Sie war eine betende Künstlerin: Luzern trauert um Eva Zwimpfer
Die Luzerner Künstlerin Eva Zwimpfer ist am Freitag im Alter von 96 Jahren gestorben. Das bestätigte ihr Sohn gegenüber kath.ch. Religion war ein wichtiges Thema für die Künstlerin. Bis zuletzt hatte die Kokoschka-Schülerin viele Ideen – doch keine Kraft mehr. Vor dem Sterben hatte sie keine Angst: «Jesus, ich vertraue auf dich». Über eine letzte Begegnung kurz vor ihrem Tod.
Eva Meienberg
«Da ist der Teufel drin», sagt Martin Zwimpfer und öffnet den Deckel eines Weidekorbes. Darin liegt eine rote Plastilin-Figur mit dunklen Augen, langen Gliedern und Hörnern. Der Teufel liegt begraben unter rostigen, angelaufenen Gabeln – er ist ausser Gefecht gesetzt. Eine zweite Installation bekräftigt dies: «’Der Teufel existiert nicht’, sagt der Herr Professor Dr. theol.»
Kunst mit Fundstücken
Die Objekte liegen neben vielen anderen in der ehemaligen Stube des Wohnhauses der Luzerner Künstlerin Eva Zwimpfer. Ihr Sohn Martin Zwimpfer führt mich im November 2022 durch den Zwimpfer-Kosmos am Rosenberg, wo er sich um seine Mutter und um ihr künstlerisches Werk kümmert.
In letzter Zeit lebt die 96-jährige Eva Zwimpfer die meiste Zeit im oberen Stockwerk des Hauses. Sie ist nicht mehr gut zu Fuss. An diesem nasskalten Wintertag sitzt sie in ihrem grossen, gepolsterten Sessel und schaut aus dem Fenster auf die Quartierstrasse. In diesem Zimmer hat sie noch bis vor zwei Jahren gearbeitet. Damals lagen Berge von Fundstücken auf dem Tisch, bereit für ein zweites Leben als Kunstobjekt.
Eine geübte Seherin
«Ich beobachte die Leute», sagt die hochbetagte Frau. Draussen ist nicht viel los. Ihr Blick schweift durch Häuser und Bäume hindurch ins Weite. Während des Gesprächs wird Eva Zwimpfer müde, ihr Oberkörper neigt sich immer mehr nach vorne. Auf meine vielen neugierigen Fragen hat sie nur wenige Antworten.
Eva Zwimpfer war eine Meisterin im Finden und eine geübte Seherin. Woran andere achtlos vorbei gingen, daran blieb der Blick der Künstlerin hängen. Ein Stück Gipswand mit herausragenden Strohhalmen, verbrannte Papier-Fetzen, Schwemmholz und Tetrapacks wurden in den Händen der Künstlerin zu kunstvollen Objekten.
«Betende Hände» mit einer Kerze aus Lourdes
Etwa die bordeauxroten Frauenhandschuhe aus Satin, die sie mit Watte ausgestopft und mit hellblauer Packschnur Handfläche auf Handfläche zusammengebunden hat. Zwischen den Händen steckt eine weiss-blaue Stabkerze aus Lourdes. Die ‘Betenden Hände’ befinden sich heute in der Sammlung des Kunstmuseums Luzern.
Die Stimme von Eva Zwimpfer kratzt. Viel hat sie heute noch nicht gesprochen. Besuch bekomme sie selten, sagt Eva Zwimpfer. Gemeinsam schauen wir Fotografien ihrer Exponate im Kunstmuseum an. «Ein schönes Objekt», sagt die Künstlerin und betrachtet ihre Kunst, als stamme sie nicht von ihr. Was sie sich damals beim Machen dachte, weiss sie heute nicht mehr.
Sie schätzte Teresa von Avila
In einem Dokumentarfilm über Eva Zwimpfer aus dem Jahr 2007 sagte die damals 81-Jährige über ihr Kunstschaffen: die Kunst passiere einfach, sie folge dabei ihren Impulsen. Sie sei von Natur aus einfach. «Ich bin echt und kann nicht tun als ob.»
