WEF in Davos: Stille inmitten des Trubels
Religion und Glauben spielen keine grosse Rolle beim World Economy Forum in Davos. Dennoch gibt es einen Gebetsraum. Und auch ein Raum für stillende Mütter ist eingerichtet – beide sind ähnlich stark frequentiert.
Magdalena Thiele
Es gibt ihn tatsächlich, den Prayer Room. Etwas versteckt am hinteren Ende des Seitenflügels der grossen Kongresshalle des World Economy Forums (WEF) in Davos. Zwei Stühle, vier Kissen, ein Teppich und eine Zimmerpflanze aus Papier kleiden die quaderförmige Kammer ohne Tageslicht aus. Mehr würde auch kaum hereinpassen.
Ein Papierschild am Boden weisst die Richtung nach Mekka. Alles ist bereit für ein Gebet, einen Moment der Stille an den geschäftigen Konferenztagen beim WEF.
Diesen Moment hatte am Mittwoch kaum jemand. Unter anderem wurden der Generaklsekretär der Vereinten Nationen, Antonio Guterres, und der deutsche Kanzler, Olaf Scholz, in Davos erwartet. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyi hat sich aus Kiew per Videobotschaft an die Wirtschaftsbosse dieser Welt gerichtet und sie um Unterstützung für seine vom Krieg gegeisselte Heimat gebeten. Daneben galt es, wie schon die Tage zuvor, Kontakte zu knüpfen und Deals abzuschliessen.
Hinliegen und Augen schliessen
Gegen 16.30 Uhr betrat am Mittwoch dann doch noch ein Gast den Gebetsraum. Eine katholische WEF-Teilnehmerin aus der Karibik ist hergekommen, um einen Moment innezuhalten. Sie hat sich auf den Rücken gelegt und die Augen geschlossen. Kurz vor ihr sei aber noch ein Mann zum Beten dort gewesen, erzählt sie.
Ansonsten bleibt es ruhig im Prayer Room und auch nebenan. Noch einsamer wirkt nur die Tür gegenüber mit der Aufschrift «Mothers Room». Hier soll Gelegenheit zum Stillen gewährt werden. Allerding fehlen die stillenden Mütter und die dazugehörigen Kleinkinder gänzlich beim WEF. Sollte doch eine Mutter beim WEF sein, wäre er jedenfalls da, der Mothers Room. Neben dem ganzen Trubel gibt es sie jedenfalls tatsächlich: die Orte der Stille auf dem hektischen Kongressgelände.
Und dann wird am Abend doch noch ein Gebet gesprochen. Die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Davos lädt in dieser Woche zum abendlichen Schweigen und Beten in den verschiedenen Kirchen. In der reformierten St. Johann-Kirche haben sich am Mittwochabend zehn Personen eingefunden, um ihre Gebete zum WEF zu schicken. Vor dem Altarraum ist ein Fürbittenbaum aufgestellt. Daran hängen Wünsche – auch in Richtung Kongresszentrum: May the leaders of the world do right by the people who have entitled them to lead. Zu deutsch: Mögen die Anführer dieser Welt denen gerecht werden, die sie zu Anführern gemacht haben.
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