Matthias Wenk, römisch-katholischer Theologe
Radiopredigt

Matthias Wenk: Aus demselben Ackerboden

Die Schöpfungsberichte aus der Bibel scheinen uns vertraut und doch lässt sich immer Neues entdecken. Die Relecture der Texte sowie Piz und Eni lehren den Radioprediger Matthias Wenk, wie eng Menschen und Tier sich sind.

Matthias Wenk*

In diesem Sommer war ich sehr viel draussen zu Fuss unterwegs, liebe Hörerinnen und Hörer! Eine Kollegin von mir hatte mich motiviert, Tagespilgern für Männer anzubieten. Und, pflichtbewusst wie ich bin, wollte ich die jeweiligen Touren natürlich vorher rekognoszieren. So manchen Kilometer und Höhemeter habe ich deshalb also in den letzten Monaten unter die Füsse genommen. Beim Rekognoszieren immer mit dabei: unsere Hündin Eni.

Gemeinsam auf dem Pilgerweg

Tapfer legte sie Kilometer um Kilometer gemeinsam mit mir zurück – auf ihren tapsigen Pfoten und mit ihren elegant-langen Beinen. Wie ich, kam auch sie an ihre Grenzen: Am Ende einer 32 Kilometer langen Tagesetappe auf dem Kolumbansweg beispielsweise nutze sie jede noch so kurze Wartezeit dazu, sich auf den Asphalt zu legen und alle Viere von sich zu strecken. 12 Jahre lang begleitet uns unsere Hundedame schon, ist Teil unserer Familie. Ganz besonders in schweren Zeiten hat sie uns mit ihrer temperamentvollen Art aufgemuntert – aber damit auch so manches Mal zur Weissglut getrieben.

Auf dem Jakobsweg
Auf dem Jakobsweg

Teil der Familie

So wie ich, verfügt Eni über Fähigkeiten und Charaktereigenschaften, die sie besonders machen, die sie zu dem Wesen machen, das sie ist. Und auch wenn ich aus Spass immer wieder sage, dass ihr Hirn nicht grösser als eine Erbse sei, muss ich heute aufrichtig zugeben, dass sie nicht dumm ist. Manchmal habe ich wirklich den Eindruck, dass sie versteht, was ich sage. Und oft genug versteht sie mich auch nicht – will mich vielleicht nicht verstehen oder kann es zum Teil auch nicht mehr, weil ihr Hörvermögen seit den letzten Monaten immer stärker nachlässt. Ich will unsere Hundedame Eni keineswegs vermenschlichen. Sie ist eine Hündin und hat in unserem «Familienrudel» auch die entsprechende Stellung. Doch wir erleben sie als Partnerin, als Teil von unserem Familiengefüge. Sie gehört zu uns.

Der sechste Schöpfungstag

Als ich die beiden Schöpfungsberichte der Bibel wieder einmal genauer gelesen habe, ist mir in diesem Zusammenhang etwas Spannendes aufgefallen: Der erste Schöpfungsbericht beschreibt keine wissenschaftlichen Tatsachen, sondern singt ein Loblied auf Gott, Schöpferin, Schöpfer von allem, was ist. Er singt unter anderem davon, dass Gott am fünften Tag die Meereslebewesen und die Vögel erschafft. Die Landtiere entstehen am selben Schöpfungstag wie wir Menschen – am sechsten. Ich sehe darin, wie eng der zeitliche Zusammenhang dort dargestellt ist, ein Sinnbild dafür, wie eng sich Menschen und Tiere sind. Auch wenn der erste Schöpfungsbericht dann weiter davon erzählt, dass Gott den Menschen die Anweisung gibt, sie sollen über die Tiere herrschen, wird dadurch nicht die Bedeutung geschmälert, wie eng die Lebenswelt von Mensch und Tier miteinander verbunden ist. Wohlgemerkt: als Ebenbild Gottes sollen die Menschen herrschen – also so, wie Gott herrscht. Relativiert wird die «göttliche» Anweisung in sich schon dadurch, dass der Schöpfungsbericht von Menschen verfasst wurde. Und Menschen halten sich ja gerne für die Krone der Schöpfung.

Hund
Hund

Nähe zwischen Mensch und Tier

Die Nähe zwischen Mensch und Tier, wie sie die Bibel beschreibt, bestätigt ein Blick auf unsere Menschheitsgeschichte. Auch die Tatsache, dass wir Menschen der Klasse der «Säugetiere» zugeordnet werden, zeigt das: Wir gehören zusammen. Zwischen 96 und 98% Übereinstimmung hat die Forschung zwischen dem Genom von Menschen und dem von Bonobos, Zwergschimpansen, ermittelt. Mit Katzen und Schweinen teilen wir auch noch 90% unseres Erbguts.

