Isabel Vasquez
Schweiz

Isabel Vasquez zum Welttag der Migranten: «Wir rufen Christen zur Solidarität auf»

Kommenden Sonntag begeht die katholische Kirche den Welttag der Migranten und Flüchtlinge. Isabel Vasquez sagt, warum dieser Tag wichtig ist, welche Rolle Frauen in den Missionen spielen, und wie komplex die Situation in den verschiedenen Regionen der Schweiz aussieht. «Wir sind auf dem Weg zu einer interkulturellen Pastoral mit einer synodalen Stossrichtung», so die Fachfrau für Migrationsseelsorge.

Jacqueline Straub

Unter welchem Motto steht der diesjährige Tag der Migrantinnen und Migranten?

Isabel Vasquez*: Wie jedes Jahr wählt Papst Franziskus selbst das Motto für den Welttag der Migranten und Flüchtlinge aus. Dieses Jahr ist es: «Gott ist mit seinem Volk unterwegs». Er erklärt in seiner Botschaft auf eine sehr zeitgemässe Weise den Grund für dieses Motto. Dabei bezieht er sich auf die aktuelle Situation der Kirche im Synodalprozess: «Die Betonung ihrer synodalen Dimension erlaubt es der Kirche, das ihr eigenes Unterwegssein wiederzuentdecken. Sie ist unterwegs in der Geschichte als das dem Himmelreich entgegen pilgernde, wir könnten auch sagen ‹migrierende› Volk Gottes.» Der Welttag der Migranten und Flüchtlinge existiert seit 1914 als Erinnerung der Kirche an die Migrationssituation in der Welt. Seit 2019 findet dieser Tag am letzten Sonntag im September statt.

Kindersegnung in der katholischen Albanermission Thurgau.
Kindersegnung in der katholischen Albanermission Thurgau.

Warum ist dieser Tag wichtig?

Vasquez: An diesem Tag erinnern wir uns an Migrationssituationen, die nicht leicht zu bewältigen sind. Ein sehr wichtiger Punkt ist das Thema Asyl, das oft mit einem Trauma einhergeht, weil Gehen keine Option ist, sondern eine Lösung, die gefunden wurde, um das eigene Leben zu retten. An diesem Tag werden wir an die Verpflichtung erinnert, die wir als Katholiken gegenüber anderen haben, die unserer Unterstützung bedürfen. Nicht nur in Form von Geld und materiellen Dingen, sondern in ihren Grundbedürfnissen wie Sicherheit und emotionaler Unterstützung. Die Anerkennung der Migration als ein Phänomen, das es immer gegeben hat und immer geben wird, ist Teil unserer Geschichte als Kirche. Die Bibel ist voll von Momenten grosser demografischer und migratorischer Veränderungen. An diesem Tag rufen wir als Christen zur Solidarität auf.

Am Welttag der Migranten und Flüchtlinge erhält Migratio den Erlös der Gottesdienstkollekten.

Vasquez: Für die Arbeit von Migratio sind am diesem Tag die Kollekte und die Spenden sehr wichtig: Wir arbeiten daran, das Bewusstsein für die Bedürfnisse zu schärfen, die durch die Migration entstehen. Wir bitten in der Kollekte auch um Hilfe für Projekte in der Asylarbeit und für sprachliche Minderheiten, die wir ohne die Kollekte nicht unterstützen könnten.

Es ist ein Aufruf an alle, Solidarität zu zeigen in einer Kirche, in der es nicht nur Skandale gibt, sondern auch Seelsorgende und Teams, die etwas Positives tun können. Die gesamte Kollekte geht an Migratio. Wir möchten uns bei allen bedanken, die an diesem Tag bei dieser Arbeit mithelfen.

Welche Rolle spielen Frauen in den Missionen?

