Frank Thomas in der nachgebildeten Kirche von Kücknitz
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Deckenbilder von Zillis GR sind Vorbilder für Lübeck

Die Bilder in der Kirche von Zillis in Graubünden sind einzigartig. Jetzt tauchen Kopien im Norden von Deutschland auf. Mitten in der Diaspora entsteht eine neue Kirche im Zilliser Stil. Und das alles in Fronarbeit. «Kirchen werden rückgebaut», sagt Frank Thomas. «Wir hingegen bauen eine nichtkonfessionelle Kirche aus dem 12. Jahrhundert wieder auf.»

Sabine Zgraggen

In Kücknitz, einem Bezirk von Lübeck, wird aktuell ein Kloster neu aufgebaut. In der Kirche nebenan befinden sich, zur grossen Überraschung, Deckenbilder nach Vorlagen aus der Kirche in Zillis. Thomas Frank begleitet Interessierte mit Schlüssel zur schlichten Holzkirche auf dem weitläufigen Gelände. Er verrät nicht, dass er zu den Mitgründern des Projektes «Erlebnisraum Roter Hahn» gehört. Frank Thomas sieht eher wie ein Handwerker oder «Sozi» aus; mit seiner pinkfarbenen Love-Tasse in der Hand. Doch schon bald sprudeln Menschenfreundlichkeit und ein enormes Fachwissen aus ihm heraus.

Was ist das Ziel dieses ganzen Bauprojektes?

Frank Thomas: Das Ziel des Geschichtserlebnisraumes ist es, Kindern und Jugendlichen traditionelles Handwerk, Spass am Arbeiten draussen unter den vier Elementen Himmel, Feuer, Wasser, Luft zu ermöglichen. Auch als Gegenpool zur Digitalisierung unserer heutigen Gesellschaft. Wir wollen sie neu begeistern, auch für Arbeiten, die mal dreckig machen oder gefährlich sind. So setzen wir seit über 20 Jahren in Projektform immer wieder den Bau mittelalterlicher Häuser um.

Deckenbilder in der Kirche von Kücknitz (D) mit Szenen aus dem Neuen Testament
Deckenbilder in der Kirche von Kücknitz (D) mit Szenen aus dem Neuen Testament

Jetzt bauen wir, als unser grösstes Projekt, eine mittelalterliche Klosteranlage nach. Sie bietet Gemeinschaftsräume. Vorbild ist das 12. und 13. Jahrhundert in der Stilform der Romanik. Wir nehmen dafür Bauten aus Norwegen als Vorbild.

Die Bilder von Zillis haben Ihnen als Vorlage für die Innengestaltung der mittelalterlichen Kirche gedient. Wie kam es dazu?

Thomas: Wir haben die beste Literatur dazu über die Kirche Zillis in Graubünden gefunden. Daraus haben wir gelernt, wie die mittelalterlichen Bilder aufgebaut waren: Wie sie grundiert waren, welche Pigmente verwendet wurden. Dementsprechend haben wir diese Bilder und Motive aus Zillis genommen. Aus dieser mittelalterlichen Epoche gibt es sonst kaum erhaltene Holzkirchenbauten und insofern auch keine Vorlagen, wie sie gemalt waren.

Deckenbilder der Kirche St. Nicolai in Kücknitz (D)
Deckenbilder der Kirche St. Nicolai in Kücknitz (D)

Wer hat die Bilder für die Kirche in Kücknitz gemalt?

Thomas: Der Künstler Felix Karweick aus Lübeck hat dann zunächst eine Tafel aus Zillis kopiert. Die anderen hat er adaptiert und eigene Bilderkreationen mit Elementen von heute geschaffen – aber in Form- und Farbsprache der Romanik. Wir sehen insgesamt 16 alttestamentliche und neutestamentliche Szenen. Im Chor sind es acht Darstellungen aus dem Leben Jesu. Einige Figuren sind dem «Urmeer» zugeordnet, das die Erdscheibe – wie auch in Zillis – umgibt. Sie symbolisieren das Böse und das Sündhafte an den Rändern der Welt. Sie sollten dem Kirchgänger ehemals Furcht und Respekt einflössen.

Hatten Sie jemals Kontakt zur echten Kirchgemeinde in Zillis?

Thomas: Nein. Leider noch nicht. Ich wäre da gerne selbst vorbei gegangen, dann kam mir Corona dazwischen. Kollegen waren da, aber die Kirche war gerade geschlossen.

Altarraum der St. Nicolai Kirche in Kücknitz (D)
Altarraum der St. Nicolai Kirche in Kücknitz (D)

Wie ist der Erlebnisraum finanziert?

Thomas: Wir sind von öffentlicher Seite – wenn ich das so sagen darf – unterfinanziert. Wir bekommen eine Basisfinanzierung der Hansestadt Lübeck. Aber alles, was Sie hier im Geschichtserlebnisraum sehen, was zum Anfassen und zum Ansehen ist, ist von einer Stiftung, Spenden und Sponsoren getragen. Und unser Klosterprojekt: Da haben wir inzwischen über 700’000 Euro eingeworben. Beim Klosterprojekt ist uns die Bildung wichtig. Und so bauen wir mit Ausbildungsstätten aus der Region, mit Berufsschulen, Auszubildenden und Wandergesellen. Es war auch ein Wandergeselle aus der Schweiz da, ein Maurer aus Luzern.

