«Gutes Leben für alle»: Feier zum 125-Jahr-Jubiläum der Katholischen Arbeiterbewegung
Die Christliche Sozialbewegung KAB pflegte an ihrer Feier zum 125-Jahr-Jubiläum in St. Gallen Gemeinschaft und Besinnung, setzte sich sozialethisch auseinander, genoss Humor und Spiel. Und ging der Frage nach: Wie ist Wohlstand ohne schädliches Wachstum realisierbar?
Es war ein strahlender Tag. Nicht weniger als 200 Frauen und Männer fanden sich ein im Pfalzkeller des Klosterhofes St. Gallen.
Norbert Ackermann, Präsident der sanktgallischen Christlichen Sozialbewegung KAB, begrüsste die Jubiläumsversammlung. «Wir feiern den 125. Geburtstag gemeinsam mit der schweizerischen KAB und der Ur-Sektion St.Gallen-Dom.»
Katholischer Arbeiterverein 1899 gegründet
1899 war ganz in der Nähe der allererste Katholische Arbeiterverein gegründet worden. Die Kirche hatte auf die radikalen Veränderungen infolge der industriellen Revolution und auf die Nöte von Fabrikarbeitenden und ihren Familien geantwortet: durch die 1891 erschienene Sozialenzyklika «Rerum Novarum» von Papst Leo XIII.
Damals erkannten auch der St.Galler Bischof Augustin Egger und der Religionslehrer Johann Baptist Jung, dass man der Entfremdung der Arbeiterschaft von der Kirche entgegentreten musste. Sie initiierten genossenschaftliche Selbsthilfeeinrichtungen und halfen, überkonfessionelle Gewerkschaften zu gründen. Diese sozialreformerische Bewegung linderte nicht nur materielle Not, sie bemühte sich ebenso um politische und religiöse Bildung. Sie bot Beheimatung in einer Gesellschaft noch ohne sozialstaatliches Auffangnetz.
35’000 Mitglieder
Der fulminante Start in St.Gallen wirkte ansteckend. Ähnliche Organisationen breiteten sich langsam in der ganzen Deutschschweiz aus. Sie erreichten in den besten Zeiten 390 Sektionen und 35›000 Mitglieder. Sie atmeten viel Pioniergeist und bildeten die Arbeitenden sozialethisch.
Es entstanden das Hilfswerk «Brücke · Le pont» und das «Sozialinstitut» (heute ethik22). Mit dem Verbandsmagazin «Treffpunkt» erschien 48 Jahre lang eine wichtige sozialpolitische Stimme der Schweiz. Die nach Geschlechtern getrennten Vereine gingen auf in der gemeinsamen «Katholischen Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmer-Bewegung». Als «Christliche Sozialbewegung KAB » wirkt sie bis heute hilfreich und lebensnah in die Gesellschaft hinein.
«Die Soziallehre der Kirche bietet zuverlässige Wegweiser für eine menschengerechte Gesellschaft.»
«Trotzdem, oder gerade darum, ist die soziale Dimension des Evangeliums essentiell», betonte der KAB SG-Präsident. «Die Soziallehre der Kirche bietet zuverlässige Wegweiser für eine menschengerechte Gesellschaft, mit ihren Prinzipien Personalität, Gemeinwohl, Solidarität, Subsidiarität, Nachhaltigkeit und Option für die Armen. Aufbau eines christlich verankerten Netzwerks von Menschen mit Offenheit, Neugier und innerem Feuer, das ist die Vision für die Deutschschweiz.»
Wachstum ist begrenzt
So diente auch die Jubliläumsfeier nicht lediglich der Rückschau. Professor Mathias Binswanger legte in seinem Referat dar, dass Wachstum in der Natur begrenzt ist. Die Geldwirtschaft scheint natürliche Grenzen aufzuheben. Das jährliche Wachstum liegt seit den 1980er-Jahren bei zwei bis vier Prozent.
In kapitalistischen Gesellschaften müssen Unternehmen Gewinne erzielen, welche die Kosten übersteigen. Es gibt Wettbewerb zwischen ihnen und dadurch eine ständige Notwendigkeit, besser als die Konkurrenz zu sein. Auch mithilfe des technischen Fortschritts, der stets neue Produkte und Verfahren ermögliche.
