Der Schweizer Astrophysiker Didier Queloz in seinem Büro an der ETH Hönggerberg (Zürich).
Schweiz

Nobelpreisträger Didier Queloz: «Unsere Spezies hat ohne das Wissen keine Zukunft»

Im September empfängt Papst Franziskus die neuen Mitglieder der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften. Dazu zählt der Genfer Astrophysiker Didier Queloz (58). Was ihm die Ernennung bedeutet, weshalb er «unendliche Lust» hat, immer mehr zu verstehen und warum er unsere Spezies für gefährlich hält, sagt er im Interview.

Barbara Ludwig

Im November sind Sie von Papst Franziskus zum Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften in Rom ernannt worden. Was bedeutet Ihnen die Ernennung?

Didier Queloz*: Es ist eine Ehre für mich, denn die Akademie ist eine erlauchte Versammlung. In der Tat gehören ihr viele Leute aus der internationalen Wissenschaftscommunity an, brillante bis sehr brillante Forscher. Ich glaube nicht, dass es eine andere Akademie gibt, die ebenso viele kluge Köpfe aus der Welt der Wissenschaft vereint.

Wissen Sie, warum Sie ernannt worden sind?

Queloz: Die Gründe für die Ernennungen erfährt man nie. Aber man kann es erraten. Zum einen war ich bereits in Kontakt mit der Akademie, weil mein Forschungsgebiet ganz neu ist und sich mit der Frage des Lebens im Universum beschäftigt, mit Kosmogonie und Kosmologie, also mit der Entstehung und den Strukturen des Weltalls. Das sind Themen von grossem gesellschaftlichem Interesse.

«Wir haben keinerlei theologische Kompetenz.»

Zudem hat mich die Akademie vor einigen Jahren eingeladen, einen Vortrag zu halten. Ich denke, er hat den Verantwortlichen gefallen. In dem Vortrag sprach ich über die Herausforderung, die durch das Auseinanderdriften von Wissenschaft und Gesellschaft entsteht: Der wissenschaftliche Fortschritt wächst und wächst, aber die Gesellschaft hat Mühe damit, dieses zunehmende Wissen zu integrieren.

Spielte auch der Nobelpreis eine Rolle, den Sie 2019 für die Entdeckung des ersten extrasolaren Planeten erhalten haben?

Queloz: Es ist klar, dass die Verantwortlichen der Akademie Nobelpreisträger mögen. Meine Ernennung könnte aber auch mit dem 2023 verstorbenen Zürcher Chemieprofessor Albert Eichenmoser zu tun haben. Er war Mitglied der Akademie und forschte in den 1960er und 70er Jahren über den Beginn des Lebens.

Eine Karikatur von Chappatte zur Verleihung des Nobelpreises an Didier Queloz und Michel Mayor für ihre Entdeckung des extrasolaren Planeten 51 Pegasi b.
Eine Karikatur von Chappatte zur Verleihung des Nobelpreises an Didier Queloz und Michel Mayor für ihre Entdeckung des extrasolaren Planeten 51 Pegasi b.

Wie können Sie als Wissenschaftler bei der Akademie mitwirken?

Queloz: Die Mitglieder treffen sich alle zwei Jahre zu einer Plenarversammlung im Vatikan, um über aktuelle wissenschaftliche Themen zu diskutieren. Über Theologie sprechen wir nicht. Wir haben keinerlei theologische Kompetenz. Bei den Treffen sind auch Vertreter des Papstes dabei sowie Kirchenmänner, die gleichzeitig Wissenschaftler sind.

«Es müsste mehr solche Akademien geben.»

Für uns Forscher sind die Plenarversammlungen sehr interessant. Es ist aussergewöhnlich, so viele brillante Kollegen anderer Disziplinen  – aus der Chemie, der Biochemie, der Wissenschaftsgeschichte usw. – zu treffen und drei Tage miteinander diskutieren zu können. Als Mitglied kann ich künftig jedes Mal dabei sein, ich brauche nun keine Einladung mehr.

Warum ist die Päpstliche Akademie wichtig?

Queloz: Es geht sehr oft um Themen an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Themen, die ethische und moralische Fragen aufwerfen. Wie die künstliche Intelligenz oder Genmanipulation. Wir diskutieren über die Realität, darüber, was aktuell in den Wissenschaften passiert. Es müsste mehr solche Akademien geben. Denn wir haben heute ein grosses Problem: Es gibt zu wenig Dialog zwischen dem vorhandenen Wissen und der Art und Weise, wie dieses Wissen von der Gesellschaft aufgenommen wird. Aufgrund mangelnder Kenntnisse sagen viele Leute dummes Zeug.

