Wolfgang F. Rothe: «Zölibatär zu leben, ist so gut wie unmöglich»
Wolfgang F. Rothe kennt alle Facetten der Kirche. Er kritisiert ihre Strukturen, die sie zu «einer Täterorganisation» machen, ohne mit ihr zu brechen. Jeder «katholische Kleriker vom Kaplan bis zum Papst» verstosse gegen den Zölibat, so Rothe. Am 18. April ist Rothe in Weinfelden und liest aus seinem Buch «Missbrauchte Kirche».
Annalena Müller
Herr Rothe, leben Sie zölibatär?
Wolfgang F. Rothe*: Ja und Nein. Der Begriff Zölibat geht auf das lateinische Wort «caelebs» zurück. Das bedeutet soviel wie «unverheiratet». In diesem Sinn lebe ich tatsächlich zölibatär. Die Kirche versteht unter dem Zölibat aber weit mehr, nämlich die «vollkomme und immerwährende Enthaltsamkeit» von jedweder Art sexueller Aktivität.
Damit ist genau genommen sogar schon ein verstohlener Seitenblick auf eine Person, die man als sexuell anziehend empfindet, ein Zölibatsverstoss. In diesem Sinn lebe ich definitiv nicht zölibatär – genauso wenig wie vermutlich nahezu alle anderen katholischen Kleriker vom Kaplan bis zum Papst. In diesem Sinn zölibatär zu leben, ist nämlich so gut wie unmöglich.
Sie sind selbst Priester und bezeichnen in Ihrem Buch «Missbrauchte Kirche» die Kirche als Täterorganisation – wie geht das zusammen?
Rothe: Gerade, weil ich Priester bin, fühle ich mich verpflichtet, das Versagen und die Mängel der Kirche offen beim Namen zu nennen. Die Kirche ist in der Tat eine Täterorganisation.
«Viele Missbrauchstäter haben ihre Taten nur begangen, weil sie sie begehen konnten.»
Denn viele Missbrauchstäter haben ihre Taten nur begangen, weil sie sie begehen konnten. Weil ihnen die Kirche ein Umfeld geboten hat, in dem sie sicher sein konnten, nicht zur Rechenschaft gezogen zu werden. Manches hat sich mittlerweile zum Besseren verändert. Aber längst nicht alles und schon gar nicht überall. Die Spannung, einer Täterorganisation nicht nur anzugehören, sondern auch für sie zu arbeiten, muss ich, so schwer mir das mitunter auch fällt, aushalten. Ich tue das, weil man von innen heraus weit besser zur Veränderung einer Organisation wie der katholischen Kirche beitragen kann, als von aussen.
Sie selbst haben Missbrauch erlebt, wie hat das Ihr Bild von der Kirche verändert?
Rothe: Missbrauchserfahrungen verändern alles. Die Unbefangenheit – man könnte auch sagen: die Naivität – mit der ich früher auf die Kirche geschaut habe, ist unwiederbringlich dahin.
«Das Bild von Kirche, das ich früher hatte, war ein Trugbild, eine Täuschung.»
Zumindest Letzteres hat auch sein Gutes. Denn das Bild von Kirche, das ich früher hatte, war ein Trugbild, eine Täuschung. Und ich muss zugeben, dass ich mich viel zu lange habe täuschen lassen. Ich habe die dunklen Abgründe hinter den glanzvollen Fassaden nicht gesehen, weil ich sie nicht sehen wollte. Dadurch habe ich Schuld auf mich geladen.
Warum sind Sie trotz dieser Erfahrung und Erkenntnis Priester geblieben?
Rothe: Ich bin immer gerne Priester gewesen. Und ich bin es nach wie vor gerne. Insbesondere die seelsorgliche Arbeit für kranke, betagte, sterbende und trauernde Menschen erfüllt mich sehr. Dass ich nach wie vor als Priester tätig bin, geht aber auch aus einem gewissen Trotz hervor: Wenn ich hinschmeissen würde, täte ich nämlich denjenigen den allergrössten Gefallen, die der Grund für mein Hinschmeissen wären. Und diesen Gefallen will ich ihnen nicht tun.
In Ihrem Buch verweisen Sie auf die direkte Verbindung zwischen Missbrauch und katholischer Sexualmoral – ist es wirklich so einfach?
