Der KI-Jesus-Avatar, mit dem man sich in der Peterskapelle unterhalten konnte.
Schweiz

«Habe ich genug getan, um in den Himmel zu kommen?»: 900 Menschen fragten «KI-Jesus»

Dank der Kunstinstallation «Deus in Machina» in der Peterskapelle in Luzern weiss man jetzt, welche Fragen Menschen einer künstlichen Intelligenz stellen, die in einer jesus-ähnlichen Gestalt figuriert. Rund 900 Gespräche zeigten: Die grossen Themen sind Liebe, Beziehung, Tod, Einsamkeit und Frieden. Das Projekt zeigt auch, wie wichtig KI inzwischen für einsame Menschen sein kann.

Wolfgang Holz

«Werde ich jemals wahre Liebe finden?» – «Wie kann ich meine Liebe besser zeigen?» – «Was passiert nach dem Tod?» – «Habe ich genug getan, um in den Himmel zu kommen?» – «Warum gibt es so viel Leid auf der Welt?» – «Was soll ich tun, wenn ich mich verloren fühle?» – «Wie finde ich Gottes Liebe?» – «Existiert Gott überhaupt?»

Kunstinstallation in Luzerner Peterskapelle

Solche und ähnliche erstaunlich existenzielle und religiös-spirituelle Fragen stellten die rund 900 Besucherinnen und Besucher in der Luzerner Peterskapelle einem KI-Jesus. Bis Ende Oktober präsentierte man dort zusammen mit der Hochschule Luzern bekanntlich die experimentelle Mitmach-Kunstinstallation «Deus in Machina».

Gesprächssituation mit dem KI-Jesus in der Hochschule für Informatik in Rotkreuz ZG
Gesprächssituation mit dem KI-Jesus in der Hochschule für Informatik in Rotkreuz ZG

Die Besucherinnen und Besucher hatten die einmalige und rege genutzte Gelegenheit, mit einer künstlichen Intelligenz (KI) zu sprechen und Antworten, basierend auf dem Neuen Testament, zu erhalten. Sie erlebten dabei eine jesus-ähnliche Gestalt auf einem Bildschirm – inzwischen bekannt als «KI-Jesus».

Tiefste Sorgen, Hoffnungen und Glaubensfragen

Laut den Organisatoren der Kunstinstallation handelte es sich um ein rein künstlerisches Experiment, das die Interaktion zwischen Technologie und Spiritualität erforscht, ohne die sakramentale Beichte zu ersetzen. Im Rahmen dieser Kunstinstallation wurden quasi zum ersten Mal Gespräche dokumentiert, in denen Menschen mit dem «KI-Jesus» über ihre tiefsten Sorgen, Hoffnungen und auch über Glaubensfragen sprachen.

Die Peterskapelle – in der Altstadt Luzern und am Ufer der Reuss
Die Peterskapelle – in der Altstadt Luzern und am Ufer der Reuss

Die Besucherinnen und Besucher verabschiedeten sich gemäss der Transkripte häufig mit einem Dank, was die emotionale Resonanz des Projekts unterstreicht. Die Ausstellung zog dabei nicht nur Gläubige, sondern auch Atheisten und Agnostiker an.

Inspirierend und respektvoll empfunden

In den Fragebögen gaben viele der Befragten an, dass sie die Erfahrung als inspirierend und respektvoll empfanden. Besonders Menschen mit christlichem Hintergrund berichteten, dass die Gespräche oft spirituelle Momente hervorriefen.

«Die Erkenntnisse werfen auf jeden Fall neue Fragen auf: Wie verändert sich der Glaube im digitalen Zeitalter? Welche Rolle kann Technologie in der spirituellen Suche spielen? Das KI-Projekt liefert nicht nur Antworten, sondern zeigt auch, wie relevant Fragen nach Liebe, Tod und Frieden weiterhin sind – unabhängig von der religiösen Herkunft», meint der Projektmitarbeiter und Theologe Marco Schmid.

Marco Schmid, theologischer Mitarbeiter der Peterskapelle
Marco Schmid, theologischer Mitarbeiter der Peterskapelle

ChatGPT der neue, virtuelle Kummerkasten?

Die Frage ist aber auch: Wird ChatGPT beziehungsweise künstliche Intelligenz möglicherweise neuerdings zum religiösen Kummerkasten für Fragen, die Menschen nicht beantworten können? Fragen, die man Menschen nicht mehr traut zu stellen – auch deshalb, weil Menschen im Gegensatz zu einer künstlichen Intelligenz irgendwann genervt reagieren? Oder, weil es heutzutage immer weniger Menschen und Geistliche gibt, denen die Menschen vertrauen und die ihnen zuhören?

«ChatGPT wird von Leuten immer wieder herangezogen, wenn man einen Ratschlag braucht, und keine Person da ist, mit der man sich gerade austauschen könnte.»

«Ich beobachte in meinem näheren Umfeld, dass ChatGPT von Leuten immer wieder herangezogen wird, wenn man einen Ratschlag braucht, und keine Person da ist, mit der man sich gerade austauschen könnte», sagt Theologe Marco Schmid gegenüber kath.ch. Die Bedeutung der Nutzung von ChatGPT bei einsamen Menschen sei vermutlich nicht zu unterschätzen.

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«Es wäre also seelsorgerlich interessant, wenn es ein verantwortbares KI-Hilfsmittel gäbe, das permanent zur Verfügung stehen würde, und Ratschläge aus christlicher Sicht einbringen könnte.»

«Scham geringer, KI-Systeme persönliche Fragen zu stellen»

Für Schmid ist klar, dass der niederschwellige Zugang zu KI sicher ein Grund gewesen sei, weshalb der «KI-Jesus» so zahlreich und von so verschiedenen Leuten aufgesucht wurde. «Die Scham, auch persönliche und sensible Fragen zu stellen, ist bei KI-Systemen wohl geringer, da diese Fragen nicht be- und verurteilen, sondern vorbehaltlos einfach antworten.»

«Sollten Menschen mehr in KI-Systeme als in Menschen Vertrauen haben, dann wäre dies eine sehr ernst zu nehmende Rückfrage an das Wirken von uns Seelsorgenden.»

Wie es allgemein um das Vertrauen der Menschen in Seelsorgende bestellt sei, könne er nicht sagen. Schmid: «Sicher aber ist, dass Vertrauen die entscheidende Grundlage für Seelsorge ist. Sollten Menschen mehr in KI-Systeme als in Menschen Vertrauen haben, dann wäre dies eine sehr ernst zu nehmende Rückfrage an das Wirken von uns Seelsorgenden.»


Der KI-Jesus-Avatar, mit dem man sich in der Peterskapelle unterhalten konnte. | © KI-generiertes Foto von Philipp Haslbauer
28. November 2024 | 09:00
Lesezeit : ca. 3  Min.
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