«Die Wirtschaft zwingt zu weiterem Wachstum, auch wenn Menschen gar kein Bedürfnis nach noch mehr Konsum haben.»
Binswanger schilderte das Dilemma: «Die Wirtschaft zwingt zu weiterem Wachstum, auch wenn Menschen gar kein Bedürfnis nach noch mehr Konsum haben. Wachstum ermöglicht dem Staat, sich zu verschulden. Bei Stillstand gehen Firmen Konkurs, das System gerät in eine Abwärtsspirale. Doch Wachstum steigert den Wohlstand in hochentwickelten Ländern kaum noch und belastet die Umwelt. Aber wir müssen weiterwachsen, damit die Wirtschaft funktioniert.»Nur so gebe es Investitionen, Arbeitsplätze, Geld für die Bildung, Hilfe für die Schwachen und Vertrauen.
Gemeinsame Wohlfahrt als Entwicklungsziel
An einem Podium wies der ehemalige SRF-Bundeshauskorrespondent Hanspeter Trütsch als Gesprächsmoderator auf die Bundesverfassung, welche mit der gemeinsamen Wohlfahrt als Entwicklungsziel beginnt. «Dies fordert uns in einem Wettbewerb der Ideen», sagte FDP-Nationalrätin Susanne Vincenz-Stauffacher.
«Ich sehe in ihm einen liberalen Kompass für Eigenverantwortung und dafür, wie wir leben möchten, auch als Familien». Die staatlichen Rahmenbedingungen seien so zu setzen, dass es möglichst vielen gut geht. Und es gelte, subsidiär Hilfe zu leisten, wo Menschen nicht mehr selber aus der Not finden.
«Was ist der letzte Zweck unseres Lebens, was gibt ihm Sinn und Richtung?»
Thomas Wallimann-Sasaki, Leiter des Instituts «ethik22», erinnerte an den ersten Satz der Bundesverfassung: Im Namen Gottes des Allmächtigen. «Was ist der letzte Zweck unseres Lebens, was gibt ihm Sinn und Richtung?
In der Präambel steht, dass sich die Stärke des Volkes am Wohl der Schwachen misst. An dieser Grundausrichtung muss sich letztlich Wohlfahrt messen. Diese Werteauseinandersetzung können uns Staat und Gesetze nicht abnehmen.»
Finanzielle Wertschöpfung herauslösen
Hanspeter Trütsch sprach die hohe Einwanderung in die Schweiz an, die teils Befremden und Enge auslöse. Thomas Wallimann warnte: «Wenn ich Menschen nur daran messe, ob sie wirtschaftlich interessant sind, dann instrumentalisiere ich sie für ein Ziel, das nicht das Glück bringt. Wir müssen die finanzielle Wertschöpfung aus der Ökonomie herauslösen und diese mehr zu einer Geisteswissenschaft machen. Wie teilen wir Vermögen ausgleichend, welche soziale Verpflichtung enthält Macht?»
Susanne Vincenz-Stauffacher stört an der Flüchtlingsdebatte, dass Angst gemacht und diffamiert wird. «Unser Wohlstand basiert auch auf Zuwanderung. Zudem haben wir Verpflichtungen durch die Personenfreizügigkeit. Und eine humanitäre Tradition.»
Hauptbeitrag kommt aus er EU
Und Thomas Wallimann weitete den Blick: «Wenn das Parlament die Entwicklungszusammenarbeit streicht zugunsten von Armee und Sicherheit, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn die Leute kommen.»
Mathias Binswanger reagierte als Wirtschaftswissenschaftler aufs Podiumsgespräch: Zahlenmässig spielten Asylsuchende für die Wirtschaft kaum eine Rolle. Der Hauptbeitrag komme aus der EU. «Für mich stellt sich als Hauptfrage: Streben wir ein Wachstum weiter an, das getrieben ist durch Einwanderung, aber nicht mehr Wohlstand, sondern Probleme schafft?»
*Der Bericht über die Jubiläumsfeier wurde verfasst von Theo Bühlmann, PR- und Medienschaffender im Auftrag der KAB St. Gallen.
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