Kardinal Giovanni Angelo Becciu, 2018 im Vatikan.
Vatikan

Vatikan-Staatsanwalt fordert hohe Haftstrafe für Kardinal Becciu

Mit Kardinal Angelo Becciu steht erstmals ein Kardinal als Angeklagter vor einem vatikanischen Gericht – seit Mitte 2021. Am Mittwoch hat der Staatsanwalt des Vatikan 7 Jahre und 3 Monate Haft verlangt. In dem Prozess geht es um mutmassliche Straftaten rund um die Finanzierung einer Londoner Geschäftsimmobilie.

Im vatikanischen Finanzprozess droht dem angeklagten Kardinal Angelo Becciu eine lange Haftstrafe. Vatikan-Staatsanwalt Alessandro Diddi forderte am Mittwoch vor Gericht 7 Jahre und 3 Monate Haft sowie eine Geldstrafe von 10’239 Euro für den 75-Jährigen, dem Veruntreuung und Amtsmissbrauch vorgeworfen wird. Mit Becciu steht erstmals in der Kirchengeschichte ein Kardinal als Angeklagter vor einem vatikanischen Gericht.

Verlustreiches Immobiliengeschäft

In dem Prozess geht es vorwiegend um mutmassliche Straftaten rund um die Finanzierung einer Londoner Geschäftsimmobilie, die von der zentralen Kirchenleitungsbehörde – dem vatikanischen Staatssekretariat – ab 2014 als Anlageobjekt für einen dreistelligen Millionenbetrag erworben wurde. Später wurde sie unter hohen Verlusten wieder verkauft. Der Schaden für den Vatikan soll sich zwischen 139 und 189 Millionen Euro belaufen.

Zum Zeitpunkt des Ankaufs hatte Becciu als Substitut die zweithöchste Position im Staatssekretariat inne. Neben dem London-Geschäft werden ihm etwa Unregelmässigkeiten bei Überweisungen in sein Heimatbistum auf Sardinien und an die dortige Caritas vorgeworfen. Es geht um 225’000 Euro und eine mutmassliche Beteiligung von Familienangehörigen Beccius.

Geld für vermeintliche geopolitische Expertin

Der Kardinal soll zudem eine Bekannte als vermeintliche geopolitische Expertin mit dem Vatikan in Kontakt gebracht haben. Laut Anklage liess das Staatssekretariat der Frau 575’000 Euro zukommen, um eine entführte Ordensschwester in Mali zu befreien. Statt für diesen Zweck habe die angebliche Expertin das Geld aber für Luxusgüter und Urlaube ausgegeben.

Kardinal wies alle Anschuldigungen zurück

Der Kardinal, der seit Mitte 2021 im Vatikan vor Gericht steht, hat alle Anschuldigungen zurückgewiesen und mehrfach seine Unschuld beteuert. Am Dienstag hatte er vor Gericht gesagt: «Ich fühle mich als Mensch und als Priester verunstaltet.» Am Mittwoch war er abwesend und liess sich von seinen Anwälten vertreten.

In Zusammenhang mit den Vorwürfen musste Becciu auf seine Rechte als Kardinal verzichten. Papst Franziskus entliess ihn 2020 zudem aus seinem damaligen Amt als Leiter der Heiligsprechungsbehörde.

Weitere Angeklagte

Neben dem Sarden sind neun weitere Personen wegen Unterschlagung, Korruption, Erpressung, Geldwäsche, Betrug, Amtsmissbrauch und Urkundenfälschung angeklagt. Auch ihnen drohen Haft- und Geldstrafen. Das Urteil verkündet der Vorsitzende Richter Giuseppe Pignatone voraussichtlich im Dezember. (cic)


Kardinal Giovanni Angelo Becciu, 2018 im Vatikan. | © KNA
26. Juli 2023 | 16:30
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