Der Flyer zum 125-Jahr-Jubiläum der Katholischen Arbeiterbewegung (KAB) (Ausschnitt)
Schweiz

125 Jahre: Was bleibt von der katholischen Arbeiterbewegung?

1899 wurde in der Dompfarrei St. Gallen der erste katholische Arbeiterverein gegründet. Dies war die Initialzündung für die christlichsoziale Bewegung in der Schweiz. Nun feiert die KAB ihr 125-Jahr-Jubiläum. Was ist heute ihre Rolle?

Wolfgang Holz

Die Katholische Arbeiterbewegung (KAB) verstand sich im 19. Jahrhundert als Gegenentwurf zum Sozialismus – hatte aber viel mit ihm gemein. Der Aufbau von Selbsthilfegruppen, christlichen Gewerkschaften und Parteien war die katholische Antwort auf die sozialistischen Ideen jener Zeit.

Doch sie hatte zeitweise einen schweren Stand. In der ersten Sozialenzyklika ›Rerum Novarum’ von Papst Leo XIII. erhielt sie 1891 ihre Daseinsberechtigung. Die ihr 40 Jahre später Papst Pius XI.  in seiner Sozialenzyklika Quadragesimo anno die wieder absprach: «Religiöser Sozialismus, christlicher Sozialismus sind Widersprüche in sich; es ist unmöglich, gleichzeitig guter Katholik und wirklicher Sozialist zu sein.» 

Der aktuelle Papst Franziskus hinegegen ist der Bewegung persönlich gewogen. Anders die Schweizer Kirchenfürsten. Ihnen sei unwohl bei gesellschaftspolitischen Fragen.

Und wo steht die KAB heute in der Schweiz? kath.ch hat bei zwei Exponenten nachgefragt.

Was macht die KAB? Welche Dienste bietet sie ihren Mitgliedern an?

Thomas Wallimann*: Die KAB sensibilisiert Menschen für die Zusammenhänge von Glauben, Ethik und gesellschaftlichen Fragen. Sie ist vor allem in den Sektionen aktiv, wo sie nebst Bildungsangeboten und der Mitarbeit bei kirchlichen Anlässen das Zusammensein unter den Mitgliedern pflegt. Das Angebot der KAB in Bezug auf gesellschaftliche und sozialethische Themen läuft über die Aktivitäten ihrer «Tochter», das sozialethische Institut «ethik22», aber auch über das Hilfswerk «Brücke Le pont», das die KAB mitbegründet hat.

Thomas Wallimann, Theologe und Sozialethiker.
Thomas Wallimann, Theologe und Sozialethiker.

Norbert Ackermann**: Im Kern macht die Christliche Sozialbewegung KAB ein Sinnangebot. Sie will Menschen ermutigen, dem Kompass der gesellschaftspolitischen Dimension des Evangeliums zu folgen und zu handeln. Als sogenanntes Alleinstellungsmerkmal sehen wir die Verbindung des Kernthemas «Christliche Sozialethik» mit dem Strukturelement «Basisbewegung». 

Welche Schwerpunkte legen sie in ihrer Arbeit?

Wallimann: Die Schwerpunkte drehen sich um die Frage, wie ein sozialethischer Blick auf die Herausforderungen der Zeit aus der Tradition der katholischen Soziallehre an die Menschen herangetragen werden kann.

Norbert Ackermann, Präsident des Leitungsteams KAB Sankt Gallen
Norbert Ackermann, Präsident des Leitungsteams KAB Sankt Gallen

Ackermann: Ein Beispiel aus der KAB Sankt Gallen ist der jährliche öffentliche «Ethik-Talk in der Stadt» am Tag nach Aschermittwoch in einer «weltlichen» Lokalität zu einem aktuellen gesellschaftspolitischen Thema. Das neue regionale Dialog-Format «Ethik bei Wein & Brot» ermöglicht Ähnliches in kleinerem Kreis. 

«Mit dem Namenswechsel erfolgte eine wichtige Aktzentverschiebung.»

An wen richten sich die Angebote der KAB, wer ist ihr Zielpublikum?

Wallimann: Unser Zielpublikum sind zum einen die Mitglieder, im weiteren aber alle Menschen mit Interesse an ethischen Diskussionen zu gesellschaftlichen Fragen.

