Anna-Béatrice Schmaltz: «Wir sind noch weit von Gleichstellung entfernt»
Sie ist Pfarrerstochter, Grünen-Politikerin und engagiert sich für die Themen Gleichstellung und Verhinderung von geschlechterspezifischer Gewalt. Im Interview mit kath.ch spricht die Zürcher Gemeinderätin Anna-Béatrice Schmaltz über die Bedeutung des Frauenstreiks und sagt, warum sich die Kirchen besonders für queere und nicht-binäre Menschen einsetzen sollten.
Annalena Müller
Feministischer Streik oder Frauenstreik. Welche Bezeichnung finden Sie geeigneter?
Anna-Béatrice Schmaltz*: Beides geht. Aber «Feministischer Streik» ist die inklusivere Variante. Es sind ja nicht nur Frauen von Diskriminierung, Ungleichheit und Gewalt betroffen, sondern auch nicht-binäre Menschen. Das sind Menschen, die weder Frau noch Mann sind. Wichtig ist aber vor allem, dass möglichst viele Frauen und nicht-binäre Menschen von der Streikbewegung angesprochen werden und sich beteiligen möchten.
Warum ist der Feministische Streik wichtig – was erhoffen Sie sich?
Schmaltz: Wir sind in der Schweiz immer noch weit von Gleichstellung entfernt. Das Frustrierende: Viele der Forderungen von 1991, als es den ersten grossen Frauenstreik gab, sind heute immer noch aktuell. Es gibt noch immer keine Lohngleichheit, der Einsatz gegen geschlechtsspezifische Gewalt ist ungenügend – und noch immer wird unbezahlte Care-Arbeit zum grössten Teil von Frauen geleistet.
Was heisst unbezahlte Care-Arbeit genau?
Schmaltz: Darunter versteht man Sorge- und Betreuungsarbeit. Beispielsweise sich um Kinder und Haushalt kümmern, aber auch um die Pflege bedürftiger Familienmitglieder, Eltern oder Schwiegereltern.
Die Bilder vom Frauenstreik 2019 gingen durch internationale Medien. Die Streiks in den Folgejahren waren weniger besucht – was erwarten Sie dieses Jahr?
Schmaltz: Es wird ein grosser und kraftvoller Tag mit zahlreichen Forderungen, um endlich Gleichstellung zu erreichen. Es ist schwierig, Zahlen zu nennen. Aber ich gehe davon aus, dass es deutlich mehr Menschen auf die Strassen ziehen wird als in den letzten beiden Jahren. Wie 2019 sind die Gewerkschaften dieses Jahr wieder dabei. Wichtig ist, dass wir verschiedene feministische Forderungen solidarisch mittragen.
Können Sie Beispiele für solche Forderungen nennen?
Schmaltz: Dazu gehören beispielsweise Forderungen zum Thema Antirassismus. Eine geflüchtete Frau oder eine schwarze Frau ohne Schweizer Pass erleben andere Formen von Gewalt und Diskriminierung als eine weisse, alleinerziehende Mutter mit Schweizer Pass. Wir fordern eine gewalt- und diskriminierungsfreie Gesellschaft für alle.
Als Nicht-Schweizerin gibt es einen Punkt, der mich am Feministischen Streik etwas irritiert: Bereits im Vorfeld werden kürzere Arbeitszeiten für den Streiktag ausgehandelt. Wenn ich Streik höre, denke ich: «Streik = Laden lahmlegen». Warum legen Sie den Laden Schweiz nicht lahm?
Schmaltz: Für den Streik am Arbeitsplatz sind die Gewerkschaften zuständig. In der Schweiz ist es aber arbeitsrechtlich schwierig zu streiken. Solche Abmachungen mit dem Arbeitsgeber sind ein Kompromiss.
«Frauen haben ein sehr grosses Verantwortungsgefühl verinnerlicht.»
