Die Webseite rulingwomen.ch
Konstruktiv

Zum Weltfrauentag: Die Machtlosigkeit von Frauen in der Kirche ist geschichtlich neu!

Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit übten Nonnen und Äbtissinnen weitreichende Macht aus. Sie konnten sogar Bischöfen gleichgestellt sein und wiesen diese in die Schranken. Die Website rulingwomen.ch stellt einige mächtige Kirchenfrauen vor.

Annalena Müller*

Von Haus aus bin ich Mittelalterhistorikern. Vor meinem Wechsel zu kath.ch habe ich mich über ein Jahrzehnt mit Frauenklöstern und ihrer vergessenen Macht beschäftigt. Zu dem Thema habe ich zwei wissenschaftliche Bücher geschrieben. Das neueste erscheint Ende Jahr. Weil das Thema aber nicht nur für eine akademische Fachwelt interessant ist, gibt es seit letztem Jahr auch eine Webseite. 

Die Welt der Nonnen entdecken

Die Webseite rulingwomen.ch richtet sich an ein breites Publikum. Vorkenntnisse sind nicht nötig. Besucherinnen und Besucher können sich hier ganz allgemein über das Klosterleben im Mittelalter informieren. Über den typischen Aufbau einer Klosteranlage. Den Tagesablauf der Nonnen. Was sie gegessen und getrunken haben. Und was junge Mädchen in der Klosterschule lernten.

Annalena Müller
Annalena Müller

Anhand von sechs Klöstern, darunter das Zürcher Fraumünster und das Basler Klingental, erzählt die Webseite die Geschichte starker Kirchenfrauen aus knapp acht Jahrhunderten. Zum Beispiel die Geschichte der Abtei und der Äbtissinnen des Fraumünsters. Sie waren im Mittelalter die Stadtherrinnen von Zürich. 

Das Leben im Kloster
Das Leben im Kloster

Oder die Geschichte der Nonnen des Basler Klingentals. Diese gehörten zu den wichtigsten Kreditgeberinnen der Region. Nicht nur Basler Bürger liehen sich bei den Frauen immer wieder Geld. Im Jahr 1378 borgte sich die Stadt Freiburg i.Ü. die hohe Summe von 270 Goldgulden. Die Klingentalerinnen waren hervorragende Wirtschafterinnen. Sie machten das Kloster zum reichsten der Stadt.

Äbtissinnen konnten sehr mächtig sein

Im Mittelalter kamen Äbtissinnen oftmals zu viel Macht. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kirchlich. So beriefen die Äbtissinnen der spanischen Abtei Las Huelgas Synoden ein. Und sie erteilten Ehedispense – sie konnten also Eheschliessungen erlauben, obwohl zum Beispiel eine nahe Verwandtschaft des Paars vorlag. 

Klosterkirche Klingental
Klosterkirche Klingental

Auch übten viele Äbtissinnen weltliche Macht aus. Die Äbtissin des Fraumünsters war qua Amt auch Reichsfürstin. Sie hatte also Stimmrecht im Reichstag – einer Art Parlament des Heiligen Römischen Reichs. 

Frauen waren früher ein mächtiger Teil der Kirche

Entsprechend verfügten diese Frauen über ein ausgeprägtes Standesbewusstsein. Und so kuschten sie auch vor einem Bischof nicht. Es gibt viele Fälle, in denen sich Bischof und Äbtissin um Vorrechte stritten. Und meistens gewannen die adeligen Frauen.

Äbtissin im Kloster Fraumünster, Zürich: Elisabeth von Wetzikon (Codex Manesse)
Äbtissin im Kloster Fraumünster, Zürich: Elisabeth von Wetzikon (Codex Manesse)

Zum Weltfrauentag lade ich Sie herzlich ein, einen Blick auf die Webseite zu werfen. Sie möchte einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass wir die Kirchenfrauen von gestern nicht vergessen. Und sie soll uns daran erinnern, dass Frauen früher ein mächtiger Teil der Kirche waren. Und dass ihre heutige Machtlosigkeit – geschichtlich gesehen – neu ist.

Die Website rulingwomen.ch haben Annalena Müller und Agnes Schormann mit Unterstützung der Katholischen Kirche im Kanton Zürich und Basel-Stadt sowie dem Schweizerischen Nationalfonds realisiert. Annalena Müller arbeitet seit dem 1. März 2023 als Redaktorin bei kath.ch. 


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8. März 2023 | 07:12
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