Weihbischof Eleganti: «Papst Franziskus greift in synodalen Prozess ein»
Der emeritierte Weihbischof Marian Eleganti blickt kritisch auf die Weltsynode – und auf die Rolle von Papst Franziskus. Kürzlich hatte er Streitigkeiten mit Kardinal Kurt Koch, der «emotional» reagiert habe. Und: Er äussert sich zur tridentinischen Messe und der Petrusbruderschaft.
Jacqueline Straub
Vor einem Monat veröffentlichte der Vatikan einen Vorschlag, der das Papstamt für alle Kirchen akzeptabel machen soll. Sie haben auf Ihrem Blog einen Beitrag dazu geschrieben – Kardinal Kurt Koch reagierte darauf mit einem offenen Brief. Haben Sie damit gerechnet?
Weihbischof Marian Eleganti*: Mit solch einem Echo habe ich nicht gerechnet. Kardinal Kurt Koch hat meine Anmerkungen zum Dokument zu persönlich genommen.
«Ich sehe die Einheit der Kirche nicht als einen Flickenteppich von verschiedenen Christentümern.»
Wogegen haben Sie sich ausgesprochen?
Eleganti: Gegen eine doppelte Wahrheit. Eine, die nur für die abendländische Kirche gilt, und eine für den Rest der Christenheit. Der Papst hätte dann sozusagen als «Patriarch des Westens» die auf dem Ersten Vatikanischen Konzil definierte vollumfängliche Jurisdiktionsgewalt nur über die lateinische Kirche, nicht aber über die universale Kirche.
Wozu führt das neue Dokument aus dem Vatikan Ihrer Meinung nach?
Eleganti: Ich sehe die Einheit der Kirche nicht als einen Flickenteppich von verschiedenen «Christentümern», die unter sich eine lose Kohärenz praktizieren, aber keine wirkliche Einheit in wesentlichen Glaubensfragen und sakramentalen beziehungsweise kirchlichen Vollzügen. Was für die getrennten Christen in Bezug auf das Petrusamt noch akzeptabel wäre, kann kein Wahrheitskriterium dafür abgeben, was Christus mit diesem Amt gemeint und gewollt hat. Da es sich hier um eine unfehlbar definierte Wahrheit handelt, gilt sie aus meiner Sicht ekklesiologisch für alle Getauften. Die römisch-katholische Kirche kann sich hier nicht selbst aufgeben, indem sie das aus Liebe zu den von ihr getrennten Christen infrage stellen lässt.
«Darüber müssen wir uns gar nicht mehr streiten.»
Was befürchten Sie?
Elegant: Wie gesagt: Die katholische Kirche kann eine unfehlbar definierte Wahrheit nicht selber relativieren, indem sie dieses Dogma, das mit dem Beistand des Heiligen Geistes formuliert wurde, umstösst, damit dann eine Form des Petrusamts herauskommt, die für die von ihr getrennten Christen akzeptabel wäre. Abgesehen davon, hat der römisch-katholische Papst aufgrund seiner historisch gewachsenen, breiten und weltweit respektierten Autorität und Ehrenstellung faktisch sowieso schon den Ehrenprimat unter Christen inne. Das ist schlichtweg eine beobachtbare Tatsache und gilt auch für die säkulare Welt. Darüber müssen wir uns gar nicht mehr streiten. Es ist so, ob es einem gefällt oder nicht.
«Er wurde wohl durch mein kritisches Votum aufgeschreckt.»
Kardinal Kurt Koch schrieb in seinem offenen Brief, dass Sie ihm «schlimmer Häresie» bezichtigen. Und er froh sei, dass Sie Ihren Brief als «erste spontane Reaktion» bezeichnen, denn: «Dies ist sie in der Tat. Und Du wärst zweifellos gut beraten gewesen, vor einer Veröffentlichung Deiner Stellungnahme die Sache eingehend zu studieren.» Mit Ihren Aussagen hätten Sie keine «Klarheit, sondern Verwirrung» geschaffen, so der Kardinal. Wie kam das bei Ihnen an?
Eleganti: Ich verstehe seine Zeilen eher aus einer emotionalen Reaktion heraus. Er wurde wohl durch mein kritisches Votum aufgeschreckt. Aber objektiv ist das nicht. Meinen Beitrag erachte ich nicht als polemisch, sondern sachbezogen und gut begründet. Ich habe den Kardinal in meinem Kommentar weder namentlich genannt noch persönlich angegriffen. Ich habe beim Schreiben des Textes kein einziges Mal an ihn gedacht.
Gab es seither einen Austausch zwischen Ihnen beiden?
Eleganti: Wir haben ein paar Emails hin- und hergeschrieben. In diesen Emails schlug er seinerseits einen etwas versöhnlicheren Ton an. In seinem offenen Brief hat er mir vorgeworfen, die Dokumente nicht genug studiert und ein Studiendokument mit einem Lehrdokument verwechselt zu haben. Ich habe daraufhin auf meinem Blog nochmals aus dem entsprechenden Dokument, «Ut unum sint» zitiert, wo Papst Johannes II. in der Nummer 94 deutlich sagt: Ohne Vollmacht und Autorität ist das Petrusamt eine Illusion.
