Russisch-orthodoxer Priester: «Der Zustrom an Gläubigen bei uns hat deutlich zugenommen»
Seit 35 Jahren gehört Priester Daniel Schärer der Orthodoxen Kirche an. Während in der katholischen Kirche die Gotteshäuser nicht zuletzt infolge von Kirchenaustritten immer leerer werden, berichtet der Geistliche der Russisch-orthodoxen Auferstehungskirche in Zürich von einem merklichen Anstieg der Gläubigen. Zum Krieg in der Ukraine und zu Putin nimmt er nicht Stellung – man wolle die Politik bewusst aus der Kirche raushalten.
Wolfgang Holz
Unter dem Grün der Gartenlaube ist es angenehm schattig und kühl. Und doch flackert das Sonnenlicht immer wieder über das Gesicht von Daniel Schärer. Der 55-jährige Geistliche der Russisch-Orthodoxen Auferstehungskirche, der ein Kreuz über dem Priestergewand trägt, lächelt aufgeweckt in den Sommernachmittag.
Georgischem Priester letzte Kommunion gespendet
«Seit ich vor einem Jahr Priester geworden bin, hat meine Arbeit in der Kirche zugenommen», sagt der Schweizer. Das habe zum einen mit den Sakramenten zu tun, die er nun spenden dürfe. «Gerade gestern Abend bin ich noch ins Spital gefahren, um einem sterbenden georgischen Priester die letzte Kommunion zu überbringen», erzählt er. Auch sonst gebe es viele Taufen und Beichten von Gläubigen. «Als Diakon habe ich nur liturgische Funktionen gehabt.»
Zum anderen lässt der russisch-orthodoxe Priester wissen, dass in den letzten beiden Jahren der Zustrom an Gläubigen in die Auferstehungskirche «deutlich zugenommen» habe. «Das Phänomen lässt sich nicht so einfach erklären». In den USA führe man den Zuwachs auf die Pandemie zurück, die Unentschlossene offenbar dazu brachte, Wechsel vorzunehmen, die sie bereits vorher in Betracht gezogen hatten.
«Wir kennen unsere ukrainischen Gläubigen, sogar unser Chor ist angewachsen.»
Priester Daniel Schärer, Russische Auferstehungskirche
«Vielleicht besteht auch ein Hunger nach Transzendenz unter den heutigen Menschen», spekuliert Schärer. Nicht zuletzt seien es auch zahlreiche Ukrainerinnen und Ukrainer, die nach der Flucht in ihrer neuen Heimat spirituellen Beistand in der Kirche an der Zürcher Narzissenstrasse suchen. «Wir kennen unsere ukrainischen Gläubigen, sogar unser Chor ist dadurch angewachsen.»
Gelb-blaue Fahnen manifestieren Protest gegen den Krieg
Apropos. Knapp zweieinhalb Jahre ist es jetzt her, dass in der Ukraine Krieg herrscht. Die gelb-blauen Solidaritätsfahnen an Häusern gegenüber der Auferstehungskirche manifestieren immer noch ihren Protest gegenüber der Militärinvasion. Wie schätzt Daniel Schärer den Stand der Dinge ein?
«Wir reden hier über Gott. Wir beten in jedem Gottesdienst um den Frieden und versuchen hier, wo wir sind, den Frieden zu wahren und zu vermehren.»
Daniel Schärer
«Wir machen keine Politik. Wir reden hier über Gott. Wir beten in jedem Gottesdienst um den Frieden und versuchen hier, wo wir sind, den Frieden zu wahren und zu vermehren.» so Schärer, der von Beruf Psychologe und Lehrer für Sozialwissenschaften an der Berufsmaturitätsschule Zürich ist.
Rund 250 Kommunikanten an einem Wochenende
Und diese Gottesdienste in der Auferstehungskirche – am Samstagabend das Vigil und am Sonntagmorgen die Eucharistiefeier – sind offensichtlich sehr gut besucht. «Rund 250 Kommunikanten zählen wir im Schnitt an einem Wochenende, an Pfingsten waren es über 300 Personen», berichtet der orthodoxe Priester.
Insbesondere auch die Nachfrage nach Gottesdiensten in deutscher Sprache habe zugenommen. «Weil Gläubige von der Orthodoxie begeistert sind, aber die russische Liturgie nicht verstehen.» Momentan gebe es einen deutschen Gottesdienst pro Monat, ein zweiter sei angedacht.
Auferstehungskirche finanziert sich nur aus Spenden
«Wir nehmen den Glauben ernst», sagt Priester Daniel Schärer. Er arbeite freiwillig ohne Lohn. Jährlich ein- bis zweimal erhalte er eine Prämie. Oder ihm werde etwas gespendet. Sein Vorgesetzter, Erzpriester Michael, bezieht ein Gehalt. Die Russisch-orthodoxe Auferstehungskirche, die zu den grössten russischen Gotteshäusern ihrer Art in der Schweiz zählt, finanziere sich ausschliesslich aus Spenden.
