«Leuchttürme in Städtepanoramen» – diese Kirchen locken jährlich Hunderttausende an
Gotteshäuser in der Schweiz, katholische und evangelisch-reformierte, leiden an einem Aderlass von Gläubigen. Gleichwohl besuchen Schweizer Kirchen jährlich Hunderttausende aus dem In- und Ausland – als touristische Sehenswürdigkeit und Kulturerbe.
Wolfgang Holz
Hätten Sie es gewusst? Welches ist der grösste touristische Magnet in Deutschland? Richtig: der Kölner Dom. Die französische Kathedrale am Rhein, wie die monumentale Kirche in einer Arte-Doku im Fernsehen bezeichnet wird, lockt jährlich rund sechs Millionen Besucherinnen und Besucher an. Unglaublich!
Der «Dom zu Kölle» bestätigt damit, dass Kirchen nach wie vor begehrte Objekte der touristischen Begierde und damit als Sehenswürdigkeiten alles andere als «out» sind. Auch wenn dabei das spirituelle Interesse nicht unbedingt an erster Stelle steht.
Moderne Glasfenster
Denn nicht jeder und jede betet vielleicht ein Vaterunser unter dem gotischen Gewölbe des Kölner Gotteshauses – sondern möchte womöglich lieber die modernen bunten Glasfenster von Gerhard Richter auf sich wirken lassen. Wobei eben auch die Betrachtung von Glasfenstern zum spirituellen Erlebnis werden kann.
Apropos Glasfenster. Auch in Zürcher Kirchen wie dem Grossmünster und dem Fraumünster beeindrucken bekanntermassen legendäre Glasfenster von namhaften Künstlern wie Marc Chagall, Augusto Giacometti und Sigmar Polke.
«Landmarks»
Und selbst, wenn diese Gotteshäuser an der Limmat keine derartigen «Landmarks» wie der Kölner Dom verkörpern – der ja nach seiner gut 600-jährigen Bauzeit 1880 mit 157 Metern Höhe sogar kurzfristig das höchste Gebäude der Welt darstellte –, dürfen sich die Zürcher Altstadtkirchen gleichwohl eines riesigen Besucherinteresses rühmen.
«Die vier Zürcher Altstadtkirchen, also das Grossmünster, das Fraumünster, die St. Peter-Kirche und die Predigerkirche ziehen jährlich rund eine Million Besucherinnen und Besucher an», sagt Geschäftsführer Patrick Hess nicht ohne einen gewissen Stolz in seiner Stimme gegenüber kath.ch.
«Mit die meistbesuchten Attraktionen»
Der Löwenanteil des Besucherinteresses entfällt auf das Grossmünster mit 600’000 Personen und auf das Fraumünster mit 150-200’000 Personen. «Die Kirchen sind absolut gefragt und liegen zentral in der Altstadt», versichert Hess. «Sie zählen zu den meistbesuchten Attraktionen der Stadt.»
Dabei kann man von den Türmen des Grossmünsters, dem Wahrzeichen der Stadt und Ausgangspunkt der Zwingli-Reformation, insbesondere die spektakuläre Aussicht geniessen: weit über den Zürichsee bis hin zu den Alpen.
Noch mehr Besucher vor Eintrittspflicht
Das Fraumünster mit seinem grünlichen Kirchturm, auch eines von Zürichs Wahrzeichen, hatte früher sogar noch mehr Besucherinnen und Besucher. 2015, vor der Einführung des Erwachseneneintritts, zählte man noch rund 500’000 Personen, die jährlich im Fraumünster vorbeischauten – das übrigens mit 5793 Pfeifen die grösste Orgel im Kanton Zürich aufweist.
«Als reformierte Kirchgemeinde wollen wir, dass die halbe Million Besucher im Jahr auch etwas von unserem Glauben, unserer Geschichte, der Reformation an diesem Ort und von der Bedeutung dieser Kirche für die Stadtentwicklung erfährt», betonte damals Fraumünster-Kirchenpfleger Hans-Hinrich Dölle in einem Interview mit ref.ch. «Der Tourismus macht alle unsere Besucher zu einer Familie, zu einer Gemeinschaft des lebendigen Interesses an Spiritualität – unabhängig welcher Religion sie angehören.»
Die Kirche St. Peter interessiert Touristinnen und Touristen übrigens laut Patrick Hess, dem Geschäftsführer der vier Zürcher Altstadtkirchen, vor allem wegen des überdimensionalen Kirchenuhrenzifferblatts. «Was viele nicht wissen: Der Turm von St. Peter gehört der Stadt Zürich, weil er Teil der alten Stadtmauer ist.»
Spirituelle Wellness-Oase
Szenenwechsel. Natürlich weist auch die katholische Kirche in der Schweiz Schwergewichte in Sachen Besucherinteresse auf.
Da ist zum Beispiel das Kloster Einsiedeln. Die Benediktinerabtei im idyllischen Schwyzer Hochtal mit der Schwarzen Madonna ist längst zu einer Art spirituellen Wellness-Oase der Schweiz geworden.
«Es gibt keine Erhebungen zu den Besucherzahlen. Wir haben aktuell kein Personenzählsystem und deswegen können wir keine Zahlen nennen», lässt Wallfahrtspater Philipp Steiner auf Anfrage von kath.ch wissen.
