Tobias Fontein zu Missbrauch: «Wir können eigene Schuld nicht mindern durch Verweis auf andere»
Tobias Fontein hat als Vertreter des Bistums Basel an der Synode der Aargauer Landeskirche zur Missbrauchsstudie gesprochen. Dabei zeigte er auf, wie die katholische Kirche seit rund 20 Jahren Missbrauch bekämpft, und präsentierte die neuste Massnahme des Bistums. Seine Ansprache enthielt auch defensive Klarstellungen.
Barbara Ludwig
«Gegen die Anfeindungen und Angriffe, die unsere Kirche aufgrund der Missbrauchsstudie derzeit erlebt, können wir wenig ausrichten, ohne uns dem Vorwurf der Rechtfertigung und des Herausredens auszusetzen», stellte Tobias Fontein am Mittwochnachmittag fest. Fontein ist Regionalverantwortlicher im Bistumsvikariat St. Urs und sprach vor 125 Mitgliedern des Parlaments der Römisch-Katholischen Kirche im Aargau, die derzeit in Aarau tagen.
«Dimensionen zurechtrücken» geht nicht
Zum Beispiel könnte darauf hingewiesen werden, so Fontein gemäss Redemanuskript, dass die Pilotstudie zum Missbrauch in der katholischen Kirche der Schweiz einen Zeitraum von 70 Jahren abdeckt und für diesen Zeitraum 1002 Fälle identifiziert wurden. «Dass aber allein im Jahre 2022 in der Schweiz 1218 sexuelle Handlungen (unterschiedlicher Art) mit Kindern polizeilich erfasst wurden, würde die Dimensionen zurechtrücken. Aber solche Argumente verwenden wir nicht, weil wir eigene Schuld nicht mindern können durch den Verweis auf andere», sagte der Regionalverantwortliche.
Missbrauch im familiären Umfeld tabuisiert
Umgekehrt gelte aber auch, dass es in den aktuellen Diskussionen nicht ausreiche, «nur auf die Kirche zu zeigen», wenn man dem Skandal des Missbrauchs von Kindern ernsthaft entgegentreten wolle. Aus Sicht von Tobias Fontein ist der Missbrauch im familiären Umfeld, aus dem mehr als die Hälfte der Täter stammten, in der Gesellschaft weiterhin «tabuisiert».
«Eine Meldung ist noch kein Fall»
Als Reaktion auf die Studie sei es zu einer deutlichen Zunahme der Meldungen bei der unabhängigen Meldestelle des Bistums gekommen, sagte Tobias Fontein weiter. Bei diesem Thema stellte Fontein mehrere Dinge klar. Zunächst sagte er: «Eine Meldung ist noch kein Fall.» Fast die Hälfte der in den vergangenen Wochen eingegangenen Meldungen seien «unspezifisch». Das bedeute, entweder sei weder die Tatart oder die Täterschaft oder beides nicht bekannt.
Zudem sei eine «heutige Meldung» kein «heutiger Fall». Auch Meldungen, die in den vergangenen Wochen eingegangen seien, führten bis in die 1930er Jahre zurück. Der Regionalverantwortliche sagte auch, nicht immer stünde hinter einer Meldung ein Übergriff auf Minderjährige.
Bistum reagiert mit Massnahme auf Studie
Nach diesem Exkurs mit defensivem Charakter präsentierte Tobias Fontein einen Rückblick auf die Präventionsarbeit der katholischen Kirche seit rund 20 Jahren – in der Schweiz und spezifisch im Bistum Basel. Dabei konnte er auch auf die neuste Massnahme des Bistums in Sachen Prävention hinweisen: Ab Mitte November würden kanonische Voruntersuchungen und die Prüfung von Anträgen auf Genugtuung neu von einer unabhängigen Anwaltskanzlei durchgeführt. Das Bistum hatte dies bereits am 6. November angekündigt. «Das Echo auf die Pilotstudie hat das Bistum Basel darin bestärkt, die Unabhängigkeit bei der Bearbeitung von Meldungen weiter auszubauen», so Fontein.
Laut Jeannette Häsler Daffré, Kommunikationsbeauftragte der Landeskirche, gab es im Anschluss an die Ausführungen des Regionalverantwortlichen keine Wortmeldungen von Synodalen.
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