Rothe: Viele Missbrauchsstudien und -gutachten haben gezeigt: Die katholische Sexualmoral ist zwar keine Ursache, sehr wohl aber ein Risikofaktor für sexuellen Missbrauch. Denn im Rahmen der katholischen Sexualmoral wird die menschliche Sexualität zugleich überhöht und tabuisiert. Auf der einen Seite wird sie als unvergleichlich gross und wichtig dargestellt. Auf der anderen Seite in das enge Korsett der im kirchlichen Sinne gültigen Ehe gezwängt. Dadurch entsteht eine Spannung, die sich nur allzu leicht unkontrolliert entlädt. Und zwar nicht selten dort, wo der geringste Widerstand zu erwarten ist: bei Kindern, Jugendlichen und anderen mehr oder weniger schutzlosen Personen.
«Der Zölibat ist ein enormer Risikofaktor für sexuellen Missbrauch.»
Welche Rolle spielt der Zölibat – sollte er abgeschafft werden?
Rothe: Für sich genommen ist der Zölibat ein enormer Risikofaktor für sexuellen Missbrauch. Wer zum Zölibat verpflichtet ist, obwohl er ganz normale sexuelle Empfindungen hat und diese eigentlich auch gerne ausleben würde, erlebt die erwähnte Spannung umso stärker. Auf der einen Seite soll er leben wie ein Engel. Auf der anderen Seite hat er ganz normale sexuelle Bedürfnisse. Weil Zölibatsverstösse nicht nur sündhaft, sondern unter Umständen auch kirchenrechtlich strafbar sind, müssen sie zwangsläufig im Geheimen, im Stillen erfolgen. Und wen kann man am Leichtesten zum Schweigen bringen? Richtig: Kinder, Jugendliche und andere mehr oder weniger schutzlose Personen.
Ich würde sogar so weit gehen, dass sich die Glaubwürdigkeit der kirchlichen Missbrauchsaufarbeitung und -prävention daran messen lassen muss, ob und inwieweit man bereit ist, den Zölibat – oder besser: die Zölibatspflicht – abzuschaffen. Anders ausgedrückt: Wer an der Zölibatspflicht festhalten will, muss sich meines Erachtens vorwerfen lassen, nicht genug gegen sexuellen Missbrauch zu tun.
Am 18. April werden Sie in Weinfelden aus Ihrem Buch lesen – warum sollten Menschen kommen?
Rothe: Missbrauch ist für die meisten Menschen – Gott sei Dank – ein eher abstraktes Thema. Wer Missbrauch nicht selbst oder in seinem unmittelbaren Umfeld erlebt hat, wird kaum nachvollziehen können, welch verheerende Folgen seelischer, psychischer und leiblicher Art er verursachen kann. Nicht zuletzt aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, meine Missbrauchserfahrungen öffentlich zu machen. Auch am 18. April werde ich ungeniert und ungeschönt davon berichten. Kommen sollte, wer bereit ist, der Wahrheit ins Auge zu blicken. Wer hingegen selbst Missbrauch erlebt hat oder besonders sensibel ist, sollte, um nicht getriggert oder verstört zu werden, besser fernbleiben.
Worauf freuen Sie sich am Meisten bei Ihrem Besuch in der Schweiz?
Rothe: Mit den seit einigen Jahren weltweit spürbaren Spaltungstendenzen zwischen konservativen und progressiven Kreisen in der Kirche kennt man sich meines Wissens in der Schweiz seit langem aus. Hierüber würde ich sehr gerne mehr erfahren. Ebenso über das duale System der Kirchenfinanzierung und der Beteiligung von Laiinnen und Laien an der Kirchenleitung. Abgesehen davon ist es in der Schweiz einfach schön!
*Wolfgang F. Rothe (56) ist Priester und Kirchenrechtler in München. Der offen schwul lebende Priester kritisiert regelmässig Sexualmoral, Vertuschung und Machtmechanismen in der katholischen Kirche. Das Interview wurde schriftlich geführt.
Wolfgang F. Rothe: Missbrauchte Kirche – Autorenlesung
18. April 2024
19:15-21:15
Zentrum St. Franziskus
Franziskus-Weg 3
8570 Weinfelden
Wolfgang F. Rothe, katholischer Priester, hat vor einigen Jahren eine traumatische Erfahrung gemacht: Er wurde zum Opfer massiven Machtmissbrauchs durch seinen Bischof. Erst jetzt hat er die Kraft gefunden, seine Geschichte zu erzählen. Sein Bericht ist aber mehr als eine Opfergeschichte: Missbrauch in ihren Reihen bleibt so lange vorprogrammiert, wie die katholische Kirche an ihrer ins Zwanghafte übersteigerten Fixierung auf das Thema Sexualität festhält, so das erschreckende Fazit des Theologen und Kirchenrechtlers.
Bei uns im Thurgau wird er aus seinem Buch vorlesen und uns in seine Erfahrungen mitnehmen.
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