Beat Näf: «Ich habe eine ganz persönliche Verbindung zum Heiligen Fridolin»
Beat Näf ist Historiker. Vom 22. bis 23. September organisiert er eine Fridolin-Tagung in Bad Säckingen. Sie richtet sich «an alle, die sich für den heiligen Fridolin und die Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart interessieren». Neben Fridolin geht es um Männer, Frauen, Einheimische und Fremde. Ein Gespräch mit einem Fridolin-Fan.
Annalena Müller
Sie organisieren eine Tagung zu St. Fridolin. Was interessiert Sie an Fridolin?
Beat Näf*: Ganz allgemein interessieren mich Macht und Ohnmacht von Erzählungen. So auch in der Legende des heiligen Fridolin. Fridolin war ein Fremder, ein Migrant. Fridolin kam, wie der heilige Gallus und andere auch, aus dem fremden Irland oder Schottland ins Land der wilden Alemannen. Im Kontext der globalen Flüchtlingskrise gibt es da für viele Menschen Anknüpfungspunkte. Aber natürlich habe ich auch eine ganz persönliche Verbindung zum Heiligen Fridolin.
Nämlich?
Näf: Einer meiner Freunde hat den Namen Fridolin erhalten, weil sich seine Eltern in der Fremde fühlten. Auch für die Geschichte meiner Familie ist Fridolin von Bedeutung. Wir stammen aus einem kleinen Ort im Fricktal, der unter der Herrschaft des Fridolinskloster in Säckingen stand. Wie übrigens auch grosse Gebiete des Kanton Glarus, wo Fridolin ja bis heute sehr verehrt wird.
«Die Tagung ist für alle, die sich für den heiligen Fridolin interessieren.»
An wen richtet sich die Tagung?
Näf: An alle, die sich für den heiligen Fridolin und die Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart ganz allgemein interessieren. Die Tagung findet an zwei Tagen statt. Am Freitag steht der Austausch zwischen verschiedenen Gebieten im Zentrum. Also Archäologie, Geschichtswissenschaft, Literatur und Musik, Theologie und Spiritualität. Dazu kommen heutige Lebenserfahrungen.
Das klingt recht spezialisiert …
Näf: Ja und nein. Die Tagung richtet sich bewusst an ein breites, interessiertes Publikum. Man muss kein Vorwissen haben. Wenn man an Fridolin interessiert ist, aber auch an der Geschichte des Frauenklosters Bad Säckingen und seiner mächtigen Äbtissinnen, dann ist das genug.
Und der zweite Tag?
Näf: Am Samstag geht es um Begegnungen über das Bekannte hinaus. An diesem Tag nehmen Migrantinnen und Migranten teil. Geflüchtete haben die Veranstaltung zusammen mit mir in zahlreichen Treffen vorbereitet. Unter anderem zeigen Raja Dibeh aus Syrien Und Olena Prekrasna aus der Ukraine einige ihrer Kunstwerke. Es gibt schweizerisches und internationales Essen, Schabzigerkäse und Schabzigerkräuter aus dem «Fridolinsland» Glarus, kurdische und ukrainische Musik und einen Fridolin-Orientierungslauf. Ausserdem machen wir gemeinsame Geschichtsspaziergänge.
Was kann uns Fridolin heute noch sagen?
Näf: Fridolin kann uns zum einen von seiner Zeit erzählen. Einer Zeit der Wanderungen, des Suchens in der Fremde und der Abhängigkeiten von den örtlichen Machthabern und Machthaberinnen. Aber auch der Verbreitung des Glaubens und des Wissens. Ich sehe ihn als erfolgreichen Migranten! Und da gibt es natürlich viele Anknüpfungspunkte zur Gegenwart. Mich fasziniert Fridolin seit langem. Und ich würde gerne mit ihm sprechen. Aber das ist schwieriger als heutige Geflüchtete zu treffen.
Die Veranstaltung findet im ehemaligen Frauenkloster Bad Säckingen statt. Was hat Fridolin mit einem Frauenkloster zu tun?
Näf: Fridolin ist der Gründer des Klosters, das bis 1806 bestand. Die Richtigkeit der Ortswahl wurde ihm laut Fridolinslegende in einen Traum bestätigt. In dem Traum beugt sich ein Baum mit einer Reliquientasche. In der Tasche sind die Reliquien des heiligen Hilarius, eines bedeutenden Kirchenvaters und Bischofs von Poitiers. Ein Wunder – der Wille Gottes. Erklärt hat dies den Frauen von Säckingen dann allerdings ein Mann. Balther, ein Leibeigener des Frauenklosters, hat die Fridolinsvita im 10. Jahrhundert verfasst.
«Die Äbtissinnen von Bad Säckingen waren auch Landesherrinnen.»
Wer hatte im Frauenkloster Säckingen das Sagen – die Frauen oder Fridolin?
Näf: Nun, darüber hat man in der Forschung lange gestritten. Die Fridolinslegende selbst berichtet von solchen Konflikten, ist dabei aber eher auf Konsens ausgerichtet. Sicher ist, dass die Klosterfrauen sehr mächtig waren. Sie stammten aus dem Hochadel und sogar aus dem Königshaus. Die Äbtissinnen von Bad Säckingen waren auch Landesherrinnen. Sie hatten Leibeigene – wie Balther, den Verfasser der Fridolinslegende. Und sie herrschten über die Bauern in der Gegend. Ihre milde Herrschaft war beliebt. Auch das wird Thema der Tagung sein.
Wie kamen Sie auf die Idee, diese Tagung zu organisieren?
Näf: Beim Lesen der Fridolinslegende! Ich bin Historiker und interessiere mich für Erzählungen von und über Menschen. Ich habe die Legende auch zusammen mit Geflüchteten im Deutschunterricht gelesen und besprochen. Und diese konnten sich mit Fridolin identifizieren. So entstand die Idee, eine historische Fridolinstagung mit dem Thema Flüchtlinge zu verbinden.
*Beat Näf (65) war bis zu seiner Emeritierung Professor für Alte Geschichte an der Universität Zürich. Er engagiert sich seit Ende 2022 in der Flüchtlingsarbeit, wo er Migranten und Migrantinnen Deutsch beibringt und ihnen im Alltag hilft. Weitere Informationen zur Tagung finden sich hier.
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