Für den reformierten Konvertiten übt der orthodoxe Glaube seit 35 Jahren eine grosse Faszination aus. «Über russische Musik bin ich während einer Krise in meiner Jugend zur Orthodoxie gekommen», erzählt der Geistliche. Die sinnliche Erfahrbarkeit des Glaubens spielt für ihn eine grosse Rolle.
«Wir steigen in jeder Liturgie hinauf in das Königreich Gottes: Beim Einzug mit dem Evangelium und beim späteren Grossen Einzug mit den Heiligen Gaben, wo wir uns in der Eucharistie mit Gott vereinigen», so Schärer.
Gesäuerte Brotstücke mit einem Löffel
Wobei die Gläubigen zur Kommunion gesäuerte Brotstücke mit einem Löffel erhalten – keine Hostien, wie in der katholischen Kirche. ” Wir müssen aus uns herausgehen, die irdischen Sorgen während des Gottesdiensts ablegen, um einen Schritt auf Gott machen zu können.» Diese spirituelle Erfahrung würden die Dauer des Gottesdiensts und die Gesänge des inzwischen rund zehnköpfigen Chors unterstützen.
Sehr beliebt seien unter den Gläubigen der Russisch-orthodoxen Auferstehungskirche Pilgerfahrten zu Orten von Heiligen in der Schweiz. Dabei werden in der orthodoxen Kirche die ungeteilten christlichen Heiligen – also all jene vor dem Schisma mit der römisch-katholischen Kirche anno 1054 – genauso verehrt wie in Westeuropa.
Orthodoxe Heilige der Schweiz sehr beliebt
Beliebt sind insbesondere die orthodoxen Heiligen in der Schweiz. «Wir haben die Heiligen gern. Im letzten Jahr pilgerten wir von Andermatt über die Surselva und den Kistenpass bis nach Glarus zum Felix & Regula-Weg, den wir dieses Jahr zu Ende gehen werden», so Schärer.
Neu ist auch eine Broschüre zur «Versammlung aller Heiligen, die in der Schweiz erschienen sind». In dieser sind die orthodoxen Heiligen der Schweiz mit Biografien aufgeführt – mit den dazugehörigen Darstellungshinweisen auf der gleichnamigen Ikone, die seit 2018 in der Auferstehungskirche hängt. Eine Art Heiligen-Panoptikum in Form einer grossen Ikone, die in einem zweijährigen Prozess am Ikonenatelier der Moskauer geistlichen Akademie in Sergiev Possad entworfen und geschrieben wurde.
«Bischof Joseph Maria Bonnemain, zum Beispiel, hat sich sehr eingesetzt, um für uns Reliquien der Zürcher Stadtheiligen zu finden.»
Daniel Schärer
Unter dieser Ikone ist seit 2021 auch ein Reliquiar angebracht worden – mit kleinen Reliquien der Zürcher Stadtheiligen Feilx und Regula, der gerechten Verena, des Heiligen Gallus, des Heiligen Meinrad und vielen anderen. «Wir sind den katholischen Bischöfen sehr dankbar, dass sie uns so grosszügig Reliquien überlassen haben. Bischof Joseph Maria Bonnemain, zum Beispiel, hat sich sehr eingesetzt, um für uns Reliquien der Zürcher Stadtheiligen zu finden», berichtet Daniel Schärer voller Freude.
Und wie sieht es abseits dieser populären Heiligenverehrung in der russisch-orthodoxen Kirche mit klerikalen Problemen aus, die in der katholischen Kirche derzeit virulent sind? Stichwort Frauenpriestertum. Stichwort Missbrauch.
Kein Frauendiakonat in der Orthodoxen Kirche
«Es hat nie ein Frauendiakonat in der Orthodoxen Kirche gegeben – es agierten lediglich früher Diakonissen, die bei Taufen von Frauen und bei der Kommunion von kranken Frauen den Priestern assistierten. Diese Frauen übten aber keine liturgische Funktion aus», klärt Schärer auf. «Es müsste wohl zuerst ein grosser Konsens in der Kirche herrschen, bevor ein Frauendiakonat eingeführt werden könnte», resümiert er.
Und wie sieht es in Sachen Missbrauch in der Orthodoxen Kirche aus? «Diese Frage habe ich noch nie gehört, in Amerika spricht man aber über solche Geschichten», sagt Schärer. Und merkt an: Generell könne er es sich natürlich nicht vorstellen, dass es Missbrauch nicht auch in der Orthodoxen Kirche gegeben habe.
Auf die Frage, ob er eine spirituelle Botschaft an unsere Zeit habe, antwortet Daniel Schärer: «Wir müssen aufpassen, in einem Gegner keinen Feind zu sehen. Auch wenn jemand politisch anderer Meinung ist, bleibt er das Abbild Gottes.»
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