«Im Herzen der Schweiz»
Dennoch scheint gesichert, dass «mehrere hunderttausend Menschen jedes Jahr den Marienwallfahrtsort Einsiedeln im Herzen der Schweiz besuchen», wie Abt Urban Federer in einem Pilger-Grusswort versichert.
«Viele davon kommen nicht alleine, sondern in Gruppen zu uns. Und so dürfen wir jedes Jahr zahlreiche Pfarreien, Erstkommunion- und Firmgruppen, Schulklassen und Vereine bei uns begrüssen. Sie alle erleben Einsiedeln als einen faszinierenden Ort gelebten Glaubens, der Gottesbegegnung und der Kultur.»
Fakt ist: Allein Einsiedeln Tourismus hat im vergangenen Jahr 690 Klosterführungen mit 8855 Personen organisiert. Zudem gab es 14 Workshops im Skriptorium des Klosters mit 192 Personen. Und es wurden 37 Besuche im Weinkeller des Klosters verzeichnet, an denen 368 Personen teilnahmen.
Grösste private Musikbibliothek
Die Benediktinerabtei mit seiner mehr als 1000-jährigen Geschichte ist eben nicht nur ein Ort der Spiritualität, sondern auch der Bildung. Die nur in Führungen zugängliche Bibliothek beherbergt Handschriften und Bücher, die bis zur Gründung des Klosters im Jahr 934 zurückreichen. Das Kloster verfügt über die grösste private Musikbibliothek der Schweiz.
Neben der Klosterkirche kann man auch im ältesten noch bestehenden Pferdegestüt Europas die «Cavalli della Madonna» bewundern. Nicht zuletzt schreibt die Legende dem Wasser vom Marienbrunnen auf dem Klosterplatz in Einsiedeln heilende Wirkung zu.
Erste Barockkirche der Schweiz
Und da ist beispielsweise noch die Jesuitenkirche in Luzern – die erste Barockkirche der Schweiz. Strahlend schön und schon von weitem erkennbar, ist sie, direkt an der Reuss gelegen, ein Augenschmaus für alle Besuchenden.
«Wir haben extrem viele Touristen», gibt Präfekt Hansruedi Kleiber gegenüber kath.ch Auskunft. Hunderte seien es jeden Tag, die in das barocke Wunderwerk strömen. «Die Jesuitenkirche steht neben der Kapellbrücke zualleroberst unter den Sehenswürdigkeiten in Luzern», versichert er. Die Kirche sei ein wichtiges Wahrzeichen der Stadt.
Rokoko-Stuck
In der Tat. Die Jesuitenkirche, deren Bau von 1666 bis 1677 dauerte, ist der erste grosse, sakrale Barockbau der Schweiz, gebaut nach dem Vorbild der Kirche «Il Gésu» in Rom. Künstlerisch speziell hervorzuheben sind der Barock- und Rokoko-Stuck, der Hochaltar, die Orgel und der Kirchenschatz.
Dank der eindrucksvollen Akustik des imposanten Kirchenraumes dient die Kirche heute neben Gottesdiensten auch der Ausbildung von Organisten und als Konzertlokalität.
«Neulich feierten wir mit einer Puccini-Messe die Kirchweihe», erzählt Kleiber. «Dass die Kirche so stark frequentiert wird, liegt natürlich auch daran, dass sie sich mitten im Zentrum von Luzern befindet und dass sie in einem guten baulichen Zustand ist, weil viel Geld in die Erhaltung des Gotteshauses investiert wurde.»
Übrigens: Auch immer mehr asiatische Gäste, die häufig in Luzern Station machen, würden inzwischen auch immer öfter den Weg in die Jesuitenkirche nehmen. Allerdings verhehlt er nicht: «Die Gottesdienste selbst in der Jesuitenkirche könnten besser besucht werden.»
Wie auch André Aschwanden, Mediensprecher von Schweiz Tourismus, gegenüber kath.ch bestätigt, stehen Kulturgüter und Architektur hoch im Kurs als touristische Ziele. «Insbesondere Kirchen wirken wie Leuchttürme in städtischen Panoramen und als Sehenswürdigkeiten – nicht nur in spirituellem Kontext.» Die meistbesuchten Sehenswürdigkeiten der Schweiz 2023 (dort, wo Besuche gezählt werden, alle Angaben der Betreiber ohne Bergbahnen und Schifffahrtsgesellschaften) sind laut Schweiz Tourismus: 1. Zoo Zürich (1’260’000 Gäste) 2. Zoologischer Garten Basel (1’190’821) 3. Verkehrshaus der Schweiz in Luzern (1’002’000) 4. Lindt Home of Chocolate (752’052) 5. Kunsthaus Zürich (504’349) 6. La Maison Cailler (437’640) 7. Château de Chillon (391’000) 8. Natur- und Tierpark Goldau (391’000) 9. Technorama der Schweiz in Winterthur (ZH) (364’286) 10. Kunstmuseum Basel (324’822). Das Jungfraujoch hat im vergangenen Jahr 2023 zum Vergleich mehr als eine Million Besuche gezählt (1’007’000) gezählt. (woz)Zoos, Jungfraujoch und Schoggi
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