Machen hier die Kirchen ebenfalls mit?

Thomas: Nein, das ist ganz wichtig. Wir sind nicht konfessionell gebunden. Die neu aufgebaute mittelalterliche Wandstab-Kirche St. Nicolai ist zwar offiziell in den Dienst gestellt und wurde von der letzten Bischöfin in Lübeck auch eingeweiht. Wir sind auch als Aussenkapelle der Kirche Dreifaltigkeit nebenan aufgeführt. Aber wir sind kirchenunabhängig.

Klosterbaustelle der Kirche St. Nicolai in Kücknitz bei Lübeck (D)
Klosterbaustelle der Kirche St. Nicolai in Kücknitz bei Lübeck (D)

Finden hier auch kirchliche Feiern statt?

Thomas: Es darf getauft und geheiratet werden, auch können Gottesdienste stattfinden. Aber, wir sind nicht an die Kirche gebunden. Dennoch ist Pastor Iwer Rinsche ein Teil der Geschichte von diesem Ort geworden. Bis zu seinem Tod 2014 war er unser erster Vorsitzender, Vorbild und Motivator. Seine Weihnachtsandachten sind legendär und in unserem kollektiven Gedächtnis eingebrannt. Er suchte auch den Namen der Kirche «St. Nicolai» aus und wünschte sich diese Malereien aus Zillis, die dann 2018 umgesetzt wurden.

Wäre es nicht sinnvoll, wenn die Kirchen sich hier finanziell beteiligen würden?

Thomas: Manchmal stehe ich der heutigen Kirche kritisch gegenüber – auch wenn ich noch Mitglied bin. Und das, was wir heute hier als Sozialarbeitende machen, haben früher die Kirchen übernommen. Wir sind heute hier im Gemeindewesen so aktiv, dass wir Geld von der Hansestadt Lübeck erhalten.

Thomas Frank mit Besucher:innen der St. Nicolai Kirche von Kücknitz (D)
Thomas Frank mit Besucher:innen der St. Nicolai Kirche von Kücknitz (D)

Welche Gruppen betreuen Sie als Sozialarbeitende?

Thomas: Wir betreuen nicht nur Kinder und Jugendliche aus eher schwachen sozialen Gefügen. Wir haben genauso Rentner und Senioren, wir haben Menschen mit Fluchterfahrungen, Menschen mit Behinderungen, die hier täglich vorbeikommen. Sie erleben hier einen Heimathafen und lebendigen Sozialraum. Früher war das die Aufgabe der Kirche als Mittelpunkt im Dorf. Heute nehmen wir diese Rolle als als Sozialarbeiter-Team wahr.

Mich fasziniert der Gedanke, dass überall Klöster aufgegeben werden und hier wird eins neu aufgebaut wird.

Thomas: Kirchen werden rückgebaut und entwidmet. Wir hingegen bauen eine nichtkonfessionelle Kirche aus dem 12. Jahrhundert wieder auf. Hier ist Kirchengeschichte ohnehin spannend. Historisch gesehen, war die damalige Zeit auch kein Ruhmesblatt für die Kirche. Es handelt sich hier um ein urslawisches Gebiet. Die Slawen verehrten ihre eigenen Gottheiten. Dann kamen die Christen, haben deren Götter verbrannt und die Menschen gezwungen, das Christentum anzunehmen. Nicht nur die Ruhmesgeschichte sollten wir hören: Heinrich der Löwe, der als Stadtgründer gepriesen wird, verfolgte rein wirtschaftliche Interesse in der Region und hat die slawischen Gottheiten verdrängt. Wir sollten deshalb auch die «andere Geschichte» lesen.

Szenen aus dem Alten Testament in der Kirche St. Nicolai von Kücknitz (D)
Szenen aus dem Alten Testament in der Kirche St. Nicolai von Kücknitz (D)

Sind christliche Werte heute wieder gefragt?

Thoms: Es gibt christliche Werte, auf die sich alle Menschen einigen können, die man in jeder Religion wieder findet: bei den Muslimen ebenso wie bei den Buddhisten. Es gibt gewisse gemeinsame Grundwerte. Dafür steht hier auch ein wenig unsere Kirche in Kücknitz. Wir haben deshalb auch einen nachgestickten Bildteppich aus dem 12. Jahrhundert integriert, der heute im Museum von Stockholm hängt, als ein Zeichen des Übergangs. Als ein positives Beispiel, dass auch das Christentum es zulassen kann, Traditionen aus anderen Religionen einzubinden. Auf dem Wandteppich sieht man oben links die alten Gottheiten Odin, Thor und Freyer in einer Art von friedlichem Nebeneinander. Hier können wir aus der Geschichte lernen und auch ein Zeichen setzen.

Weitere Informationen finden sich auf der Webseite zum Geschichtserlebnisraum in Kücknitz (D) und in einer Fernsehreportage des NDR.

*Thomas Frank ist Mitgründer des Projektes «Erlebnisraum Roter Hahn».


Frank Thomas in der nachgebildeten Kirche von Kücknitz | © Sabine Zgraggen
18. Mai 2023 | 15:00
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