Kam es zu einer Versöhnung zwischen Ihnen und Kardinal Kurt Koch?
Eleganti: Wir hatten nur eine Meinungsverschiedenheit und im Übrigen keine schlechte Beziehung. Ich hoffe, dass es so geblieben ist. Er meinte, es sei letztlich Interpretationssache, was genau Johannes Paul II. vorschwebte, und dass man noch lange diskutieren könnte. Er hat den Austausch dann beendet.
Wie blicken Sie auf den synodalen Prozess der Weltkirche?
Eleganti: Ich sehe den synodalen Prozess sehr kritisch.
Warum?
Eleganti: Ich sehe die Gefahr, dass bestimmte, bereits feststehende Agenden den synodalen Prozess bestimmen und von vornherein steuern. Das ist dann kein wirkliches Hören. Ich glaube, dass in solchen Prozessen die Redaktoren, welche abschliessende Dokumente formulieren, den Ausschlag geben – nicht unbedingt der Heilige Geist. Man kann 1,2 Milliarden Katholikinnen und Katholiken nicht in solch einen Prozess involvieren. Auch wird das sofort kirchenpolitisch instrumentalisiert. Heute wird kurzschlüssig die sogenannte Lebenswirklichkeit als weitere «Offenbarungsquelle» bemüht.
«Papst Franziskus hat er einen sehr autoritären Führungsstil.»
Woran erkennen Sie das?
Eleganti: Dazu zitiere ich am liebsten Nicolás Gómez Dávila: «Nachdem sie nicht erreichte, dass die Menschen praktizieren, was sie lehrt, hat die gegenwärtige Kirche beschlossen zu lehren, was sie praktizieren.» Das betrifft alle hinlänglich bekannten heissen Eisen.
Denken Sie, dass der synodale Prozess zu einer Spaltung in der Kirche führen könnte?
Eleganti: Ja, wenn die Frustration, mit der eigenen Agenda ein weiteres Mal erfolglos geblieben zu sein, gross genug wird. Obwohl Papst Franziskus sich Synodalität auf die Flagge geschrieben hat, hat er einen sehr autoritären Führungsstil. Er greift in den synodalen Prozess ein und lenkt ihn, indem er etwa wichtige Fragen der Vollversammlung entzieht und an Kommissionen delegiert, die autonom arbeiten. Auch hat er ein von der Vollversammlung mehrheitlich abgelehntes Votum bei der zweiten Familiensynode wieder aufs Programm gesetzt. Das Schlussdokument der Amazonassynode hat aus ähnlichen Gründen Bischof Kräutler enttäuscht.
Er nimmt hier sein Papstamt wahr.
Eleganti: Ich spreche Papst Franziskus die Vollmacht und die Berechtigung dazu nicht ab. Er ist der Papst und muss nach seinem Gewissen vor Gott handeln. Manche werden sich fragen, was für ihn Synodalität genau bedeutet. Offenbar hat Synodalität Grenzen. Viele sehen im Agieren des Papstes einen Selbstwiderspruch.
Wie stehen Sie zur Alten Messe?
Eleganti: Als Ministrant wurde ich in die tridentinische Messe eingeführt und nach dem Konzil umgeschult auf den Novus Ordo. Der alte Ritus ist mir insofern nicht fremd. Ich habe als Bub all die Gebete auf Latein gelernt und war immer nervös, damit ich keinen Fehler machte. Ich zelebriere im Novus Ordo die Heilige Messe.
Und wie kam es dann, dass Sie öfters bei den Petrusbruderschaft anzutreffen sind?
Eleganti: Die Petrusbruderschaft ist auf mich zugekommen. Pater Martin Ramm aus Thalwil, den ich sehr schätze, hat einen Bischof für die Firmungen im überlieferten alten Ritus gesucht. Ich habe für den Firmgottesdienst wieder diese Zelebrationsweise neu gelernt. Deswegen kommen inzwischen weitere Anfragen. Warum sollte ich mich ihnen verweigern?
«Ich verstehe nicht, warum man diese bei der Liturgiereform aufgegeben hat.»
Was gibt Ihnen die tridentinische Messe?
Eleganti: Dass sie kein Workshop ist und die Zentralität Gottes beziehungsweise Jesu Christi viel mehr zum Ausdruck bringt. Es hat in der tridentinischen Liturgie sehr tiefe Gebete, die ich vom Inhalt her sehr gerne bete. Ich liebe die begleitenden Gebete, die der Priester betet. Ich verstehe nicht, warum man diese bei der Liturgiereform aufgegeben hat, denn sie helfen ihm, sich auf dieses Geheimnis einzustellen und einzulassen und es zu vollziehen.
*Marian Eleganti ist emeritierter Weihbischof des Bistums Chur.
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