Worüber zum Beispiel?

Queloz: Die globale Erderwärmung ist so ein Fall. Seit 50 Jahren ist sie für die Wissenschaft ein gelöstes Problem: Seit 50 Jahren ist bekannt, dass es am CO2 liegt, dass es mehr davon in der Erdatmosphäre hat und wir Menschen dieses CO2 produzieren. Doch man schaffte es nicht, dieses Wissen in die Gesellschaft zu transferieren. Dann gibt es auch Themen, die sehr emotional sind, weil sie ethische Aspekte berühren. Manche Menschen weigern sich schlicht, sie auch nur zu verstehen. Gerade bei bioethischen Fragen gibt es starke Blockaden.

«Der Vatikan kann über eine Milliarde Katholikinnen und Katholiken weltweit ansprechen.»

Es gibt zwar einen Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, aber er ist nicht intensiv. Und das ist inakzeptabel. Denn unsere Gesellschaft wird heute völlig vom Wissen beherrscht. Alles, was wir heute im Alltag nutzen, ist das Ergebnis unseres Wissens über die Welt. Weil der Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft verstärkt werden muss, ist die Päpstliche Akademie wichtig. Und darum will ich da auch mit dabei sein.

Galaxie.
Galaxie.

Wieso glauben Sie, dass die Tätigkeit der Akademie diesen Dialog voranbringen kann?

Queloz: Der Vatikan kann über eine Milliarde Katholikinnen und Katholiken weltweit ansprechen. Er ist ein wichtiger Akteur in der Gesellschaft. Darum wünsche ich mir, dass der Vatikan weiss, wovon er spricht, wenn er sich öffentlich zu bestimmten Themen äussert.

Hatten Sie selber schon Gelegenheit, mit dem Papst zu sprechen?

Queloz: Nein. Im September werden die neu aufgenommenen Mitglieder der Akademie vom Papst in einer Audienz empfangen. Ob dort ein persönlicher Austausch mit ihm möglich ist, weiss ich nicht. Interessant sind auf jeden Fall die Leute um ihn herum  –  Mitarbeiter der Akademie und Bischöfe – mit diesen kommt man wirklich ins Gespräch.

«Alle Gehirne wollen verstehen.»

Ihr Spezialgebiet ist die Erforschung des Lebensursprungs. Was fasziniert Sie daran?

Queloz: Ich habe mich auf Astrophysik spezialisiert und viele Planeten ausserhalb unseres Sonnensystems entdeckt. Entdeckt man solche Planeten, fragt man sich: Gibt es dort Leben? Mich fasziniert es, die Eigenheiten des Universums zu erforschen. Ich will das Weltall verstehen. Warum? Weil mein Gehirn so beschaffen ist. Alle Gehirne wollen verstehen. Kinder lernen, weil sie verstehen wollen, neugierig sind. Ist man erwachsen, entwickelt sich die Neugierde weiter. Bei manchen Menschen allerdings schläft sie im Erwachsenenalter ein. Ich aber habe eine unendliche Lust, immer mehr zu verstehen.

Galaxie – vom Hubble-Teleskop aufgenommen.
Galaxie – vom Hubble-Teleskop aufgenommen.

Aber Sie hätten sich doch auch auf etwas Anderes spezialisieren können?

Queloz: Das stimmt. An meinen Konferenzen erkläre ich immer: Die Entstehung des Lebens ist für uns Menschen ein wichtiges symbolisches Ereignis. Doch im Rahmen der Entstehung des Weltalls ist es nur ein Ereignis neben anderen. Das Universum ist entstanden mit seiner Struktur aus Zeit, Raum und Materie. Dann haben sich Sterne gebildet – was aber nicht selbstverständlich ist. Bestimmte Kriterien müssen gegeben sein, damit ein Stern geboren wird. Die Sterne wiederum stellen Atome her, also die Bausteine der Materie. Alles entsteht in den Sternen, das ist fantastisch. Die Geburt eines Sternes verdanken wir den Gesetzen der Physik. Wirklich interessant wird es aber, wenn die Chemie hinzukommt. Denn durch sie kann Leben entstehen – wenn die Voraussetzungen stimmen. Auf der Erde sind sie optimal.

«Unser Weltall ermöglicht die Geburt von Sternen und die Entwicklung von Leben. Dazu braucht es keinen Plan.»

Die Entstehung von Leben ist für Sie also ein chemischer Prozess. Sie sind auch der Ansicht, es brauche keinen Gott als Schöpfer des Lebens. Wieso nicht?

