Der ungarische Filmemacher István Szabó in Locarno
Schweiz

István Szabó: «Die Magie des Kinos liegt darin, einander anzuschauen»

«Schauspiel ist nur ein Austausch von Energie, nichts anderes.» Das sagte der ungarische Regisseur István Szabó am Locarno Film Festival. Dann schaute er dem Theologen Joachim Valentin tief in die Augen. Der Altmeister unterhielt sich an einem Podium über Film, Kultur und Spiritualität mit Joachim Valentin und Marie-Therese Mäder, zwei Mitgliedern der diesjährigen Ökumenischen Jury. 

Sarah Stutte

Mit dem Hinweis ans zahlreich erschienene Publikum, doch das «tiefe und gut analysierende» Buch von Ingrid Glatz «Menschenbilder in István Szabó Filmwerk» zu lesen, eröffnete Festivaldirektor Giana N. Nazzaro das Podium mit István Szabó an diesem Morgen im Spazio Cinema. Unter den Anwesenden waren auch einige Liebhaber von Szabós Filmen, die ausgerüstet mit diversen Postern und Fotos am Schluss noch Autogramme vom ungarischen Altmeister abholten.

v.l.n.r.: Ingrid Glatz, Joachim Valentin, István Szabó, Marie-Therese Mäder
v.l.n.r.: Ingrid Glatz, Joachim Valentin, István Szabó, Marie-Therese Mäder

Ingrid Glatz, Co-Präsidentin von Interfilm Schweiz, moderierte nachfolgend den Anlass und stellte den Oscarpreisträger István Szabó zu Beginn als einen Regisseur vor, «der sich nicht auf ein bestimmtes Genre festlegt und immer wieder neue Herausforderungen sucht». In seinen Filmen hinterfrage er oft die Machtstrukturen, Ideologien und moralischen Dilemmata, die Menschen in der Gesellschaft beeinflussen würden.

Den Ärger überlebt

Film, Kultur und Spiritualität sei deshalb das Thema dieses Gesprächs. Ingrid Glatz stieg in dieses ein mit der Frage, warum István Szabó sich schlussendlich für den Beruf des Filmemachers entschied, wo er doch ursprünglich Arzt werden wollte. «Ich habe in der Schule gerne Gedichte vorgelesen, deshalb hat mich auch das Theater interessiert.» Dann habe er das filmtheoretische Buch «Der sichtbare Mensch» von Béla Balász in die Hände bekommen und dieses verschlungen, erzählte der 85-jährige Filmemacher.

"Glaube ist eine Sache und Religion eine andere", sagt István Szabó.
"Glaube ist eine Sache und Religion eine andere", sagt István Szabó.

«Deshalb bewarb ich mich nicht nur an der medizinischen Hochschule, sondern schrieb mich auch für die Filmhochschule ein. Das verursachte grossen Ärger in meiner Familie, aber den habe ich überlebt», meinte Szabó schmunzelnd. Und er fügte hinzu: «Der Arztberuf haftet mir jedoch nach wie vor an. Wenn in meiner Filmcrew jemand Kopfschmerzen hat, dann kommt die Person damit zu mir.» Szabós feiner und hintersinniger Humor kam beim Publikum gut an.

Lehrerin war «fantastische» Nonne

Die Schweizer Religionswissenschaftlerin Marie-Therese Mäder fragte den ungarischen Regisseur nach seinem letzten Film «Abschlussbericht» von 2020, der in diesem Jahr als Europapremiere in Locarno dem Publikum gezeigt wurde. «Mich hat beeindruckt, dass darin ein Priester eine tiefe Freundschaft mit einem Arzt pflegt», sagte sie. Und in István Szabós Film «Ein Hauch von Sonnenschein» von 1999 passe sich Religion an ein politisches System an. Ob der Regisseur religiös sozialisiert worden sei, da er in seinen Geschichten immer wieder Bezüge zur Religion herstelle, fragte sie ihn.

Marie-Therese Mäder am Podium
Marie-Therese Mäder am Podium

«Ich stamme aus einer jüdischen Familie, selbst bin ich aber katholisch geboren und in eine katholische Schule gegangen. Meine erste Lehrerin war eine fantastische Nonne», erzählte Szabó. Niemand sei in seiner Familie besonders religiös gewesen, vielleicht am ehesten noch sein Vater. «Doch er wurde als Chirurg auch mehrmals täglich mit dem Tod konfrontiert», so Szabó, da sei dies nicht verwunderlich gewesen. «Religion hat für mich wesentlich weniger Bedeutung als Glaube. Glaube ist eine Sache und Religion eine andere», sagte er.

