Auf Suche nach dem Querstimmer
Reportage Wie Christoph Blochers treustes Dorf zur Asylinitiative steht
Wer von ihnen ist es? Wer schert aus, stimmt anders als alle andern hier im Dorf? Ist es der Mann mit dem Jägerhut oder jener mit der Baseballmütze? Abstimmungsmorgen in Lü, hoch oben im Münstertal, Graubünden. 70 Einwohner, 54 Stimmberechtigte. Eine SVP-Hochburg, die die Bezeichnung grad doppelt verdient: Es ist die höchstgelegene politische Gemeinde der Schweiz. Und sie stimmt meist geschlossen für die SVP, für Christoph Blocher im Speziellen.
Bis auf einen oder zwei sind sich die Einwohner dieser Gemeinde einig, wenn es um politische Abstimmungen geht. 32 sagten Nein zur Initiative «Ja zu Europa». Einer sagte Ja. 34 waren gegen einen UNO-Beitritt. Zwei dafür. 23 wollten Blochers Goldinitiative. Drei wollten sie nicht. Und heute, die Asylinitiative?
«Eimal muess ma kli bremsa und kli luega uf üseri Lüüt», sagt der Mann mit dem Jägerhut, der als einer der Ersten seinen Stimmzettel in die Urne wirft. Er also ist nicht eine der wenigen Personen in Lü, die politisch aus der Reihe tanzen. Er sagt unumwunden: «I ha Ja gschtimmt. Nid weg äm Blochar. Aber de Blochar isch guet, er macht viil für üüses Land. Mir brüchte me wie ihn.» Der Mann mit der Baseballmütze nickt.
Neben der Urne sitzt im grünen Faserpelz Severin Luzzi, Gemeindepräsident von Lü und Lüsei, der kleinen «Fraktion», wie er sagt, die zu Lü gehört. Mit welchem Resultat rechnet er heute? Alle für Blocher? «Das weiss ma nid, aber ma hoffts.»
Lü und Christoph Blocher – eine Liebe, die vor zehn Jahren begann, als Blocher im EWR-Abstimmungskampf in St. Maria einen Vortrag hielt. Die Lüer waren dabei, waren begeistert und luden ihn für ihren Gottesdienst am anderen Tag ein. Blocher kam und kam seither immer wieder. Vor ein paar Jahren liess er der kleinen Berggemeinde für 60 000 Franken die alten Schindeln auf dem Kirchendach durch neue ersetzen. Letzten Sommer ernannte man ihn und seine Frau Silvia zu Ehrenbürgern «in Anerkennung ihrer aussergewöhnlichen Verdienste für die Erhaltung idealer Werte unseres Landes», wie es in der Einladung zum Ehrenbürger-Fest hiess. Blocher ist bislang der Einzige, dem diese Ehre in Lü zuteil wurde.
Maria Angela Gross, Lüs Gemeindeschreiberin, kommt mit ihrem Mann, dem Feuerwehrkommandanten, und ihrem Kind an die Urne. Sie holt die Post und schaut nach, ob noch ein paar mehr brieflich abgestimmt haben. Niemand. Es bleibt bei den sieben Couverts, die im Verlauf der Woche eingetroffen sind. Die Dorfwirtin kommt, lässt sich ihren Stimmzettel von Luzzi stempeln und stösst ihn durch den Schlitz. Bald ist Urnenschluss. Nur gerade drei Personen sind gekommen. Was ist los in Lü? «Extrajagd», sagt Gemeinderat Rinaldo Lechthaler, der in diesem Moment dazustösst. Da im September weniger Wild als erlaubt geschossen wurde, dürfen die Jäger heute nochmals auf die Jagd. Oder vielleicht kommen die Lüer nicht, weil sie gehört haben, dass eine Journalistin da ist, vermutet einer.
Kurz vor halb elf geht nochmals die Tür zum Gemeindehaus, drei Männer kommen herein, ziehen die Stimmzettel aus ihren Jacken. Nun die Frage: Sagt mal, wer von euch stimmt gegen den Rest? Wer sagt Nein zur Asylinitiative, während die meisten mit grösster Wahrscheinlichkeit Ja sagen werden? «Wemmer da wüssted! De sueched mir scho lang!» Gelächter. «Villicht ich», sagt der Mann mit den schwarzen Winterstiefeln, «villicht bins aber ich», sagt ein anderer im Karo-Hemd. Wieder Gelächter. Wenn ein einstimmiges Ergebnis vorliege, dann sei wohl klar, dass sie nicht aus der Reihe tanzten. Der Dritte unter ihnen hat eine Taube auf seiner Schulter, die plötzlich losfliegt und auf dem Haupt des Feuerwehrkommandanten landet. «E zahmi Türkentuube», erklärt der Besitzer und der Feuerwehrkommandant meint: «Mir sinn nid usländerfeindlich, gsehnd Sie.»
In Lü hat es keine Asylanten, hat es noch nie welche gehabt. Aber Ausländer habe man schon: «Tiroler und Italiäner.» Es seien beileibe nicht alles Schweizer hier bei ihnen oben.
Es ist 10.45 Uhr. Seit einer Viertelstunde ist die Urne offiziell geschlossen, es geht ans Auszählen. Severin Luzzi packt die Urne, die Holzkiste mit den eingravierten drei Sensen, dem Lüer-Wappen, kippt die paar Zettel auf den Tisch. Auf den meisten steht «Schi», Ja auf romanisch. Auf einigen haben die Lüer «Na», Nein, geschrieben. Das Resultat: Bei der Revision des Arbeitslosenversicherungsgesetzes sind 13 dafür und 9 dagegen.
Die Asylinitiative soll laut den 22 Stimmen angenommen werden. Dagegen ist niemand. Wahrscheinlich war der Querstimmer heute auf der Jagd.



