Erntedank
Radiopredigt

Claudia Buhlmann: Erntezeit

Das herbstliche Kleid der Natur und die reiche Ernte der Felder und Gärten inspirieren Radiopredigerin Claudia Buhlmann zur «Erntezeitpredigt». Das Evangelium, die gute Nachricht, darf auch in der Vielfalt der Natur, in Farben und Düften gesehen werden.

Claudia Buhlmann*

Haben Sie es leuchten sehen? In den Bäumen, den Gärten? Auf den Feldern? Es ist Erntezeit. Die Äpfel und Birnen wollen gepflückt werden. Kürbisse liegen wie grosse orangefarbene Kugeln in den Gärten und vom Blumenfeld an der Strasse holen sich die Menschen Dahlien, Zinnien und Astern in ihre Stuben.

Letzten Sonntag, am Bettag, gab es vielleicht auch bei Ihnen daheim Zwetschgenkuchen. In der Kirchgemeinde, in der ich arbeite, hat das Tradition. Auf mit Blumen geschmückten Tischen wird nach dem Gottesdienst von den Kirchenkaffeefrauen Zwetschgenkuchen mit Rahm serviert. Ich kann Ihnen versichern, dass es sich die Leute schmecken lassen.

Den Geschmack des Sommers auf der Zunge

Für viele Menschen ist der Herbst die schönste Zeit im Jahr.  Die Sonne steht nicht mehr so hoch, das Licht wird weicher. Die Felder sind grösstenteils abgeerntet und in den Küchenschränken stehen Gläser mit Brombeer – und Aprikosenmarmelade. Wenn dann die feine Konfi aufs Brot gestrichen wird, lässt der Geschmack auf der Zunge den Sommer in uns noch einmal aufleben.

Aber wer weiss, vielleicht «zmörgelen» Sie gerade mit Wassermelone, Oliven oder Fetakäse? Viele Schweizer und Schweizerinnen, habe ich gelesen, reisen in den Herbstferien besonders gern nach Griechenland. Man möchte den Sommer noch etwas verlängern. Bevor es auf die Winterzeit zugeht, sollen noch ein paar Sonnenstrahlen und eine ordentliche Prise Meerluft getankt werden.

Astronomischer Herbstanfang

All die bezaubernden Frühlingsblüten, all die gehegten und gepflegten Setzlinge, haben ihr Ziel erreicht: Sie sind reif geworden, werden geerntet, eingekocht, eingelagert und aufgegessen.

Heute am 22. September um 14. 43 Uhr ist der astronomische Herbstanfang. Die Sonne steht dann senkrecht über dem Äquator und Tag und Nacht sind genau gleich lang. Die Zeit, die jetzt vor uns liegt, wird kühle Nächte und kurze Tage bringen. Es wird bestimmt noch schöne Tage geben, aber nach und nach werden wir das Sommerkleid erst mit der Strickjacke und dann mit dem Wintermantel vertauschen müssen.

Es herbstet.
Es herbstet.

Weinfeste, Zwiebelfeste, Kartoffelfeste

In früheren Zeiten dachten die Menschen in unseren Breitengraden im September nicht ans Mittelmeer und ans Ferienmachen. Der «Erntemonat» war der Monat, in dem nicht nur in der christlichen Tradition, für die Früchte der Gärten und Felder gedankt wurde. Ein arbeitsreiches Jahr lag hinter den Menschen. Was in den Kellern, Scheunen, auf den Böden und in den Schränken eingelagert war, half ihnen den langen Winter zu überstehen. Das musste gefeiert werden.

Je nach Region gab es Weinfeste, Zwiebelfeste oder Kartoffelfeste. Viele dieser Traditionen haben sich erhalten und in der kleinen Gemeinde Zäziwil am Eingang des Emmentals wird in wenigen Tagen ein Fest zu Ehren der Leinpflanze gefeiert. Alles, was man zum Leben brauchte: Nahrung, Kleider, das Dach über dem Kopf und das Federbett zum Schlafen, musste vor nicht allzu langer Zeit mit den eigenen Händen gefertigt werden. Aber wenn man ein Erntefest feierte, war das mehr als eine schöne Tradition oder ein ausgelassenes Fest, nämlich ein «Schulterklopfen»: Seht mal, was wir hier alles geschafft haben.

