Bischof Charles Morerod bei einem Gottesdienst in der Kirche Christ-Roi in Freiburg.
Schweiz

Charles Morerod: «Als Bischof bleibt man für seine Priester verantwortlich»

Einem Priester droht die Ausschaffung, weil er eine Frau am Knie berührt haben soll. Charles Morerod, Bischof von Lausanne, Genf und Fribourg sieht Handlungsbedarf. «Seit 2018 bauen wir das Begleitprogramm für ausländische Priester aus», sagt er. Denn kulturelle Unterschiede könnten zu Missverständnissen führen – und zu übergriffigem Verhalten.

Annalena Müller

Wird im Bistum Lausanne, Genf, Fribourg mit zweierlei Mass gemessen?

Charles Morerod: Worauf wollen Sie hinaus?

Einerseits verfolgt das Bistum eine Null-Toleranz-Politik. Weswegen einem Priester in der Waadt die Ausschaffung droht. Andererseits gibt es den Fall des Priesters V. Dieser hat nachweislich Konversionstherapien geleitet. Und er soll einen Ministranten missbraucht haben….

Morerod: Ja, ich weiss, welchen Fall Sie meinen. Von dieser Konversionstherapie – wenn man das so nennen will – gibt es ein Video, das ohne das Wissen von V. aufgenommen wurde.

«Wir können Menschen nicht auf Basis von Verdächtigungen kündigen.»

V. ist immer noch Priester…

Morerod: Ja, weil weder die polizeiliche noch die staatsanwaltliche Untersuchung Beweise für einen sexuellen Übergriff gefunden hat. Wir können Menschen nicht auf Basis von Verdächtigungen kündigen. Das wäre unrechtmässig.

Auch im Fall des Priesters in der Waadt gibt es keine Beweise – dennoch wurde ihm gekündigt. Eine Frau warf ihm vor, bei einem Seelsorgegespräch von ihm am Knie berührt worden zu sein. Es droht ihm sogar die Ausschaffung. Empfinden Sie das nicht als ungerecht?

Morerod: Die Situation ist eine andere. Erstens: im aktuellen Fall laufen die Untersuchungen noch. Wir wissen nicht, was diese ergeben werden. Zweitens: ich habe nicht gesagt, dass er gehen muss. Ich habe den Fall, so wie er mir bekannt ist, seinem Ortsbischof beschrieben. Auch habe ich ihn gefragt, was er unternehmen möchte, falls sich die Anschuldigungen bewahrheiten sollten. Und drittens: Es gibt zwei Unterschiede zwischen V. und dem Priester aus dem Waadtland.

«Ohne Schuldbeweis muss ich ihm eine Arbeit geben.»

Welche?

Morerod: Zum einen, dass der Fall von V. abgeschlossen ist, während der andere noch läuft. Zum anderen die Bistumszugehörigkeit. V. wurde in meinem Bistum geweiht, er ist also hier inkardiniert. Ohne Schuldbeweis muss ich ihm eine Arbeit geben. Der Priester in der Waadt hingegen ist in einem aussereuropäischen Bistum* inkardiniert.

Bedeutet das also, dass V. Ihre Verantwortung ist, der Priester der Waadt hingegen nicht?

Morerod: Als Bischof bleibt man für seine inkardinierten Priester verantwortlich. Egal wohin diese entsandt werden. Wenn ein Priester hierzulande nicht mehr haltbar ist, ist es meine Pflicht seinen Heimatbischof über die Gründe zu informieren. Und dieser entscheidet dann weiter. Für «meine» Priester gilt, wenn es keine Beweise gibt, kann ich sie nicht einfach absetzen.

Priesterweihe
Priesterweihe

In der Schweiz ist die Landeskirche der zivile Arbeitgeber der meisten Priester – so auch im Fall des Waadtländer Priesters. Wie sehen Sie die Arbeit der «Fédération ecclésiastique catholique romaine du canton de Vaud» (FEDEC) in diesem Fall?

Morerod: Die FEDEC unterhält eine eigene rechtliche Abteilung, welche den Fall untersucht. Ich habe nicht die gleichen Möglichkeiten. Allein deshalb, weil das Bistum über kein vergleichbares Budget verfügt. Da nur sehr wenige Leute direkt beim Bistum angestellt sind, ist das auch nicht nötig. Die kirchlichen Arbeitgeber in der Diözese LGF sind die kantonalen Körperschaften, die Seelsorgeeinheiten und manchmal die Pfarreien selbst. Die Gegebenheiten sind in den einzelnen Kantonen so unterschiedlich, dass ich die Arbeitgeber ihre Dinge selbst regeln lasse.

«Die Kantonalkirche hat als Arbeitgeber sehr viel Einfluss. Zum Teil mehr als der Bischof.»

In dem Fall in der Waadt geht es um mehr als um rechtliche Zuständigkeiten. Kulturelle Unterschiede in der Kommunikation scheinen eine wichtige Rolle zu spielen. Wie bereitet die Diözese Lausanne, Genf und Freiburg ausländische Priester auf die Arbeit in der Schweiz vor?

Morerod: Priester, die aus dem Ausland zu uns kommen, werden in ihrem ersten Jahr begleitet. Sie treffen sich monatlich, um allgemeine Dinge, aber auch konkrete Probleme zu besprechen. Aktuell arbeiten wir daran, die Zahl der Treffen zu erhöhen. Wir denken auch darüber nach, den Zeitraum der Begleitung zu verlängern. Dieses Angebot müssen übrigens alle ankommenden Priester wahrnehmen – egal woher sie kommen. Dieses Jahr sind es einige Priester aus Afrika, einer aus Polen und zwei Franzosen.

«Es gibt hierzulande einige Besonderheiten.»

