Ines Schaberger
Schweiz

Neue Pilgerseelsorgerin Ines Schaberger: «Man braucht so wenig, um glücklich zu sein»

Sie ist die neue Pilgerseelsorgerin in St. Gallen: Ines Schaberger. Die 30-jährige hat persönlich schon zahlreiche Pilgerwege erwandert und weiss, warum Pilgern den Menschen so gut tut. In St. Gallen möchte sie neue Pilgerangebote aufbauen.

Wolfgang Holz

Frau Schaberger, warum tut Pilgern gut?

Ines Schaberger*: Beim Pilgern kommt nicht nur der Körper, sondern auch die Seele in Bewegung – vieles kann verarbeitet und zurückgelassen werden, und man ist bereit für neue, unbekannte Pfade.  Pilgernde machen die Erfahrung, dass das Leben in einen Rucksack passt und man so wenig braucht, um glücklich zu sein. Wer pilgert, lernt, Hilfe anzunehmen und erlebt herzliche Gastfreundschaft. Weil man sich verbunden mit der Schöpfung und sich selbst erfährt und im Moment lebt, ist Pilgern eine der besten Burn-Out-Präventionen, die ich kenne!

Welche Pilgerwege haben Sie schon persönlich erwandert?

Schaberger: Erstmals entdeckte ich das Pilgern als junge Erwachsene mit einer Gruppe von Rom nach Assisi, unter der Leitung von Melanie Wolfers und Andreas Knapp. Nach dem Studium pilgerten mein Mann und ich zwei Monate und 1300 Kilometer von Niederösterreich nach Assisi: über den Österreichischen Jakobsweg, die Via Romea, den Antoniusweg und den Cammino di Assisi. Eine der prägendsten Erfahrungen meines Lebens!

Pilgern in der Nähe von Assisi.
Pilgern in der Nähe von Assisi.

Anlässlich «175 Jahre Bistum St. Gallen», das ich als Geschäftsführerin des Jubiläumsjahres mitgestalten konnte, pilgerten Interessierte 17,5 Tage quer durch das Bistum St. Gallen. So lernte ich auch den St. Galler Pilgerexperten Josef Schönauer kennen, der mich nun in die neue Aufgabe als Pilgerseelsorgerin einschult.

Was ist das Besondere am Pilgerort St. Gallen?

Schaberger: Vier Pilgerwege führen durch St. Gallen und verbinden die Stadt mit der Region – und Europa: Jakobsweg, Kolumbansweg, Via Francisca, Gallusweg. In St.Gallen gibt es eine lebendige Pilgerszene dank des freiwilligen Engagements vieler begeisterter Pilgerinnen und Pilger: Rund 25 ehrenamtliche Hospitaleros und Hospitaleras führen die Pilgerherberge St. Gallen und begrüssen Pilgernde in der Unterkunft mit Waschmaschine und Tumbler! Wer schon mal gepilgert ist, weiss, was für ein Luxus das ist. Dazu gibt es den monatlichen Pilgerstamm der Regio St. Gallen sowie den Verein Pilgerherberge St. Gallen mit 190 Mitgliedern und spannenden Anlässen.

Kathedrale St. Gallen, festlich beflaggt.
Kathedrale St. Gallen, festlich beflaggt.

Auf was freuen Sie sich am meisten in Ihrer Tätigkeit als St. Galler Pilgerseelsorgerin?

Schaberger: Auch wenn das vielleicht kitschig klingt: darauf, mit Menschen unterwegs zu sein – beim Pilgern in der Natur sowie in den Höhen und Tiefen des Lebens. Ausserdem möchte ich gemeinsam mit anderen Pilgernden gerne neue Formate ausprobieren und weiterentwickeln, wie zum Beispiel «Pilgern für Paare» oder «Pilgern mit jungen Erwachsenen». Beides habe ich als sehr bereichernd erlebt.

Wie viele Pilgerinnen und Pilger kommen denn etwa jährlich nach St. Gallen?

Schaberger: In der Pilgerherberge St. Gallen übernachten jährlich 300-350 Pilgernde. Der St. Galler Pilgerexperte Josef Schönauer schätzt, dass pro Jahr etwa 1000 Menschen durch St. Gallen pilgern, und zum Beispiel in Hotels in St. Gallen oder in Herisau übernachten.

Ines Schaberger liebt die Natur - hier war sie 2019 mit ihrem Mann auf dem Pilgerweg von ihrem Herkunftsort in Österreich nach Assisi.
Ines Schaberger liebt die Natur - hier war sie 2019 mit ihrem Mann auf dem Pilgerweg von ihrem Herkunftsort in Österreich nach Assisi.

Welche seelsorgerlichen Bedürfnisse haben Pilgerinnen und Pilger? Wollen Sie einfach Gottesdienste besuchen oder wollen Sie auch über Ihre Erlebnisse und Sorgen sprechen?

Schaberger: Da sind Pilgernde sehr unterschiedlich, so wie alle Menschen. Ich liebe es jedenfalls, zuzuhören und Fragen zu stellen, die vielleicht weiterbringen und stehe für Seelsorgegespräche gerne zur Verfügung. Beim Pilgerstamm in St. Gallen ging es neulich lustig und tiefgründig zu, eine tolle Kombi!

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Vor der zweimonatigen Pilgerreise nach Assisi war es meinem Mann und mir wichtig, gesegnet zu werden. Daniel Bachmann, ein befreundeter Priester, hat uns gesegnet und uns ein kleines Kreuz geschenkt, das in die Hosentasche passt und mich bis heute beim Pilgern begleitet. In St. Gallen können Pilgernde in der Kathedrale und in der reformierten Laurenzenkirche einen Segen zugesprochen bekommen.

Was wollen Sie an Neuem in St. Gallen als Pilgerseelsorgerin einführen?

Schaberger: Viele Menschen pilgern rund um Lebensübergänge: nach der Schule oder dem Studium, nach einer Kündigung oder bei einem Jobwechsel, rund um die Pensionierung. Dabei brechen vielleicht grosse Fragen auf, wie: «Was brauche ich, damit es mir gut geht und ich ein erfülltes Leben führen kann?», «Was will ich?» oder «Wie kann ich meine Fähigkeiten entfalten und meine Talente in diese Welt bringen?»

Ines Schaberger im "Wort zum Sonntag" Studio 2023 mit dem bekanntesten "Grabstein" der Schweiz
Ines Schaberger im "Wort zum Sonntag" Studio 2023 mit dem bekanntesten "Grabstein" der Schweiz

Für Menschen vor oder nach dem Pilgerweg biete ich neu ein Berufungscoaching an, bei dem es darum geht, Antworten auf diese Fragen zu finden. Die Begleitung nach der Methode des BerufungscoachingWaVe ist strukturiert, lösungs- und zukunftsorientiert – und im Rahmen meiner Tätigkeit als Pilgerseelsorgerin kostenlos für Pilgernde.

*Ines Schaberger (Jg. 1993)) ist ausgebildete Religionspädagogin und Seelsorgerin, die aus Österreich stammt. Man kennt sie in St. Gallen bereits als Geschäftsführerin des 175-Jahr-Jubiläums des Bistums, das 2022 zu Ende ging, sowie durch die Podcasts «Fadegrad» und «Sternenglanz». Derzeit ist sie auch Sprecherin des «Wort zum Sonntag» beim Schweizer Fernsehen. Das Interview wurde schriftlich geführt.


Ines Schaberger | © Marion Nitsch/SRF
1. September 2024 | 12:00
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