Theologin Lea Gröbel und Sprachwissenschaftlerin Karina Frick
Schweiz

Wenn Trauer öffentlich wird – wie trauern Menschen im Internet?

In der neuen Folge des Podcasts «Laut + Leis» sprechen zwei junge Forscherinnen über Trauerpraktiken und Jenseitsvorstellungen im digitalen Raum. Die Sprachwissenschaftlerin Karina Frick und die Theologin Lea Gröbel sagen auch, wie sich analoge und digitale Trauer unterscheiden.

Sandra Leis

Todesanzeigen in der Zeitung, Beileidskarten und Trauerfeiern in der Kirche oder in der freien Natur – das sind Trauerpraktiken, die alle kennen. Parallel dazu nutzen viele Menschen auch das Internet, um ihrer Trauer Raum zu geben.

Seit den 1990er Jahren gibt es dafür verschiedene Möglichkeiten: spezialisierte Plattformen wie virtuelle Friedhöfe und Gedenkseiten, die man individuell gestalten kann, und alle Kanäle auf Social Media. Vieles davon ist öffentlich zugänglich und so auch für die Forschung eine Fundgrube.

Social Media als eine Art Tagebuch

«Viele Menschen nutzen soziale Medien wie Tagebücher. Wenn ein Trauerfall geschieht, dann besteht oft auch das Bedürfnis, online über den verstorbenen Menschen zu berichten und die Trauer auszudrücken», sagt die 28-jährige Theologin Lea Gröbel. Sie schreibt ihre Doktorarbeit über Jenseitsvorstellungen im digitalen Raum.

Ein letztes Goodbye.
Ein letztes Goodbye.

«Die meisten Communities spenden Trost – ganz besonders, wenn es um einen privaten Todesfall geht. Das ist ein Grund, weshalb Trauer öffentlich gemacht wird», sagt Karina Frick. Die promovierte Sprachwissenschaftlerin ist Co-Leiterin des Projekts «Trauerpraktiken im Internet», das zum Forschungsschwerpunkt «Digital Religion(s)» der Universität Zürich gehört.

Der grösste Unterschied: gesehen werden

Fragt man nach den Unterschieden zwischen analoger und digitaler Trauer, so sagen beide Forscherinnen: Der trauernde Mensch möchte gesehen werden. «Es können auch Menschen reagieren, die man gar nicht kennt. Das passiert in der analogen Welt viel seltener», sagt Frick. «Der Verstorbene wird persönlich in der Du-Form angesprochen. Das gibt’s auch im realen Leben, aber in der Regel nicht vor einem Publikum.»

Theologin Lea Gröbel: «Das stilistische Repertoire ist digital grösser als analog.»
Theologin Lea Gröbel: «Das stilistische Repertoire ist digital grösser als analog.»

In der klassischen Todesanzeige sei das stilistische Repertoire begrenzt. Digital könne man aus einem grösseren Set an Möglichkeiten auswählen, sagt Gröbel. «Man kann einen Text mit einem Video ergänzen, ein Emoji einfügen – am häufigsten kommt das rote Herz vor – und einen passenden Hashtag wählen.»

Sprache ist auch formelhaft

Das alles heisst allerdings nicht, dass die Sprache im digitalen Raum nicht auch formelhaft wäre, sagt die 37-jährige Sprachwissenschaftlerin. «Es gibt neue Formen, die sich etabliert haben wie beispielsweise #jesuis X oder Y #rip oder #prayfor.»

Die Vorstellung von oben als Jenseits

Gemeinsamkeiten gibt’s auch bei den Jenseitsvorstellungen. Sehr präsent sei zum Beispiel die Vorstellung, dass man sich wiedersehen oder wiederbegegnen möchte, sagt die Theologin. «Als Bild des Jenseits haben viele den Himmel im Kopf. Der Himmel kommt im digitalen Raum auch als Bild vor oder vielleicht auch mal als Wolken-Emoji.» 