Was ist der Zweck dieses Begleitangebotes?

Morerod: Sie werden mit den Gepflogenheiten der Schweizer Kirche vertraut gemacht. Es gibt hierzulande einige Besonderheiten. Das duale System zum Beispiel. In der Schweiz hat der Priester immer mit einer weiteren Instanz zu tun. Die Kantonalkirche hat als Arbeitgeber sehr viel Einfluss. In Bereichen der Arbeit und des Arbeitsrechts zum Teil mehr als der Bischof. In der Schweiz übernehmen auch Laiinnen und Laien Verantwortung. Ihre pastorale Arbeit geht Hand in Hand mit der des Priester. Das ist vielen ausländischen Priester unbekannt. Je nach Herkunftsregion sind die guten ökumenischen Beziehungen, die wir hier untereinander pflegen, für viele Priester neu und ungewohnt. Sie kommen mitunter aus Gegenden, in denen es sehr starke anti-katholische Bewegungen gibt. Das ist bei uns ja Gott sei Dank anders.

Priester (Symbolbild)
Priester (Symbolbild)

Das vorhandene Angebot scheint aber nicht auszureichen, wenn es Priester gibt, die nicht wissen, dass man jemanden bei einer Unterhaltung nicht berühren darf…

Morerod: Es ist illusorisch anzunehmen, dass ein Priester sich durch ein paar Gespräche von heute auf morgen all der kulturellen Unterschiede bewusst wird. Besonders da, wo die Unterschiede gross sind. Es ist komplex, weil man sich selbst gerade der subtileren Dinge, der vielen Nuancen im Umgang miteinander, gar nicht bewusst ist. Das gilt nicht nur für einen Priester aus Afrika oder Indien. Sondern auch für Sie und mich.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Morerod: Ich habe mehrere Jahre in Italien gelebt. Und irgendwann kannte ich das Leben dort gut. Aber es hat trotzdem Jahre gedauert, bis mir und meinen Schweizer Mitbrüdern etwas Zentrales aufgefallen ist. Nämlich, dass wir mit den Angestellten unseres Wohnheims einen anderen Umgang pflegten als Brüder, die aus anderen Ländern kamen. Die Schweizer Kultur ist egalitärer als viele andere. Das gilt auch für das Selbstverständnis von Klerikern und dem Umgang mit Laien und Laiinnen.

Charles Morerod hat mehrere Jahre in Rom gelebt
Charles Morerod hat mehrere Jahre in Rom gelebt

Bewusstsein schaffen ist also ein Prozess…

Morerod: Ja. Und er hat viele Nuancen. In beide Richtungen. Also, selbst wenn ein Priester aus einem anderen Land theoretisch weiss, dass man in der Schweiz zurückhaltend und distanziert kommuniziert. Und selbst wenn er – aus seiner Perspektive – viel distanzierter kommuniziert, als es für ihn normal wäre. Dann kann es trotzdem sein, dass seine Kommunikation von Einheimischen anders wahrgenommen wird.

Welche Lösungen gibt es dafür?

Morerod: Das Bewusstsein für kulturelle Unterschiede muss auf beiden Seiten wachsen. Und wie gesagt: wir bauen aktuell das Begleitprogramm für ausländische Priester aus. Ein Jahr ist eventuell zu kurz.

Kann auch der neue Verhaltenskodex helfen?

Morerod: Das hoffen wir. Der Kodex hat ein anderes Ziel als die Charta gegen sexuellen Missbrauch, welche Seelsorgende im Bistum LGF bereits seit 2019 unterschreiben müssen. Im Gegensatz zur Charta geht der neue Verhaltenskodex auch auf Machtmissbrauch ein. Das ist wichtig. Der Kodex lässt keinen Raum mehr für Mehrdeutigkeit. Wobei ich das Bistum nicht mit fremden Federn schmücken will – die Vorarbeit wurde in Chur geleistet. Wir haben den Churer Kodex zu grossen Teilen übernommen.

Konservative Priester haben ihn bekämpft und müssen ihn nun nicht unterschreiben: Churer Verhaltenskodex
Konservative Priester haben ihn bekämpft und müssen ihn nun nicht unterschreiben: Churer Verhaltenskodex

Wenn man die Texte von Chur und Deutschfreiburg vergleicht, dann hat Freiburg eine abgeschwächte Version. Der Churer Text ist deutlich strikter, wenn es um Einflussnahme der Seelsorgenden auf die Sexualität der Gläubigen geht. Warum?

Morerod: Ich habe die Textarbeit nicht gemacht, daher kann ich nur unter Vorbehalt antworten. Mein Eindruck ist, dass das Freiburger Team die negativen Reaktionen einiger Priester im Bistum Chur berücksichtigt hat. Was Sexualität angeht, so muss ein Priester etwa im Ehevorbereitungsgespräch diese ansprechen können. Gelebte Sexualität ist zentraler Bestandteil der Ehe, damit sie gültig ist. Ansonsten gilt aber auch in meiner Diözese: Das Intimleben einer Person geht den Priester nichts an. Wenn ein Priester das Gespräch darüber sucht, ist das voyeuristisch, eine Form von spiritueller Gewalt. Auch ist absolut klar, dass kein Priester oder Seelsorgende «Therapien» gegen Homosexualität empfehlen darf. Das wäre nicht nur falsch, sondern auch gefährlich.

*Der Name des Bistums wurde im Gespräch genannt. Aus Gründen der Anonymität nennt die Redaktion ihn hier nicht.

Charles Morerod (61) ist seit 2011 Bischof von Lausanne, Genf und Freiburg.


Bischof Charles Morerod bei einem Gottesdienst in der Kirche Christ-Roi in Freiburg. | © Laurent Crottet
14. April 2023 | 12:17
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