Josselin Tricou
Schweiz

Religionssoziologe beurteilt Massnahmen gegen Missbrauch als «kosmetisch»

Der französische Politologe und Soziologe Josselin Tricou hätte sich für die Schweiz eine ähnlich umfassende Missbrauchsstudie wie in Frankreich gewünscht. Womöglich wollten die Bischöfe keinen Schock erleben, meint der Forscher an der Uni Lausanne.

Regula Pfeifer

Josselin Tricou arbeitet am Institut für Religionssoziologie der Uni Lausanne und verfolgt die Missbrauchsaufarbeitung in der römisch-katholischen Kirche der Schweiz. Mit einem entscheidenden Vorwissen: Der Franzose hat an der grossen Missbrauchsstudie in Frankreich mitgewirkt, der CIASE. Diese hat geschätzte rund 300’000 Personen eruiert, die als Minderjährige im kirchlichen Umfeld missbraucht worden waren. «Das hat einen Schock ausgelöst», sagt Tricou im Gespräch mit cath.ch.

Angst vor hohen Fallzahlen?

Eine solche Studie wollte der Forscher auch in der Schweiz initiieren. Dafür setzte er sich mehrfach ein, erfolglos, wie er sagt. «Die Schweizer Bischöfe haben sich geweigert, eine soziodemografische Umfrage zum Thema Missbrauch zu finanzieren», sagt er. Womöglich wollten sie nicht mit solch hohen Fallzahlen wie in Frankreich konfrontiert werden, mutmasst der Oberassistent an der Universität Lausanne.

Paradeplatz in Zürich - Zentrum des Finanzplatzes Schweiz
Paradeplatz in Zürich - Zentrum des Finanzplatzes Schweiz

Eine soziodemografische Studie hätte per Umfrage Missbrauchsbetroffene in der Gesamtbevölkerung eruiert und befragt – teilweise mit qualitativen, intensiven Interviews. Das hätte es ermöglicht, «die grossen Konturen des Missbrauchs-Phänomens zu zeichnen und die sie begünstigenden Mechanismen zu verstehen», so Tricou.

«Konkrete Hebel» zur Risikoverringerung

Ausserdem wäre ein Vergleich der verschiedenen Kirchen in der Schweiz möglich gewesen. Etwa nach der Häufigkeit und den Mechanismen, die dort jeweils zu Missbrauch führten. Damit hätten die Forschenden für jede einzelne Kirche «konkrete Hebel identifizieren können zur Verringerung der Risiken», ist der Religionssoziologe überzeugt. Das sei bei der nun laufenden historischen Missbrauchsstudie nicht möglich.

Pressekonferenz zur Pilotstudie Missbrauch in der katholischen Kirche, 12. September 2023
Pressekonferenz zur Pilotstudie Missbrauch in der katholischen Kirche, 12. September 2023

Zu den Folgen der Missbrauchs-Pilotstudie vor einem Jahr meint er: «Die angekündigten Massnahmen scheinen mir in die richtige Richtung zu gehen. Aber man hat das Gefühl, dass es sehr – allzu? – langsam vorangeht.» Das liege teilweise daran, dass die Verantwortlichen eine «möglichst breite Zustimmung unter den Gläubigen und dem Klerus anstreben». Das könne zwar die Massnahmen wirksamer machen. «Für die Betroffenen und die Öffentlichkeit wird diese Langsamkeit jedoch eher als Zeichen des bösen Willens seitens der Institution wahrgenommen.»

«Die Strukturen der Kirche werden nicht angetastet.»

Ausserdem bezeichnet der Forscher die Massnahmen der Schweizer Kirche als «peripher». Er ortet eine Tendenz zu «kosmetischen Lösungen». Die dahinterliegenden systemischen Ursachen würden nicht angepackt. «Die Strukturen der Kirche werden nicht angetastet», sagt er.

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Dazu zählt er etwa den Ausschluss der Frauen aus entscheidenden Positionen sowie die Gehorsamskultur. Letztere könne zu einer Infantilisierung der Gläubigen führen. Dadurch würden die Gläubigen manipulierbar und anfällig für Machtmissbrauch. Auch die «Sakralisierung» der Priesterfigur bezeichnet Tricou als systemischen Faktor, der den Täter unantastbar mache und Vertuschung fördere.

Furcht vor Einsturz

Auch das hierarchische System, die rigide Sexualmoral und die priesterliche Zölibatspflicht gehören für ihn zu systemischen, den Missbrauch begünstigenden Faktoren. «Mir scheint, dass die Kirche hier eine Reihe von Stützmauern sieht. Sie befürchtet, das ganze Gebäude könnte einstürzen, wenn sie daran rüttelt. Daher engagiert sie sich nur sehr zögerlich.»

Schweizer Bischöfe: der Einsiedler Abt Urban Federer (l.), der Basler Bischof Felix Gmür und der St. Galler Bischof Markus Büchel
Schweizer Bischöfe: der Einsiedler Abt Urban Federer (l.), der Basler Bischof Felix Gmür und der St. Galler Bischof Markus Büchel

Ausserdem spiele auch der «römische Riegel» eine bedeutende Rolle, sagt der Religionssoziologe. Also die Tatsache, dass nur der Papst über wichtige strukturelle Veränderungen entscheiden kann. Und auch dies nur eingeschränkt – da er die Einheit der Kirche bewahren müsse.

Ein «Balanceakt»

Die Schweizer Bischöfe seien sich dessen bewusst und wollten die hierarchischen Regeln einhalten, sagt Tricou. Sie versuchten eine Art «Balanceakt», bei dem abgewogen werde, wie weit die lokalen Reformen gehen könnten.

Die Kirche müsse sich entscheiden, ist der Wissenschafter überzeugt. Entweder sie bewahre ihre hierarchische Struktur und klerikale Kultur. Das sei quasi ihre Einzigartigkeit, aber auch ein «Stolperstein» für ihre Glaubwürdigkeit. Oder sie setze auf die Prinzipien des Evangeliums – und damit auf den Schutz der Schwächsten. (mit Informationen aus dem Interview von Raphaël Zbinden, cath.ch)

Link zum französischen Interview bei cath.ch


Josselin Tricou | © Raphaël Zbinden
14. September 2024 | 12:00
Lesezeit : ca. 3  Min.
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