Vasquez: In Missions- und Sprachgruppen sind Frauen eine Quelle der sozialen und spirituellen Unterstützung für die ganze Gemeinschaft. Ohne sie ist es unmöglich, viele Feste und Treffen zu organisieren. Das Phänomen der Migration betrifft oft viele Familien, in denen die Mütter am stärksten betroffen sind, entweder weil sie als erste auswandern oder weil sie diejenigen sind, die ihre Familien für eine unbestimmte Zeit unterstützen, während die anderen sich auf ein Studium und niedere Tätigkeiten einstellen.

«Frauen sind die stille Kraft in der Kirche.»

Viele Frauen unterstützen ihre Familien auch in ihrem Herkunftsland. Sie sind auch in vielen Gebetsgruppen und in der Katechese sehr stark. Viele Frauen haben den Wunsch, sich in die Kirchgemeinden zu integrieren und sind oft diejenigen, die durch ehrenamtliche Arbeit eine Brücke zwischen den Gemeinden schlagen. Aber wir Frauen sind nicht nur in den Missionen stark, sondern auch in der Kirche im Allgemeinen.

Wallfahrt der Afrikaner nach Einsiedeln.
Wallfahrt der Afrikaner nach Einsiedeln.

Bei der Migration ist das Problem noch ausgeprägter, denn die Frauen sind diejenigen, die die Traditionen weitergeben und in vielen Familien sind sie die Trägerinnen der ersten geistlichen Erziehung ihrer Kinder und ihrer Familie. Ich beobachte bei meinen Besuchen ihrer Aktivitäten, dass Frauen die stille Kraft in der Kirche sind, die in manchen Fällen am wenigsten anerkannt wird, aber dennoch am meisten gebraucht wird. Viele Frauen haben aufgrund ihrer Migration traumatische Situationen erlebt, ihr Zustand macht sie zu einer verletzlichen Gruppe.

Viele Länder sind noch sehr priesterzentriert. Zeigt sich das auch in den Missionen in der Schweiz?

Vasquez: In einigen Missionen ist die Rolle des Priesters tatsächlich sehr wichtig. Allerdings beginnt sich die Sichtweise zu ändern, wenn man erkennt, dass es nicht immer möglich ist, einen Priester für die Feier der Messe zu haben. Für einige ist dies etwas, was es in ihren Ländern nicht gibt, weil sie noch nicht mit dem Mangel an Berufungen konfrontiert wurden. Dennoch wissen dieselben Gemeinschaften die Arbeit und das Engagement zu schätzen, das viele Gruppen, meist Frauen, leisten, um die Gemeinschaft zusammenzuhalten. Viele Gemeinden lernen, sich selbst zu organisieren, ohne dass der Priester derjenige ist, der alles für die Gemeinde vorbereitet.

Die katholische Albanermission der Schweiz auf Wallfahrt in Lourdes.
Die katholische Albanermission der Schweiz auf Wallfahrt in Lourdes.

Manchmal ist es ein Mangel an Wissen oder ein Symptom des Migrationsprozesses, bei dem die betroffenen Menschen unbewusst an Bräuchen festhalten, die in der Realität des Landes, in dem sie leben, nicht immer umgesetzt werden können. Aber ich habe dies auch in einigen lokalen Gemeinden beobachtet, wo sie um jeden Preis einen Priester für die tägliche Messe haben wollen, und das ist nicht immer möglich. Es ist nicht nur ein Phänomen der Migration, es ist ein Phänomen des Wandels, den die Kirche heutzutage durchmacht, und der Art und Weise, wie die Religiosität in jeder Gruppe oder an jedem Ort gelebt wird.

Wie zeigen sich die verschiedenen Missionen in der Schweizer Kirchenlandschaft?

Vasquez: Die Realität der Migration ist etwas, das nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der Kirche beobachtet werden kann. In vielen Kirchgemeinden ist die Mission ein wichtiger Bestandteil der täglichen Arbeit. Aber die Realität ist sehr komplex, da sie von verschiedenen Faktoren wie der Sprache abhängt. Deutsch, Französisch und Italienisch sind nicht nur Amtssprachen. In den Sprachen zeigen sich auch unterschiedliche Auffassungen von der Religiosität der jeweiligen Gemeinschaft.