In der Kunst von Eva Zwimpfer gibt es zahlreiche religiöse Bezüge. Darauf angesprochen, sagt die Künstlerin mit Bestimmtheit: «Ich bin religiös.» Bis zum Beginn der Corona-Pandemie sei sie am Sonntag in die Kirche gegangen. Am Abend vor dem Schlafen bete sie. Zum Beispiel zum Heiligen Antonius oder zur Heiligen Teresa von Avila, zu der sie ein Objekt gestaltet hat.
Sommerakademie bei Oskar Kokoschka
Ein abgeschnittener Ärmel eines Männerhemdes, festgemacht auf einem Stück Holz bildet den Habit der heiligen Teresa. Die Manschette des Hemdes ist zum Schleier gefaltet und umrahmt ein fahles Gesicht, das auf den Ärmel aufgemalt ist.
Auf Höhe der Brust der Heiligen befindet sich ein weiteres Stück Stoff, das mit zahlreichen kreuzförmig angeordneten Stecknadeln angeheftet ist. Rötlich gefärbt, erinnert es an Schmerz und Blut.
Eva Zwimpfer wollte Bildhauerin werden, was ihr der Vater, Oberst der Schweizer Armee, nicht erlaubte. So wurde sie Lehrerin, bildete sich aber in ihrer Freizeit in Kursen künstlerisch weiter. Höhepunkte waren die zweimalige Teilnahme an der Sommerakademie bei Oskar Kokoschka in Salzburg.
Die Tochter Paula erzählt: «Wenn unsere Mutter Sehnsucht nach dem Kunstmachen hatte, holte sie das Buch mit der Widmung von Oskar Kokoschka. Zwischen den Seiten des Buches steckt eine Fotografie, die Eva Zwimpfer mit ihrem berühmten Lehrer zeigt. Weitere Kurse führten die Künstlerin nach Paris und Oxford.
Erst Kinder, Kirche, Küche – dann Karriere
Mit 37 Jahren lernte Eva Zwimpfer ihren zukünftigen Mann kennen, der an der gleichen Schule unterrichtete wie sie. In den Jahren darauf kamen ihr Sohn Martin und ihre Tochter Paula zur Welt.
«In dieser Zeit war unsere Mutter ganz Familienfrau», sagt Martin Zwimpfer. Nach der Geburt der Kinder habe sie nicht mehr als Lehrerin gearbeitet. Eines der Bilder, das an der Wand lehnt, zeigt drei durchgestrichenen Wörter: «Kinder», «Kirche», «Küche». Eva Zwimpfer hat das Bild mit «Karriere. La donna è mobile» betitelt.
«Ideen hätte ich immer noch»
Auf der rechten Seite des Bildes klebt ein flaschengrünes Stück Papier, das sich wie eine Wolke auf dem Blatt auszubreiten scheint und vielleicht den Wunsch der Familienfrau verbildlicht, auch in dieser Familienphase Kunst zu schaffen – und sei es mit Küchenabfällen. Auf dem grünen Papier haften Eierschalen, Salzkristalle, Pfefferkörner und Zwiebelhäute. «Nach Daniel Spörri» steht neben der Collage und verweist auf die dreidimensionalen Stillleben, des Erfinders der Eat-Art.
Der Wunsch, künstlerisch tätig zu sein, hat Eva Zwimpfer ihr Leben lang begleitet. Erst spät gelingt ihr der Durchbruch. 1996, im Alter von 70 Jahren, erhält die Künstlerin den Anerkennungspreis der Stadt Luzern. Bis heute lässt Eva Zwimpfer die Kunst nicht los. Müde sitzt die hochbetagte Frau in ihrem Sessel und sagt: «Ideen hätte ich immer noch, aber das ist jetzt vorbei.»
«Hunderte Schutzengel»
Ich zeige Eva Zwimpfer ein weiteres Foto mit einem Objekt von ihr. Ein rosa Klumpen mit einem blauen Gummi und zu Schlaufen geformten Drähten hängt mit Packschnur an der Wand. Goldfolie und weisser Stoff bilden den Untergrund. An dieses Objekt erinnert sich die Künstlerin sofort. «Das ist der Schutzengel mit Brosche», sagt Eva Zwimpfer.