Ackermann: Mit dem Namenswechsel von «Katholische Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmer-Bewegung» in «Christliche Sozialbewegung KAB» erfolgte eine wichtige Aktzentverschiebung. Mit «christlich» wird ökumenische Offenheit signalisiert und mit «Sozialbewegung» wird dem gesellschaftlichen Befund entsprochen, dass es «katholische Arbeiter» im Rahmen eines katholischen Milieus längst nicht mehr gibt. Wir richten uns also an Menschen, deren Denke für die christliche Sozialethik offen ist. Das Kürzel KAB ist vorerst als Identitätsmerkmal geblieben.   

Petersdom in Rom
Petersdom in Rom

Welche Rolle spielt heute noch die Enzyklika «Rerum Novarum» von Papst Leo XIII.? Dieser erkannte ja in der ungelösten sozialen Frage die grosse Gefahr für das Zusammenleben und die Menschenwürde.

Wallimann: In ihrem Kern ist diese Enzyklika immer noch hochaktuell. Bis heute werden Menschen Systemen – nicht nur der Wirtschaft – «geopfert». Die Kunst besteht darin, wie diese Botschaft zu den Menschen gelangt und wie wir für gerechtere und menschenorientiertere Systeme und Prozesse kämpfen.

Umweltenzyklika von Papst Franziskus (Buchcover)
Umweltenzyklika von Papst Franziskus (Buchcover)

Ackermann: Die aktuelle Weiterentwicklung der Soziallehre der Kirche zeigt sich in der Enzyklika «Laudato si» mit der Ergänzung «Laudate deum». Einen instruktiven und in der Form sehr ansprechenden Einblick in die Prinzipien der Soziallehre bietet etwa ein Video der Ordensgemeinschaften Österreichs (www.ordensgemeinschaften.at), das in 20 Minuten die christliche Soziallehre erklärt.  

«Papst Franziskus kennt die Stärken der Soziallehre und er bringt sie ein in seinen Gedanken zur Umwelt, zur Wirtschaft und zur Politik.»

Vermissen Sie heute eine ähnliche moralische Unterstützung durch den Vatikan?

Wallimann: Die moralische Unterstützung durch den Vatikan ist weiterhin in diesen Fragen gross. Papst Franziskus kennt die Stärken der Soziallehre und er bringt sie ein in seinen Gedanken zur Umwelt, zur Wirtschaft und zur Politik. Es ist eher so, dass sich die Kirchenführenden in der Schweiz nicht immer so wohl fühlen, wenn es um gesellschaftspolitisches Engagement der Kirche geht!

Ackermann: Gerade darum ist eine Basisbewegung als Multiplikator wichtig. Gute Fachstellen allen genügen nicht. 

In ihrer historischen Schrift betonen sie gesellschaftlichen und politischen Irrungen und Wirrungen, die zur Gründung der KAB 1899 geführt haben, welche wiederum der arbeitenden Bevölkerung eine Orientierung und Heimat geschenkt hat. Heutzutage herrscht ein ähnliches Chaos mit weltweiter Verarmung, Krisen und Kriegen wie vor 125 Jahren, aber die Attraktivität Ihrer Organisation hat gelitten. Liegt es daran, dass es die klassische Arbeiterklasse als solche einfach nicht mehr gibt?

Der Flyer zum 125-Jahr-Jubiläum der Katholischen Arbeiterbewegung (KAB) (Ausschnitt)
Der Flyer zum 125-Jahr-Jubiläum der Katholischen Arbeiterbewegung (KAB) (Ausschnitt)

Wallimann: Natürlich hat sich die Arbeitswelt gewaltig verändert. Auch die Gesellschaft und die Menschen selber auch. Wir leben in einer stark konsumorientierten Welt, geprägt durch Individualismus und einem extremen Glaubwürdigkeitsverlust der Kirche. Menschen vereinen sich nicht mehr in gleicher Weise wie vor 125 Jahren.

«Gewohnte Sozialformen wie Vereine, auch weltliche, sind in Frage gestellt.»