Queloz: Die Vorstellung, dass es einen göttlichen Plan gibt, ist falsch. Unser Weltall ermöglicht die Geburt von Sternen und die Entwicklung von Leben. Dazu braucht es keinen Plan. Unser Universum ist einfach so. Es ist durchaus vorstellbar, dass es eine unendliche Zahl anderer Universen mit ganz anderen Eigenschaften gibt. Aber hier befinden wir uns jenseits der uns bekannten physischen Welt.

In einem Zeitungsinterview sagten Sie: «In diesem Jahrhundert werden wir die göttliche Macht der Schöpfung erlangen, indem wir künstliches Leben von Grund auf erschaffen.» Warum ist es wichtig, dass der Mensch selbst Leben erschaffen kann?

Queloz: Die Frage nach der Wichtigkeit oder Notwendigkeit ist eine moralische Frage, keine wissenschaftliche. Das Ziel der Wissenschaft ist es nicht, etwas zu tun. Die Wissenschaft versucht zu verstehen. Wir haben auch die Atomkraft entdeckt und Atomwaffen entwickelt. Die Zündung einer Wasserstoffbombe könnte uns eines Tages auslöschen. Sollen wir deswegen auf das Wissen verzichten? Dies würde das Ende unserer Spezies bedeuten, die auf dem Wissen basiert. Ohne das Wissen hat sie keine Zukunft. Wir befinden uns in einer völlig unlogischen Situation: Den Entwicklungsstand, den wir erreicht haben, verdanken wir dem Wissen. Wir können es nicht ablehnen. Denn der Wunsch und die Fähigkeit zu verstehen sind Teil von uns. Wir haben ein unglaublich effizientes Gehirn – ein Geschenk des Universums.

«Ich bin katholisch getauft, eine göttliche Inspiration habe ich allerdings nie erhalten.»

Trotzdem fragen sich manche Menschen: Was soll die ganze Forschung, wenn wir es nicht einmal schaffen, unseren Planeten als Lebensraum zu erhalten? Auch mich beschäftigt das.

Queloz: Sie haben recht. Aber ich glaube, Sie stellen nicht die richtige Frage. Dass wir es nicht schaffen, den Planeten zu schützen, hat nichts mit der Frage zu tun, ob Forschung sinnvoll ist oder nicht. Es handelt sich nicht um ein wissenschaftliches Problem. Das Problem ist unser Verhalten. Unsere Spezies ist gefährlich. Jetzt auf Forschung und Wissen zu verzichten, bringt nichts. Diese Lösung kommt zu spät – wir hätten bereits vor einer Million Jahren aussterben sollen. Heute müssen wir uns fragen: Was können wir tun, um unsere Überlebenschancen als Homo sapiens zu verbessern? Wie können wir das Wissen in Bezug auf das Verhalten unserer Spezies umsetzen?

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Zum Schluss eine persönliche Frage: Sind Sie in einer religiösen Tradition aufgewachsen?

Queloz: Die Familie meines Vaters hat jurassische Wurzeln, ist also katholisch. Meine Mutter ist griechisch-orthodox. Meine Eltern waren in der katholischen Pfadfinder-Bewegung aktiv. Ich erinnere mich, dass wir an Familienmessen in der Kirche teilnahmen. Ich habe eine gewisse katholische Erziehung bekommen und bin auch katholisch getauft, eine göttliche Inspiration habe ich allerdings nie erhalten. Aber ich interessiere mich für religiöse Phänomene. Grosse Sakralbauten zum Beispiel haben mich schon immer fasziniert. Sieht man eine Kathedrale, denkt man unweigerlich: Diese Menschen waren inspiriert, Gott hat zu ihnen gesprochen. Es ist unglaublich schwierig, eine Kathedrale zu bauen. Kathedralen sind wunderbare Bauten, und es gibt Hunderte davon.

*Der Genfer Astrophysiker Didier Queloz (58) baut seit 2021 an der ETH Zürich ein Zentrum auf, das die Entstehung des Lebens erforscht. 2019 wurde er gemeinsam mit Michel Mayor mit dem Nobelpreis ausgezeichnet für die Entdeckung des ersten Planeten, der einen sonnenähnlichen Stern umkreist. Er ist eines von über 80 Mitgliedern der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften.


Der Schweizer Astrophysiker Didier Queloz in seinem Büro an der ETH Hönggerberg (Zürich). | © Barbara Ludwig
4. August 2024 | 13:00
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