Fridolin am Scheideweg: «Die Exilerfahrung verbindet uns»
Beat Näfs (65) Weg zum heiligen Fridolin ist sehr persönlich. Eine Krise hat den Althistoriker dahin gebracht. Eine Begegnung mit einem, für den Gefühl und Verstand, Glaube und Tat zusammengehören – zum heutigen Gedenktag des heiligen Fridolin.
Annalena Müller
Beat Näf ist Historiker, Wissenschaftler, Intellektueller und sensibel. Das merkt man in den Gesprächen mit ihm schnell. Der Professor der Uni Zürich im Ruhestand denkt schnell und scharf. Und zugleich sind da immer Emotionen. Gefühl und Verstand – das gehört bei ihm zusammen. So auch Wissenschaft und das, was als Glaube bezeichnet wird.
Interesse für Fridolin
Seine Ehe ging auseinander und Näf ins Exil. Emotional und geografisch. Geografisch: Er zog aus dem Haus aus, das er für seine Familie gebaut hatte und nahm sich eine Wohnung in Aarau. «Aarau war Zufall. Ich habe hier zufällig eine Wohnung gefunden. Es ist nicht ganz einfach, eine passende Wohnung zu finden». Emotional: weil er die Trennung nicht wollte.
Geholfen hat ihm in dieser Zeit unter anderen ein Schulfreund. Sein Name: Fridolin. «Er hat mich aufgerichtet.» Seit Ende letzten Jahres widmet sich der Wissenschafter Beat Näf dem Namenspatron des Freundes, dem heiligen Fridolin.
Fridolin, Balther und das Exil
Bis zu diesem Zeitpunkt kannte Näf die Legende des heiligen Fridolin nicht wirklich. Der Legende nach war Fridolin († um 540) ein iro-schottischer Wandermönch, der zunächst im französischen Poitiers und dann auf dem Gebiet der heutigen Schweiz aktiv war. Er ist Gründer des Klosters Säckingen.
Verfasser von Fridolins Vita ist Balther. Auch er hat Exil erfahren. Später hat er die Lebensgeschichte des Klostergründers geschrieben. Balther wurde gezwungen, das Kloster St. Gallen zu verlassen. Sein Exil brachte ihn ebenfalls zunächst nach Poitiers und dann ins Kloster Säckingen. Dort war er als höriger Mönch den dortigen Nonnen unterstellt. Für sie hat er die Lebensgeschichte des Klostergründers geschrieben – Mansplaining der ersten Stunde, quasi.
Engagement für Flüchtlinge
Näf stürzt sich in die Arbeit. Er denkt und schreibt über Fridolin. Er knüpft Kontakte und organisiert Veranstaltungen. Für September hat er eine dreitägige Tagung* zum Thema Fridolin, Bad Säckingen und Frauenklöster organisiert. Und er engagiert sich in der Flüchtlingsarbeit.
Flüchtlinge leben im Exil. Abgeschnitten von ihrer Heimat und ihren Lieben. Im Rahmen des Netzwerks Asyl Aargau in Aarau unterrichtet Näf Deutsch. Er will auch die hiesige Kultur vermitteln. Mittels Fridolin. Aber da stösst er an Grenzen. Denn Geschichte und Kultur sind komplex. Und die Sprachkenntnisse vieler Geflüchteter sind begrenzt. Näf organsiert deshalb auch Sporttreffs. Daran kann man auch mit geringen Deutschkenntnissen teilnehmen.
Glaube als Methode
Dass Beat Näf das Emotionale nicht vom Intellektuellen trennt, merkt man auch an seinem Religionsverständnis. Er versteht sich als Katholik. Der Glaube gebe ihm Methoden an die Hand, um mit Kontingenz umzugehen, sagt Näf. Systemtheoretiker wie Niklas Luhmann verstehen unter Kontingenz die prinzipielle Unsicherheit menschlicher Lebenserfahrung. Solche Unsicherheiten können der Tod eines Nächsten sein. Oder die Trennung, die man nicht wollte.
Der Glaube erlaube es ihm, mit den Kontingenzen in seinem Leben umzugehen. Haltgeben könne er ihm aber nicht. Glaube sei, wie die Philosophie, zu weit weg von den konkreten Problemen, die man hat. «Wenn man sein Handy verliert, muss man es auch selbst suchen. Dann hilft es nicht zu sagen, Gott wird mir schon helfen». Glaube als Methode. Konkrete Probleme aber muss man selbst lösen.
Gebet als Technik
Ähnlich versteht Näf das Gebet. Er betet täglich. Es erlaubt ihm, Vertrauen zu gewinnen und sich auf diejenigen Dinge zu konzentrieren, die er beeinflussen kann. Das Gebet hat ihm geholfen, mit den Schmerzen nach der Trennung klarzukommen.
Und zwar im Sinne einer philosophischen «Conversio». Eine Bekehrung im Sinne einer Umkehrung des Denkens, was ihm erlaubt, Dinge anders zu sehen. Gebet ist für ihn eine Technik zur Erkenntnis. Kein Verfahren, dass die zu leistende emotionale Arbeit auf Gott abwälzt.
Entzauberte Religion
Nicht jeder teilt Näfs philosophisches Religionsverständnis. Neulich hat er einen Gebetskreis in Aarau besucht. Alle glaubten hier an die Wirkung von Gebeten. Für Näf haben Gebete aber nichts Magisches. Die Vorstellung, dass Gott einem hilft, hält er für eine Anmassung. Weil man dann Gott für sich gebrauchen würde. Hierin sieht Näf eine «Misere der Religion». Und er verweist nochmals auf das verlorene Handy, das man ja auch selbst suchen müsse.
* Die Tagung «Fridolin – Geschehen neu verstehen» findet vom 21. – 23. September 2023 in Stein AG und in Bad Säckingen (D) statt. Sie ist offen für alle.
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