Maria Regli, Theologin und Läuferin
Schweiz

Maria Regli: «Das Laufen hat mich aus der Enge herauskatapultiert»

Religion und Sport: Maria Regli ist freischaffende Theologin und leidenschaftliche Läuferin. Wie sie beides miteinander verbindet, erzählt sie im Podcast «Laut + Leis».

Sandra Leis

Volksläufe und Marathons boomen vor allem im Herbst und im Frühling. Auch Maria Regli war von dieser sportlichen Herausforderung fasziniert: Zweimal hat sie den Jungfrau-Marathon und den Glacier-3000-Run absolviert und an vielen Volksläufen teilgenommen.

Seit einer Knieverletzung läuft sie keine Wettkämpfe mehr, doch das Laufen ist ihr immer noch Lebenselixier: «Mir geht es nicht primär um Leistung. Mein Ziel ist es, beim Joggen Körper, Seele und Geist als Ganzes wahrzunehmen», sagt die 63-Jährige.

Im Kloster-Internat Ingenbohl

Mit Laufen angefangen hat Regli als Gymnasiastin im Kloster-Internat Ingenbohl am Vierwaldstättersee. «Ich ging mit Freude in dieses Gymnasium, doch dann habe ich mich zusehends eingeengt gefühlt.» Der Leistungsdruck, das ständige Zurecht-gewiesen-Werden und die Körperfeindlichkeit hätten ihr zu schaffen gemacht. 

Maria Regli verbrachte als Gymnasiastin sieben Jahre im Kloster Ingenbohl in Brunnen.
Maria Regli verbrachte als Gymnasiastin sieben Jahre im Kloster Ingenbohl in Brunnen.

Geholfen habe ihr das Joggen: «Das Laufen hat mich herauskatapultiert in die Weite. So konnte ich wieder in Balance kommen, Dinge verarbeiten und mich entspannen.» Dank der Lauftrainings sei es ihr möglich gewesen, im System Kloster zu funktionieren und die erforderliche Leistung zu bringen.

Erster spiritueller Lauftreff der Schweiz

Nach der Matura studierte Regli römisch-katholische Theologie im schweizerischen Freiburg und arbeitete danach viele Jahre in der Kirche. Schliesslich kam es zum Bruch; letztes Jahr ist sie aus der Kirche ausgetreten (siehe auch Porträt). Heute arbeitet sie als freischaffende Theologin, Ritual-Begleiterin und Klinik-Seelsorgerin.

In der Pfarrei St. Josef in Köniz hatte Maria Regli den Auftrag, Angebote zu schaffen für neue spirituelle Erfahrungen.
In der Pfarrei St. Josef in Köniz hatte Maria Regli den Auftrag, Angebote zu schaffen für neue spirituelle Erfahrungen.

Prägend war für Regli die Zeit als Seelsorgerin in der Pfarrei St. Josef in Köniz bei Bern. Dort hat sie vor 15 Jahren den ersten spirituellen Lauftreff der Schweiz gegründet. «Es ging darum, attraktive Angebote zu schaffen für Menschen, die Lust hatten, neue spirituelle Erfahrungen zu machen.»

Spiritualität und Körper

Der spirituelle Lauftreff verbindet Spiritualität und Körper. «Beim Joggen trainiere ich den Körper und beim Meditieren den Geist. Ein trainierter Geist unterstützt den Körper und umgekehrt», sagt Regli. 

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Natürlich könne man auch sitzend meditieren. Doch die Bewegung helfe vielen Menschen besser, sich zu entspannen und «in die Präsenz zu kommen. Denn beim Laufen spüre ich den Atem und den Schritt-Rhythmus viel stärker als beim Sitzen. Ich muss auch achtgeben, dass ich nicht stolpere.» Deshalb sei die Gefahr, den Alltagssorgen nachzuhängen, geringer. «Diese kann ich beim Laufen quasi hinter mir lassen.»

Masterarbeit und Teresa von Ávila

Maria Regli hat sich auch wissenschaftlich mit dem Thema befasst und einen Studiengang in angewandter Spiritualität absolviert. Titel ihrer Masterarbeit: «Spiritual Move, Laufen als Form einer spirituellen Praxis» (2010). 

Mystikerin Teresa von Ávila: «Sei freundlich zu deinem Körper, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen.»
Mystikerin Teresa von Ávila: «Sei freundlich zu deinem Körper, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen.»

Dazu sagt sie: «Die Kombination von Laufen und Meditation war damals in der Schweiz noch nicht erforscht. Im Rahmen meiner Recherchen wurde ich in Deutschland und Österreich fündig.»

Dass Körper und Geist einander beeinflussen, wusste bereits die grosse Mystikerin Teresa von Ávila. Maria Regli zitiert sie in ihrer Masterarbeit so: «Sei freundlich zu deinem Leib, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen.»

Beim Marathon das Ego überwinden

Nur: Wer einen Marathon bestreiten will, verlangt dem Körper auch einiges ab. Aus eigener Erfahrung weiss Maria Regli: «Beim Marathon spricht man oft vom sogenannten Hammermann. Nach 33 Kilometern kommt oft die grosse Erschöpfung.» 

Marathon: Nach 33 Kilometern kommt oft die grosse Erschöpfung. Danach passiert ein Durchbruch.
Marathon: Nach 33 Kilometern kommt oft die grosse Erschöpfung. Danach passiert ein Durchbruch.

Doch danach passiere eine Wende, ein Durchbruch: «Das Ego will nicht mehr, und dann lässt es los. Es ergibt sich dem Fluss der Bewegung und wird eins mit ihr.» Ein solches Flow-Erlebnis könne auch als spirituelle Erfahrung gedeutet werden. 

Pius XII., der «Papst der Sportler»

Diverse Studien belegen:  Sport stärkt Körper und Psyche. Er kann auch Depressionen vorbeugen und lindern. Die Kehrseite: Sport kann zur Sucht werden oder zur Religion.

Dessen war sich auch Pius XII. bewusst. Er gilt als «Papst der Sportler» und hat selber gerne Sport betrieben – vor allem Reiten, Rudern, Schwimmen und Wandern.

«Der Sport steht im Dienst des Menschen»

Während seiner Zeit als Papst gab er konkrete Anweisungen zur Sportpraxis und Sporterziehung. 1951 sagte er in einer Ansprache an der Generalversammlung des Internationalen Verbandes der Sportpresse in Rom: «Der Sport steht im Dienste des ganzen Menschen; er darf also keineswegs dessen religiöse und sittliche Vervollkommnung hindern, sondern muss sie im Gegenteil fördern, unterstützen und begünstigen.»

Maria Regli über Marathon und Spiritualität: «Wenn das Ego nicht mehr will, dann lässt es los.»
Maria Regli über Marathon und Spiritualität: «Wenn das Ego nicht mehr will, dann lässt es los.»

Ob diese Anweisung und drei weitere päpstliche Grundsätze zum Sporttreiben auch siebzig Jahre später noch aktuell sind, ist ebenfalls Thema im Podcast «Laut + Leis» mit Maria Regli.


Maria Regli, Theologin und Läuferin | © Sandra Leis
27. September 2024 | 14:00
Lesezeit : ca. 3  Min.
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