«Es gibt viele Migranten, die in Kirchgemeinden integriert sind.»

Hinzu kommt die verwaltungstechnische Realität jeder Diözese, der Kantone und ihrer verschiedenen Regionen, in denen die Mitglieder einer Mission zusammengeschlossen sind, sowie deren Messen und Traditionen. Es gibt keine allgemeine Antwort auf die Frage, wie die verschiedenen Missionen und Sprachgruppen dargestellt oder berücksichtigt werden. In einigen Seelsorgeeinheiten sind sie von Anfang an als Teil des Personals aktiv. In anderen Kirchen gibt es immer noch Modelle der Ausgrenzung, bei denen die Missionen ihre Messen separat feiern und für die Nutzung der Kirche und ihrer Räumlichkeiten bezahlen müssen.

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Gleichzeitig gibt viele Migranten, die in Kirchgemeinden integriert sind. Dies ist jedoch nicht mit einer vollständigen Assimilation zu verwechseln, sondern ein Zeichen für interkulturelle Kompetenzen, die es ermöglichen, in einer Kirchgemeinde zusammenzuarbeiten und in der Muttersprache die Traditionen und besonderen Momente zu leben, durch die wir uns der Kultur, in die wir hineingeboren wurden, näher fühlen.

«Wir sind auf dem Weg zu einer interkulturellen Pastoral mit einer synodalen Stossrichtung.»

In diesen Fällen denke ich immer an die Beschreibung des Gesamtkonzepts für Migrationspastoral. «Vermehrtes Miteinander und wertschätzendes Nebeneinander…» Es gibt auch Missionen, die mehrere Standorte in verschiedenen Regionen der Schweiz haben und solche, die klein und national tätig sind. Wir können nicht nur von «den Missionen oder Sprachgruppen» sprechen, denn auch unter ihnen gibt es soziale und kulturelle Unterschiede. Ein komplexes Thema, das die Dienststelle Migratio versucht, neu zu strukturieren, um der aktuellen Situation gerecht zu werden. Wir sind auf dem Weg zu einer interkulturellen Pastoral mit einer synodalen Stossrichtung.

*Isabel Vasquez ist Nationaldirektorin von Migratio. Das ist die Dienststelle der Schweizer Bischofskonferenz für Seelsorge an Migrantinnen und Migranten sowie Menschen unterwegs. Das Interview wurde schriftlich geführt.

Wettbewerb soll für Migrantenpastoral sensibilisieren

Dieses Jahr schreibt Migratio zum dritten Mal einen Wettbewerb für interkulturelle Pastoral aus. Migratio ist die Dienststelle der Schweizer Bischofskonferenz, die sich mit der Seelsorge an Migrantinnen und Migranten befasst. Mit dem Wettbewerb wolle man einerseits für die Migrantenpastoral und für die interkulturelle Pastoral sensibilisieren, teilt Nationaldirektorin Isabel Vasquez mit. Zum andern wolle man dazu anregen, sowohl bestehende als auch neue Projekte vorzustellen.

«Der Wettbewerb soll zutage bringen, was wir in unseren Pfarreien und unseren Sprachmissionen machen, was wir bewegen, wie wir selbst bewegt werden und wie wir das christliche Miteinander leben», so Vasquez. Eingereicht werden können Projekte, die ein «vorbildliches Miteinander von Ortspfarreien und anderssprachigen Gemeinschaften aufzeigen», heisst es in der Ausschreibung. Bewerben können sich Pfarreien, Missionen, Freiwillige und Gruppen aus dem Religionsunterricht. Das Preisgeld beträgt 3500 Franken und ist aufteilbar. Die Frist zur Einreichung läuft bis 20. November 2024. Die Preisverleihung findet am 30. März 2025 statt. (bal)


Isabel Vasquez | © Sandra Leis
26. September 2024 | 09:00
Lesezeit : ca. 6  Min.
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