Erntedank ist ein Blick in die Weite

«Erntedankfest», wie es in den christlichen Kirchen genannt wird, ist immer auch ein Blick in die Weite, ein Dank an die grosse Schöpferin, den grossen Schöpfer im Bewusstsein, dass wir das Wesentliche, das Wachsen, nicht machen können.

Im Matthäusevangelium zitiert Jesus den Satz aus der hebräischen Bibel, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt. Und nur wenig später in der sogenannten Bergpredigt lesen wir: «Häuft nicht auf der Erde Schätze für euch an, wo Motten und Rost sie vernichten, wo Diebe einbrechen und stehlen. Häuft vielmehr im Himmel Schätze für euch an, wo weder Motten noch Rost sie vernichten, wo Diebe nicht einbrechen und stehlen. Denn da, wo dein Herz ist, da wird auch dein Schatz sein». (Mt 6,19 – 21).

Jetzt könnte man denken: «Hm – der hatte gut reden, der Wanderprediger, der keine Familie zu versorgen hatte, der von den geschenkten Gaben seiner Mitmenschen leben wollte und konnte. Der musste keinen Acker umpflügen, der musste an keinem Webstuhl sitzen und keine Ölpresse bedienen. Aber soweit ich das Evangelium verstehe, war Jesus kein weltfremder, in den Sorgen der Menschen unerfahrener Mann.

Der Herbst lässt sein buntes Band wieder flattern durch die Lüfte.....
Der Herbst lässt sein buntes Band wieder flattern durch die Lüfte.....

Jesu Sichtweise und Leben

Er war schliesslich gelernter Zimmermann, lief durch die Städte und Dörfer, sah die Arbeit der Menschen, ihren Reichtum und ihre Armut. Er kannte ihre Engstirnigkeit und ihren Mut. Jesus wusste, dass die Menschen zu beidem fähig sind: zu verbinden und zu trennen – zu schlechten und zu guten Taten.

Er lebte das vollkommene Einssein mit der göttlichen Kraft, das so viel möglich macht. Viel mehr, als wir uns vorstellen können. Jesus war das gelebte «Und», das gelebte «Ganze», die lebendige Verbindung von Gott und Mensch. Seine Sichtweise auf das Leben, sein Dasein sind so beeindruckend gewesen, dass Jahrzehnte nach seinem Tod Menschen wie Matthäus, ihr «Evangelium» geschrieben haben.

Die gute Nachricht

Evangelium heisst übersetzt «gute Nachricht». Und mit ihren Geschichten und Erzählungen bewegen die Evangelien die Leserinnen und Hörer seit fast 2000 Jahren. Die Texte wurden zu Sprichwörtern, zu Filmen, Theaterstücken, zu Literatur, zum Forschungsgegenstand und vor allem zu Wegweisern im Alltag.

Jedem der vier bekannten Evangelisten wurde auch eine persönliche Bedeutung zugeschrieben. Matthäus hat man zu einer wichtigen Person im Bauernkalender gemacht: Am gestrigen Matthäustag, dem 21. September, schaut man, wie das Wetter in den kommenden Wochen sein wird. In Zeiten ohne Wetterapp und Meteo ein wichtiges Datum für die Landwirtschaft und wieder einmal eine wunderbare Verbindung von Himmel und Erde. «Wie’s Matthäus treibt, es vier Wochen bleibt». «Tritt Matthäus stürmisch ein, wird bis Ostern Winter sein». «Matthäuswetter hell und klar, bringt guten Wein im nächsten Jahr.» Natürlich müssen wir uns als Menschen um unsere irdischen Belange kümmern. Wir müssen pflügen, säen, Kürbissuppe kochen, am Computer sitzen, Kranke pflegen und so weiter und unser Brot verdienen.