Die Gspähnli des Menschen

Im zweiten Schöpfungsbericht wird erzählt, dass der Mensch, der Erdling Adam, zunächst noch ganz allein auf der Erde lebt – in einem grossen grünen Garten. Doch Adonaj, also Gott, stellt schnell fest, dass Adam ein Gspähnli braucht. Und Gott sagt zu sich: «Ich will für ihn eine Hilfe machen, so etwas wie ein Gegenüber.» Da formt Gott aus Ackererde, also aus dem gleichen Material, aus dem auch Adam geformt wurde, alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels. Dann bringt sie Gott zum Menschen, um zu beobachten, welche Namen er ihnen gibt. Güggel, Hund, Katze, Schwein, Kuh – und wie sie alle heissen. Oder besser gesagt, wie die Tiergattungen heissen. Aber das wollte Gott ja nicht wissen – nicht die Tiergattungen wollte Adonaj vom Erdling hören, sondern die Namen der Tiere: Franz von Hahn, Eni, Piz, Rudi Rüssel oder Bella. Denn: Namen drücken aus, dass eine Beziehung zwischen einem Menschen und seinem Gegenüber besteht. Das heisst: Gott geht davon aus, dass Adam die Tiere als Beziehungspartner:innen sieht, als Lebens-Partner:innen also.

Vom «Mehr» zur «Masslosigkeit»

Und dann beschreibt auch diese Schöpfungsgeschichte etwas typisch Menschliches: Im Bibeltext heisst es da recht trocken «Aber ein Wesen, das ihm beistehen und sein Gegenüber sein konnte, war nicht darunter.» Anders gesagt: die Tiere reichen dem Menschen nicht als Gegenüber. Adam will mehr. Schon der erste Mensch, der in der Bibel beschrieben wird, will mehr, ist nicht mit dem zufrieden, was ihm Gott anbietet. Wir Menschen haben diese Masslosigkeit bis heute nicht in den Griff bekommen: breiten uns auf dieser Erde aus und gehen mit dieser Welt um, als wäre sie unser Eigentum. Das ist mit der «göttlichen» Anweisung, zu herrschen, nicht gemeint. «Herrschen» muss im Sinne von «Verantwortung übernehmen», «sorgen» oder sogar «pflegen» gedeutet werden. Nur so spiegelt es die göttliche Ebenbildlichkeit im «Herrschen» wider.

Kommunikation der Tiere

Während ich diese Radiopredigt schreibe, hat sich unser junger Kater Piz zu mir gesellt. Gemütlich eingerollt schnurrt er vor sich hin. Ich beobachte ihn ganz genau. Er sieht sehr zufrieden aus. Sein Schnurren deutet darauf genauso hin wie seine entspannte Körperhaltung. Und ich frage mich, was er mir erzählen würde, wenn er sprechen könnte. Aber tut er das nicht gerade?! Sein Schnurren erzählt mir doch davon, wie wohl er sich hier und jetzt fühlt. Auch mit seiner Körperhaltung kann er sprechen! Ob wir Menschen uns wohl deshalb über unsere tierischen Lebenspartner:innen stellen, weil wir sprechen können? Weil wir uns für intelligenter halten? Weil wir kreativ tätig sein können? Würden wir Menschen mit Tieren anders umgehen, wenn diese mit uns so reden könnten, wie wir reden? In einigen Heiligenlegenden geschieht übrigens genau das: Der Hl. Franz von Assisi konnte laut Legende mit dem Wolf und den Vögeln sprechen und der Hl. Gallus schloss einen mündlichen Vertrag mit dem Bären. Sie haben die Tiere als Lebenspartner:innen verstanden und begegneten ihnen auf Augenhöhe.

Esel sind durchaus intelligente Tiere.
Esel sind durchaus intelligente Tiere.

Spielende Bienen

Man muss kein Mensch sein, nicht wie ein Mensch handeln können oder aussehen wie einer, um intelligent zu sein. Dank wissenschaftlicher Verfahren und Beobachtungen können wir Tiere immer besser verstehen. Wir wissen beispielsweise inzwischen, dass Bienen gerne spielen, wenn sie Zeit dazu haben. Einfach so, weil es ihnen Spass macht. Und Wissenschaftler:innen arbeiten intensiv daran, die Kommunikation von Walen zu entschlüsseln. Mithilfe von KI wird das in Zukunft leichter möglich sein. Forscherinnen und Forscher gehen davon aus, dass wir Menschen mit Tieren wirklich werden reden können.

Ein Ursprung und derselbe Ackerboden

Das alles zeigt uns: wir Menschen sollten uns weniger wichtig nehmen. Nur weil wir uns für intelligenter halten oder weil es für uns ein Leichtes ist, Tiere zu töten, haben wir nicht das Recht, uns über andere Lebenswesen zu stellen oder sie auszubeuten. Für mich liegt die Botschaft der Schöpfungsberichte auf der Hand: Mensch und Tier haben den gleichen Ursprung, sind aus ein und demselben Ackerboden. Und: alles Leben hat den gleichen Ursprung in Gott. Genau das machen wir uns bewusst, wenn wir anlässlich des Franziskustages in unseren Kirchen Tiere segnen: Gott hat uns die Tiere als Gegenüber, als Lebenspartner:innen geschaffen. Der erste Schöpfungsbericht betont das nachdrücklich, indem er immer wieder wiederholt: «Und Gott sah, dass es gut war!» Unser Kater Piz findet das übrigens auch: er schnurrt zustimmend neben mir.

Matthias Wenk ist römisch-katholischer Theologe und arbeitet in St. Gallen.

Bibelstelle: Gen 1-2

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Matthias Wenk, römisch-katholischer Theologe | © Manuela Matt
29. September 2024 | 11:00
Lesezeit : ca. 5  Min.
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