Doch die Fragen nach Sinn und Orientierung sind immer noch da und oft ganz ähnlich. Wir probieren am Ball zu bleiben, aber vielleicht braucht es auch ganz neue Bewegungen, damit die Forderung nach Gerechtigkeit in Gesellschaft und Arbeitswelt auf der Grundlage eines christlichen Menschenbildes gehört wird.

Ackermann: Gewohnte Sozialformen wie Vereine, auch weltliche, sind in Frage gestellt. Sie widersprechen einer offensichtlichen «Bindungsscheu», haben aber auch mit der gesellschaftlichen Entwicklung zu tun: Individualismus, Arbeitsbelastung, Rollenverständnis Mann und Frau, Druck zur Weiterbildung, Mobilität, Freizeitgesellschaft. Gleichzeitig wird die Seelsorge ausgedünnt. Als «Sozialform der Zukunft» sehen wir die KAB als Deutschschweiz weites «Netzwerk von Menschen mit Interesse an Christlicher Sozialethik». Verschiedene Formen und Intensitäten der Beteiligung sind dabei möglich.

Eine Frau und ein Mann sitzen in einer Kirchenbank.
Eine Frau und ein Mann sitzen in einer Kirchenbank.

Welche gesellschaftlichen Herausforderungen sieht die katholische Soziallehre heute und wie werden diesen von der KAB angepackt und gelöst?

Wallimann: Die grossen Fragen sind der Klimawandel und die damit verbundenen sozialen Herausforderungen von Armut und Benachteiligung besonders jener Menschen, die heute wenig haben, denn die Sorge um den Planeten kann nicht von der Sorge um die Benachteiligten getrennt werden. Weiter aktuell bleiben die Entwicklungen der Arbeitswelt – wenn wir an künstliche Intelligenz und Robotik denken. Wir müssen immer wieder darauf hinweisen, dass die Wirtschaft für den Menschen da sein muss und nicht umgekehrt.

Die Verbrennung fossiler Energieträger hat den Klimawandel verursacht.
Die Verbrennung fossiler Energieträger hat den Klimawandel verursacht.

Ackermann: Wir sind uns bewusst, dass wir ein kleiner Player in Raum der Kirche(n) und erst recht in der Gesellschaft Schweiz sind. Die Kooperation mit ideell Verbündeten wird noch wichtiger. 

«Die Zukunft sieht schwierig aus – das ist uns sehr bewusst. Menschen treten nicht mehr so einfach Vereinen bei.»

Wie sieht die Zukunft der KAB aus?

Wallimann: Die Zukunft sieht schwierig aus – das ist uns sehr bewusst. Menschen treten nicht mehr so einfach Vereinen bei. Unser Ziel ist es, dass das Anliegen von Gerechtigkeit in Gesellschaft und Arbeitswelt weitergetragen wird.

Ackermann: Trotzdem dürfen wir davon ausgehen, dass es auch heute nicht wenige Menschen gibt, die sich in zeitgemässer Form und nach persönlichem Mass für die Idee «hinter» der KAB engagieren wollen. Das können kirchennahe und distanzierte Personen sein. Es gilt, mit unserem Sinnangebot deren Neugier und Interesse zu wecken. Unseren Kerngedanken bringen wir so auf den Punkt: «Christliche Sozialethik. In die Gesellschaft hineinwirken. Lebensnah.»

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*Thomas Wallimann ist katholischer Theologe und freier Mitarbeiter an der Universität Luzern. Er ist Leiter von «ethik22»

**Norbert Ackermann ist Präsident des Leitungsteams KAB St. Gallen

***Am Samstag, 7. September, von 8.45 bis 15 Uhr, wird im Klosterhof in St. Gallen das 125-Jahr-Jubiläum der KAB gefeiert. Thema der Veranstaltung: Vom Katholischen Arbeiterverein 1899 zur Christlichen Sozialbewegung 2024. Gemeinsam feiern die KAB-Schweiz und die KAB SG sowie die Ur-Sektion St. Gallen-Dom

****Das Interview wurde schriftlich geführt.


Der Flyer zum 125-Jahr-Jubiläum der Katholischen Arbeiterbewegung (KAB) (Ausschnitt) | © zVg
23. August 2024 | 17:00
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