Wenn aber alle Frauen und Feministen am 14. Juni streiken würden, dann würde ihnen doch nicht gekündigt – das könnten sich kein Arbeitgeber leisten, oder?
Schmaltz: Sicher. Wobei ich mir gerade bei prekären Arbeitsverhältnissen – zum Beispiel im Reinigungsbereich – nicht so sicher wäre. Ausserdem geht es ja beim Feministischen Streik nicht nur um die Lohnarbeit, sondern auch um die ganze unbezahlte Care-Arbeit, also etwa Kinderbetreuung. Eine Maschine können Sie ja vielleicht ein paar Stunden sich selbst überlassen – ein Kleinkind werden Sie nicht in seiner vollen Windel sitzen lassen.
Man könnte schon. Nichts würde deutlicher machen, wie viel Frauen leisten als wütende Kleinkinder in stinkigen Windeln…
Schmaltz: Aber würden Sie das wirklich machen?
Wahrscheinlich nicht…
Schmaltz: Eben. Und das ist ein ganz wesentlicher Punkt bei der Care-Arbeit. Frauen haben ein sehr grosses Verantwortungsgefühl verinnerlicht. Es geht um das Wohlbefinden und die Sicherheit von Menschen. Das ist tatsächlich eine grosse Verantwortung und eine sehr wichtige Arbeit. Dieses verinnerlichte Verantwortungsgefühl spielt allgemein eine grosse Rolle – auch bei der Pflege der alten Eltern oder dem Haushalt.
Nach dem Motto: irgendwer muss es halt machen?
Schmaltz: Genau. Und dieses «irgendwer» sind häufig Frauen. Auch weil sie schon als Mädchen so erzogen werden – Verantwortung übernehmen, sich kümmern, nicht egoistisch sein. Das sitzt sehr tief. Daher ist es so wichtig, auch diese Aspekte hinter der Care-Arbeit zu thematisieren sowie auch die Wichtigkeit der Arbeit anzuerkennen und darüber zu sprechen, wie sie fair aufgeteilt werden kann. Das ist wichtiger als zu bewerten, ob das nun ein richtiger Streik ist, oder nicht, nur weil man sich mit dem Arbeitgeber oder dem Partner abspricht, dass man von dann bis dann nicht am Arbeitsplatz ist, oder an dem Tag nicht für die Kinderbetreuung zuständig sein kann. Es geht um die Mobilisierung und die Sensibilisierung.
Sie sind in einem christlich geprägten Haushalt aufgewachsen. Ihr Vater ist reformierter Pfarrer. Wie hat Ihre christlich geprägte Kindheit ihr Werteverständnis geprägt?
Schmaltz: Meine Eltern waren immer sehr offen. Sie wollten, dass wir für uns entscheiden, was und wie und ob wir glauben. Darum war meine Kindheit nicht so christlich geprägt, wie man meinen könnte. Aber Themen wie Menschenrechte und Gleichstellung waren bei uns zuhause zentral. Und sie sind es für mich heute auch. Ich engagiere mich ja nicht nur während des Feministischen Streiks für Gleichstellungsthemen, sondern hier liegt ganz klar der Fokus meiner politischen Arbeit.
Müssten sich gerade die Kirchen mehr für Frauen, für queere und nich-binäre Menschen einsetzen?
Schmaltz: Für mich wäre das naheliegend. Für die Kirchen sind die Themen Menschenrechte, Menschenwürde und Nächstenliebe zentral. Und dieser Fokus sollte im Idealfall dazu führen, dass man eine grosse Akzeptanz lebt und sich für diese engagiert. Also, dass man sich gegen Diskriminierung ausspricht und solidarisch mit denjenigen ist, die ausgegrenzt werden.
*Anna-Béatrice Schmaltz (30) ist Gemeinderätin der Grünen Zürich und Nationalratskandidatin. Als Mitglied des Streikkollektivs ist sie Mitorganisatorin des Zürcher Frauenstreiks.
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