Wilfried Meichtry
Schweiz

Wilfried Meichtry: «Ich habe den Katholizismus ambivalent erlebt»

Der Historiker, Sach- und Drehbuchautor Wilfried Meichtry legt mit dem Roman «Nach oben sinken» sein literarisches Debüt vor. In der neuen Folge des Podcasts «Laut + Leis» erzählt er, wieviel von ihm im Ich-Erzähler steckt und wie die katholische Frömmigkeit das Leben im Wallis bestimmt hat. Er spricht über seine Grossmutter und sagt, wie das Wallis auf sein Buch reagiert.

Sandra Leis

«In meinen ersten zwölf Lebensjahren verbrachte ich insgesamt etwa sechs Monate in der Kirche», konstatiert der namenlose Ich-Erzähler im Roman «Nach oben sinken». Auf die Frage, ob er bei solchen Sätzen mit Schrecken an die eigene Kindheit zurückdenke, antwortet Wilfried Meichtry: «Nein, überhaupt nicht mit Schrecken. So war das normale Leben, das war gesetzt.»

Meichtry spricht über seine Kindheit und Jugend, über das Schweigen der Erwachsenen und über seine Grossmutter, die eine begnadete Geschichtenerzählerin war. «Ich habe den Katholizismus durchaus ambivalent erlebt: als etwas Faszinierendes; es gab auch ein Gefühl der Geborgenheit. Doch je älter ich wurde – also mit der Pubertät – haben sich immer mehr Fragen gestellt.» Man habe dann auch gesehen, wie eng dieses System sei.

Recherche im inneren Archiv

Wilfried Meichtry kam 1965 in Leuk im Oberwallis zur Welt und wurde bekannt mit Biografien: zum Beispiel mit dem Doppelporträt von Iris und Peter von Roten und dem schönen Buchtitel «Verliebte Feinde» oder mit der Biografie von Mani Matter.

Wilfried Meichtry in seinem Garten in Burgdorf.
Wilfried Meichtry in seinem Garten in Burgdorf.

Mit dem Roman «Nach oben sinken» wechselt er nun vom Sachbuch zur Belletristik. «Ich hatte Lust, einfach mal zu erzählen, frei von der Leber weg. Mich auch ein bisschen zu befreien von den Fakten und trotzdem im eigenen inneren Archiv zu recherchieren», sagt Meichtry. Das heisst, es steckt auch viel von ihm selbst im Roman, «was aber noch lange nicht bedeutet, dass alles wahr ist».

Grossmutters blasphemische Zunge

Ähnlich wie die Grossmutter erzählt, schreibt auch Meichtry auf Pointe. Er malt das Wallis der 1970er und 1980er Jahre in atmosphärisch dichten Farben und zeigt anschaulich, wie die katholische Frömmigkeit das Leben der Menschen bestimmt hat. Von der Mutter beispielsweise heisst es einmal im Roman, sie sei mit anderen Frauen im Dorf im ewigen Wettstreit um die Anerkennung des Herrn Pfarrer gelegen.

Blick vom Ober- aufs Unterwallis bei Leuk-Stadt.
Blick vom Ober- aufs Unterwallis bei Leuk-Stadt.

Ganz anders die Grossmutter: Sie übertrat in ihren Witzen und Anekdoten gerne das Gebot der Schamhaftigkeit und hatte eine leicht blasphemische Zunge. «Das war für viele Leute auch eine Möglichkeit zu kompensieren. Sie hat quasi stellvertretend für andere auch kritisiert, was viele gar nicht gewagt haben», sagt Meichtry.

Reglementiertes Denken

Das Denken sei in diesem System extrem reglementiert gewesen. Das habe er auch selber erlebt. «Ich bin bis knapp nach zwanzig immer in die Messe gegangen, und dann wollte ich nicht mehr. Das war am Anfang schwierig und, salopp gesagt, wie beim Pawlowschen Hund: Wenn die Kirchenglocken läuteten, haben sich die Beine in Bewegung gesetzt.»

Das grosse Schweigen

Die Grossmutter unterhielt ihre Mitmenschen mit einem grossen Repertoire an Geschichten und Witzen. Alle anderen Erwachsenen aber geizten mit Worten. Das fand der Ich-Erzähler als Kind derart seltsam, dass er überzeugt war, jeder Mensch verfüge über eine Art «Sprechkonto». «Sank der Wortkredit auf null, so war ihm das endgültige Verstummen sicher wie das Amen in der Kirche», heisst es im Roman.

Totentanzszene von 1520 im Beinhaus der St. Stephanskirche in Leuk.
Totentanzszene von 1520 im Beinhaus der St. Stephanskirche in Leuk.

Ein grosser Mantel des Schweigens liegt im Roman über Jean, dem Bruder der Grossmutter, über dessen Schicksal jahrzehntelang nicht mal sie sprechen mochte. Er gilt als «Schandfleck» der Familie, hätte Priester werden sollen und realisiert allmählich, dass er diesen Weg nicht gehen kann. Was genau mit ihm passiert ist, bleibt offen. Vermutlich ist er ins Wasser gegangen.

Eine andere Form von Missbrauch

«Das sind erschütternde Geschichten. Kein sexueller Missbrauch, sondern eine andere Form von Missbrauch, die fast ebenso schlimm ist», sagt Meichtry. Im Buch heisst es: «Jean war kein Einzelfall. Die katholische Kirche hatte bis weit ins 20. Jahrhundert eine fast absolutistische Stellung in den Oberwalliser Dörfern inne, und für die meisten Familien war es (. . .) ein Zeichen besonderer Gottesgnade, eins ihrer Kinder der Kirche zu weihen.»

Pfarrer Daniel Noti, Leuk-Stadt
Pfarrer Daniel Noti, Leuk-Stadt

Das sei heute vorbei, ist Wilfried Meichtry überzeugt. «Ich kann nicht ausschliessen, dass es diese Träume noch gibt. Doch man sieht es ja auch: Es gibt kaum noch Nachwuchs in der römisch-katholischen Kirche.»

Liebevoll und versöhnlich

Onkel Jean habe es tatsächlich gegeben, verrät Meichtry im Podcast. Allerdings habe er rund hundert Jahre früher gelebt; viel habe er nicht über ihn in Erfahrung bringen können. Um so freier ist Meichtry in der literarischen Gestaltung dieser Figur. Etwas irritierend ist einzig, dass ihm bei den Jahreszahlen ein paar kleine Flüchtigkeitsfehler unterlaufen sind.

Mit dem Roman «Nach oben sinken» gelingt Wilfried Meichtry eine literarische Annäherung an seine Kindheit und Jugend, die trotz manch kritischer Passagen liebevoll und versöhnlich ist. Er bricht über niemandem den Stab, sondern beschreibt die damalige Zeit mit all ihren schönen und dunklen Seiten.

Leute können sich identifizieren

Die Reaktionen aus dem Wallis auf das Buch seien durchwegs positiv, sagt Meichtry. «Ich glaube, dieses Atmosphärische, dieses Emotionale hat etwas Exemplarisches. Es bietet ein Identifikationsfeld, das viele kennen. Nicht nur im Wallis.» Enge gebe es überall, Schweigen sei ein urmenschliches Verhalten, und auch Familiengeheimnisse seien allgegenwärtig. «Insofern spielt die Geografie gar keine so grosse Rolle.»

Das Buch: Wilfried Meichtry: «Nach oben sinken». Roman, Nagel und Kimche, Hamburg 2023. 258 Seiten.

Wilfried Meichtry | © Sandra Leis
20. Oktober 2023 | 09:00
Lesezeit : ca. 3  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!