.»

Auf Weihnachtsbeleuchtungen ganz zu verzichten, wäre aus der Sicht von Christoph Sigrist weder «vorstellbar noch «aushaltbar». «Der Wunsch des Menschen nach Licht im Dunkel ist, wie gesagt, ein menschliches Urbedürfnis.»

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Sein Weihnachtswunsch ist aber nicht nur die Sehnsucht nach Licht, sondern vor allem auch die Sehnsucht nach Frieden. «Es wäre schön, wenn das Licht des Friedens sich nicht nur bei uns in hellen Lämpchen manifestiert, sondern auch Einzug halten würde auf den momentan rund 60 Kriegsschauplätzen in der Welt», gibt er zu bedenken.


Weihnachtsbeleuchtung «Lucy» in der Zürcher Bahnhofstrasse | © Sabine Zgraggen
3. Dezember 2024 | 17:00
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