Zwei Geschenke im Leben

Jeder Mensch bekomme zwei Geschenke im Leben, führte Szabó weiter aus. «Einerseits braucht jeder Mensch etwas, woran er glauben kann. Dann braucht er Liebe. Zu verstehen, dass das ein Geschenk ist und wie man damit umzugehen hat, hängt von vielen gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen ab», so der Filmemacher.

Der deutsche Theologe Joachim Valentin fragte ihn, ob der Glaube auch heisse, zu widerstehen. Es gebe Figuren, so auch in seinem wohl berühmtesten Film, dem oscarprämierten «Mephisto», die scheitern würden und an ihren Idealen festhalten.

Joachim Valentin im Gespräch mit István Szabó.
Joachim Valentin im Gespräch mit István Szabó.

Szabó antwortete darauf mit dem berühmten Zitat des evangelischen Theologen Martin Niemöller. Dieser durchlebte im Zweiten Weltkrieg eine Wandlung vom erst begeisterten Anhänger zum später konsequenten Gegner des Nationalsozialismus. Die Textstelle heisst: «Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Gewerkschaftler holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschaftler. Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte».

Emotionen in der Muttersprache

Danach kam die Diskussion wieder auf die Arbeit von Szabó zu sprechen. Ingrid Glatz merkte an, dass Szabó die Schauspielerinnen und Schauspieler in seinen Filmen stets in ihrer Muttersprache sprechen lassen würde. Wie das ginge am Set, wollte sie wissen. «Richtige Emotionen kann man in der Muttersprache besser und ehrlicher ausdrücken», sagte der Regisseur.

Ingrid Glatz moderiert das Gespräch.
Ingrid Glatz moderiert das Gespräch.

Daraufhin hakte Ingrid Glatz nach: «Aber haben die anderen Darstellerinnen und Darsteller keine Mühe, sich untereinander zu verstehen?» Szabó antwortete: «Schauspielerinnen und Schauspieler hören überhaupt nicht zu, was die anderen sagen. Sie schauen nur auf die Augen.»

Persönlicher Austausch wichtig

Die Magie des Kinos liege darin, einander anzuschauen. «Schauspiel ist nur ein Austausch von Energie, nichts anderes», so Szabó. Daraufhin nahm er seine Brille ab und sagte zu Joachim Valentin: «Wenn wir uns jetzt so ansehen und uns in die Augen blicken, dann haben wir entweder eine Verbindung zueinander oder eben nicht». Der Theologe tat es ihm gleich und so hielten die beiden Männer einige Minuten den Blickkontakt.

Joachim Valentin und István Szabó halten Blickkontakt.
Joachim Valentin und István Szabó halten Blickkontakt.

Dann wurde das Gespräch für das Publikum geöffnet und jemand fragte, ob es diesen Energieaustausch denn heute überhaupt noch gebe, wenn jeder Mensch nur in seine Bildschirme starre. «Wir benötigen den persönlichen Austausch und lebendige Menschen um uns herum. Sonst wird alles nur noch oberflächlich», war Szabós Meinung dazu.

Gute Zusammenarbeit

Marie-Therese Mäder brachte zum Ende hin noch den Schauspieler Klaus Maria Brandauer ein, mit dem István Szabó einige seiner Filme realisierte, unter anderem «Mephisto» und «Abschlussbericht». Sie wollte wissen, wo diese Verbindung angefangen hätte. Daraufhin Szabó: «Es gab eine Aufführung im Theater, an dem ich ihn für mich entdeckte».

Davon sei er so beeindruckt gewesen, dass er sofort danach hinter die Bühne gegangen sei und ihn gefragt habe, ob er für seinen Film «Mephisto» für Probeaufnahmen zur Verfügung stünde. «Daraufhin meinte er: «Probeaufnahmen mache ich gerne, aber ich weiss schon jetzt, dass das meine Rolle ist – und er sollte Recht behalten», schloss Szabó.


Der ungarische Filmemacher István Szabó in Locarno | © Sarah Stutte
10. August 2023 | 17:00
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