Aber wenn das allein unser Kostbarstes ist, das Geld, das wir verdienen können und vielleicht etwas davon sparen können, die Reisen, die wir damit unternehmen können, die Kleider, die wir damit kaufen können, dann sind wir arme Leute. All diese Kostbarkeiten vergehen: Kleider kommen aus der Mode, Häuser verfallen, Ferien gehen vorbei.

Claudia Buhlmann, SRF-Radiopredigerin.
Claudia Buhlmann, SRF-Radiopredigerin.

Haltet Ausschau nach den Schätzen!

Jesus meint nicht, dass wir uns nicht an den Freuden des Lebens ergötzen oder die Früchte unserer Arbeit geniessen sollen. Seine Worte richten sich diesbezüglich auch nicht an die Menschen, die kaum genug zum Leben haben und jeden Tag ums Überleben kämpfen. Er sagt einfach: Wenn ihr wahrhaft leben wollt, dann haltet auch Ausschau nach den Schätzen, die eure Seele nähren. Hängt euer Herz nicht zu fest an die materiellen Dinge und das Ansehen, das ihr euch damit erwerben könnt.

Es gibt da diese kleine fast 60 Jahre alte Geschichte von Leo Leonni. Kennen Sie «Frederick»? Die Geschichte von den Mäusen, die in einer alten Steinmauer leben und Vorräte für den Winter sammeln. Alle Mäuse ausser Frederick sammeln Nüsse, Stroh und Körner zusammen. Sie laufen hin und her, trippeln und trappeln, während Frederick auf einem Stein sitzt und zuschaut. «Hei träumst du, warum arbeitest du nicht?» fragen ihn seine Freunde. «Ich arbeite doch!» antwortet Frederick, «Ich sammle Sonnenstrahlen, Farben und Worte für den Winter».

Dann kommt der Winter. Nach und nach gehen Nüsse und Körner zur Neige. Die Mauseherzen sind bekümmert. «Du, Frederick» fragen seine Freunde «Was ist nun mit deinen Vorräten?» Da beginnt Frederick Geschichten zu erzählen von Sonnenstrahlen, Geschichten von Blumen und von all dem, was die Jahreszeiten schön macht. Seine Worte geben den Mäusen Kraft, den langen Winter zu überstehen.

Farben, Düfte und Geschichten sammeln

Das ist eine Kindergeschichte, die auch von Erwachsenen geliebt wird. Sie erzählt auf ihre Art, was uns Matthäus in seiner «Guten Nachricht» aufgeschrieben hat: «Dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt» und dass es mehr als irdische Güter gibt, die uns leben und überleben helfen.

Warum also nicht herzhaft in einen Apfel beissen und einen Blumenstrauss in die Vase stellen und dabei ganz bewusst das Herz vor Dankbarkeit überlaufen lassen? Warum nicht einen feinen Zwetschgenkuchen backen und mit den Nachbarn teilen? Warum nicht Ferienfotos mit Freunden angucken, sich an den Urlaubserinnerungen mitfreuen, auch wenn man selbst daheim geblieben ist?

Wie wäre das, wenn wir heute zum Herbstbeginn anfangen, schon hier vor der Haustür Farben, Duft und Geschichten zu sammeln, die uns über den Winter bringen? Wie wäre das, wenn wir probieren unsere Herzen an Glaube, Hoffnung und Liebe zu hängen? Eine Woche voller Schätze: mottensicher und rostfrei. Einen Herbst voller Himmelblau und Erdenglück, mit einem Leuchten im Gesicht, das wünsche Ich Ihnen. Amen.

*Claudia Buhlmann ist evangelisch-reformierte Pfarrerin in Münchenbuchsee-Moosseedorf

Bibelstelle: Mt 6,19 – 21

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Erntedank | © zVg
22. September 2024 | 11:00
Lesezeit : ca. 6  Min.
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