Hansruedi Kleiber,  Präfekt der Jesuitenkirche, öffnet das Gittertor ins herrliche Innere des Kirchenraums.
Schweiz

450 turbulente Jahre der Jesuiten in Luzern

Im Jahr 1574 siedelten die ersten Jesuiten nach Luzern. Sie sorgten für Bildung und Seelsorge. Doch dann kam es zum Jesuitenverbot, das bis 1974 galt. Trotzdem wirkten die Jesuiten in der Schweiz – in Nischen und teils toleriert.

Jacqueline Straub

Vor 450 Jahren kamen die ersten Jesuiten nach Luzern, um ein Collegium zu gründen, das auch als Ursprung der theologischen Fakultät und damit der heutigen Universität Luzern gilt. Wie war der Start der Ordensgemeinschaft in Luzern?

Hansruedi Kleiber*: Der Start der drei ersten Jesuiten im Jahr 1574 in Luzern war alles andere als einfach. Die Lebensbedingungen waren anfänglich so, dass sogar überlegt wurde, ob man die Stadt nicht wieder verlassen sollte. Dank der tatkräftigen Hilfe des Staatsmannes und Heerführers Ludwig Pfyffer konnte die Situation verbessert werden. 1577 wurde eine Stiftung für die Gründung des Kollegs und den Unterhalt von zwanzig Jesuiten errichtet. Den Patres wurde der Rittersche Palast – das heutige Regierungsgebäude – als Wohnraum zur Verfügung gestellt. Auch konnten ein Schulhaus und ein Studentenwohnheim gebaut werden.

«Diesen europäischen Fürsten wurde der Orden zu einflussreich.»

Nach dem schwierigen Start gerieten die Jesuiten unter Verdacht: Sie stellten sich hinter das Konzil von Trient und die beschlossenen Reformen. Deswegen wurde der Orden als Instrument Roms für die Gegenreformation angesehen. Ist das wirklich so gewesen?

Kleiber: Es ist richtig, dass die Jesuiten die Reformen des Konzils von Trient versuchten umzusetzen. Der Orden wurde aber keineswegs als Instrument Roms für die sogenannte Gegenreformation gegründet. Die Jesuiten setzten sich vielmehr für die katholische Reform ein. Das gilt es zu unterscheiden.

Im 19. Jahrhundert hob Papst Clemens XIV. dann den Jesuitenorden auf. Warum?

Kleiber: Papst Clemens XIV. hob den Jesuitenorden auf Druck der Könige von Portugal, Spanien und Frankreich auf. Diesen europäischen Fürsten wurde der Orden zu einflussreich, vor allem in Lateinamerika, wo die Jesuiten zusammen mit den Einheimischen sogenannte Reduktionen gründeten, eine Art Genossenschaften, die auch wirtschaftlich erfolgreich waren, was den dortigen Grossgrundbesitzern ein Dorn im Auge war.

Die Jesuitenkirche in Luzern, die dem Kanton gehört, links daneben das 185 Jahre alte Theater. Bei der Bestellung des Präfekten möchte die Luzerner Regierung auch weiterhin ein Wörtchen mitreden.
Die Jesuitenkirche in Luzern, die dem Kanton gehört, links daneben das 185 Jahre alte Theater. Bei der Bestellung des Präfekten möchte die Luzerner Regierung auch weiterhin ein Wörtchen mitreden.

Was passierte mit den Jesuiten in der Schweiz, deren Gebäuden und Einrichtungen?

Kleiber: Die Jesuiten gab es nicht mehr als Ordensgemeinschaft. Ihre Häuser und Kirchen wurden vom Staat beschlagnahmt. Die ehemaligen Ordensmitglieder waren aber weiterhin als Lehrer tätig.

Was bedeutete deren Teil-Rückzug für die Stadt Luzern?

Kleiber: Der Rückzug der Patres war natürlich ein Verlust für die Seelsorge. Bildungsmässig hat sich aber nicht viel verändert. Im vorarlbergischen Feldkirch wurde ein Kollegium, die «Stella Matutina» gegründet.