Als Bild des Jenseits haben viele Menschen den Himmel im Kopf.
Als Bild des Jenseits haben viele Menschen den Himmel im Kopf.

Was aber noch deutlich präsenter sei, ist die Vorstellung von oben. «Also, dass Menschen von oben zusehen, dass sie als Schutzengel jetzt die Lebenden in ihrem Leben weiter begleiten.»

Trauer um Idol und nach schrecklichen Ereignissen

Neben der Trauer um einen geliebten Menschen gibt es zwei weitere Formen der Trauer, die im Internet viel Raum einnehmen: die Trauer um eine berühmte Persönlichkeit, wie beispielsweise Tina Turner, Diego Maradona oder Queen Elizabeth, und die Trauer nach schrecklichen Ereignissen wie Erdbeben oder Flugzeugabstürzen.

Linguistin Karina Frick: «Die meisten Communities spenden Trost – ganz besonders, wenn es um einen privaten Todesfall geht.»
Linguistin Karina Frick: «Die meisten Communities spenden Trost – ganz besonders, wenn es um einen privaten Todesfall geht.»

Bei beiden Formen spielt die Metakommunikation eine grosse Rolle. Auffallend sind die teils erbittert geführten Debatten in den sozialen Medien über die Verhältnismässigkeit von Anteilnahme. 

Ein Beispiel: Wie kann man kollektiv um fünf Menschen trauern, die in einem Tauchboot während einer Expedition zum Wrack der «Titanic» sterben? Und gleichzeitig kümmert es kaum jemanden, dass jedes Jahr Hunderte Menschen im Mittelmeer ertrinken. «Als Wissenschaftlerinnen bewerten wir das nicht», sagt Karina Frick. «Doch die jeweilige Community diskutiert teilweise ausgiebig darüber, was richtig ist.»

Viel Kritik nach Tod von Papst Benedikt XVI.

Neben aufrichtigen Beileidsbekundungen gab es nach dem Hinschied von Papst Benedikt XVI. in der vergangenen Silvesternacht auch viel Kritik – an ihm und an der römisch-katholischen Kirche. «Bei umstrittenen Persönlichkeiten geht die Kritik dann teilweise über in Hassrede oder Häme», sagt Lea Gröbel.

Trauerkarten Papst Benedikt XVI.
Trauerkarten Papst Benedikt XVI.

Eines ist unbestritten: Die digitale Öffentlichkeit kann nicht nicht kommunizieren. «Inzwischen hat es eine Art Verpflichtungscharakter, sich als Politikerin oder Politiker digital zu äussern, wenn eine berühmte Persönlichkeit stirbt oder ein grosses Unglück geschieht», sagt Linguistin Karina Frick. «Angela Merkel konnte nicht einfach schweigen.»

Leute mit Reichweite geben Empfehlungen

Zum einen ist Social-Media-Trauer partizipativ und bietet Möglichkeiten zur Vernetzung. Zum anderen gilt sie oft als oberflächlich und unangemessen.

Besserung ist offenbar in Sicht. Gerade bei politisch brisanten Themen oder bei berühmten Persönlichkeiten beobachte sie regelmässig, dass Leute mit viel Reichweite Empfehlungen abgeben, sagt Theologin Lea Gröbel. «Also zum Beispiel: Achtet darauf, nicht verletzend zu kommunizieren und niemanden anzugreifen, denn trauernde Menschen sind sehr von ihrem Schmerz und ihren Gefühlen eingenommen.» Auf dass die Netiquette Hatespeech ablösen möge.

Weitere Informationen zum universitären Forschungsschwerpunkt (UFSP) Digital religion(s): https://www.digitalreligions.uzh.ch/de.html


Theologin Lea Gröbel und Sprachwissenschaftlerin Karina Frick | © Sandra Leis
17. November 2023 | 09:00
Lesezeit : ca. 3  Min.
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