«Man wusste, dass es die Jesuiten gab.»

Das Jesuitenverbot wurde erst 1973 durch eine Volksabstimmung aus der Bundesverfassung gestrichen. Wo waren die Jesuiten bis dahin? Wirkten sie im Untergrund?

Kleiber: Die Jesuiten wirkten seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wieder in der Schweiz. Allerdings war ihnen jegliche Tätigkeit in der Kirche, also Pfarreien und Schulen untersagt, sodass sie in seelsorglichen Nischen arbeiteten. Sie waren als Studenten- und Krankenhaus-Seelsorger tätig, begleiteten Besinnungstage und Exerzitien, wirkten als Volksmissionare und gaben Zeitschriften heraus. Man wusste, dass es die Jesuiten gab, aber die Behörden tolerierten – mit wenigen Ausnahmen – trotz des Jesuitenverbots ihr Wirken in unserem Land.

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Hat sich ihre Situation seither verbessert?

Kleiber: Der Orden erlebte während der Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg eine kurze Blütezeit mit mehreren Jahrgängen von Novizen und einer ansehnlichen Anzahl Patres und Laien-Brüdern. Es wurden damals auch verschiedene Kommunitäten gegründet und Häuser gebaut. Inzwischen ist die Situation eine andere: Mangelnder Nachwuchs und Überalterung zwingen die Jesuiten, Werke aufzugeben und Häuser zu schliessen.

Das Lassalle-Haus Bad Schönbrunn in Menzingen ZG
Das Lassalle-Haus Bad Schönbrunn in Menzingen ZG

Welche Bedeutung haben die Jesuiten heute für die Schweiz?

Kleiber: In der Schweiz nimmt die Bedeutung der Jesuiten zunehmend ab. Wichtig sind noch die Hochschulseelsorge in Basel und Zürich sowie das Lassalle-Haus Bad Schönbrunn bei Zug und das Hilfswerk «Jesuiten weltweit».

Studierende vor der Universität Luzern.
Studierende vor der Universität Luzern.

Was würde Luzern fehlen, wenn die Jesuiten hier nicht gewirkt hätten und noch immer wirken?

Kleiber: Die Geschichte der Jesuiten in Luzern ist insofern von Bedeutung, als der Ursprung der theologischen Fakultät und damit letztlich auch der Universität Luzern im Kollegium der Jesuiten liegt. Die heutige Tätigkeit eines Jesuiten in der Jesuitenkirche wird von vielen Leuten geschätzt. Die Kirche ist für die Sichtbarkeit des Ordens auch heute nicht zu unterschätzen.   

*Hansruedi Kleiber ist mit 20 Jahren in den Jesuitenorden eingetreten. Er ist Präfekt der Jesuitenkirche in Luzern. Von 1999 bis 2005 leitet er als Provinzial die Schweizer Jesuitenprovinz von Zürich aus.

Jubiläumsanlässe in der Jesuitenkirche Luzern

25. August um 17.00 Uhr: Festgottesdienst mit der «Missa di Gloria» von Giacomo Puccini

15. September um 18.15 Uhr: Vortrag von P. Klaus Mertes SJ, Berlin: «Menschenbild und Bildung – Ignatianische Pädagogik heute»

22. September um 18.15 Uhr: Vortrag von Prof. Dr. Paul Oberholzer SJ, Rom: «Lokalkolorit und Weltmission in den Gemälden der Jesuitenkirche Luzern»

25. September um 16.00 Uhr: Vortrag von P. Hansruedi Kleiber SJ, Luzern: «Der Jesuitenorden unter besonderer Berücksichtigung seiner Bedeutung für Luzern»

6. Oktober um 18.15 Uhr: Vortrag von Prof. Dr. Mariano Delgado, Fribourg: «Die Jesuiten und die Denkform der katholischen Globalmission der frühen Neuzeit»


Hansruedi Kleiber, Präfekt der Jesuitenkirche, öffnet das Gittertor ins herrliche Innere des Kirchenraums. | © Christian Merz
20. August 2024 | 17:00
Lesezeit : ca. 3  Min.
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