Die Künstlerin ist sich sicher, dass sie einen Schutzengel hat. «Nicht nur einen», sagt ihr Sohn. «Hunderte Schutzengel hat sie in ihrem Leben und vor allem in letzter Zeit gehabt.» Ein geplatzter Blinddarm in Kindertagen, eine überstandene Krebserkrankung und neuerdings zahlreiche Stürze habe sie dank des Schutzengels überstanden.
«Kraft und Zuversicht aus ihrem Glauben»
Rot glitzert ein Objekt auf der Kommode im Zimmer. Eva Zwimpfer hat aus roter Wolle mit Glitzereffekt eine Hülle gestrickt, das sie über ein Bild gezogen hat. Auf einer Banderole, die unten am Bild sichtbar ist, steht: «Jesus, ich vertraue auf dich». «Warum haben Sie das Bild verborgen?», frage ich Eva Zwimpfer. «Es ist eben ein Geheimnis», sagt die Künstlerin. Ausserdem wisse sie doch, was sich unter der Hülle verberge. «Ich muss das Bild nicht sehen.»
«Meine Mutter schöpft Kraft und Zuversicht aus ihrem Glauben», sagt Martin Zwimpfer. Sie sei sich sicher, dass sie ins Paradies kommen werde. Darum habe sie auch keine Angst vor dem Tod. Eva Zwimpfer doppelt nach: «Ich habe schon auf Erden ein Paradies, weil sich mein Sohn so gut um mich kümmert.»
«Miis tägliche Brod»
Im Dokumentarfilm aus dem Jahr 2007 wünschte sich die Künstlerin, einmal auf riesigen Leinwänden mit einem Besen zu malen. Tatsächlich konnte Martin Zwimpfer 2010 in der Kornschütte in Luzern seiner Mutter diesen Wunsch erfüllen. Die Erinnerung an ihre Bilder auf den grossen Leinwänden hat Eva Zwimpfer jedoch verloren.
Umso stärker sind die Erinnerungen an die Brote, die sie in ihrem Leben täglich gebacken habe. In einem schwarzen, runden Kuchenblech liegt ein Stück Schwemmholz. Die Form erinnert an ein Stück Brot. Am Rand des Blechs steht in weisser Schulschrift geschrieben: «Miis tägliche Brod».
Wer schön sein will, muss leiden. Wirklich?
Die Künstlerin schöpfte auch bei diesem Werk aus ihrem alltäglichen Fundus und kombinierte die Gegenstände liebevoll und mit einem feinen ästhetischen Gespür und veredelte sie mit kunsthandwerklichen Techniken. Entstanden sind subtile, witzige, tiefgründige Kunstobjekte. Besonders wichtig waren ihr die Titel ihrer Werke, die sie oft prominent beschriftete.
«In unserer Familie wurde nicht viel gesprochen», sagt die Tochter Paula. Themen rund um den Körper und die Sexualität habe ihre Mutter aber in ihrer Kunst verarbeitet. Nicht konzeptuell, sondern spontan, ihrer Eingebung folgend. Etwa indem Eva Zwimpfer ihre hochhakigen, schwarzen Riemchensandalen mit einem Wolle gestopften weissen Strumpf versah. Auf einen Blick wird klar, dass das Tragen des Schuhs schmerzhaft-unbequem sein muss. Die rot gefärbte Stelle bei den Zehen verstärkt diesen Eindruck. Wer schön sein will, muss leiden. Wirklich?
Reise nach Lourdes mit dem Schwiegersohn
«Grand brûlé dans l’eau de Lourdes» – «Brandopfer in Wasser aus Lourdes», heisst ein weiteres Werk von Eva Zwimpfer, in dem drei Objekte in einem Plastikbeutel mit Schlauch in Wasser eingeschweisst sind. Der Beutel liegt auf einem medizinischen Beistelltischchen.
Die Objekte im Beutel könnten eine zerbrochene Kerze und ein Blut getränktes Tuch sein. Eva Zwimpfer weiss nicht mehr, was im Beutel ist – aber sie erinnert sich an die Reise nach Lourdes mit ihrem Schwiegersohn. Die vielen kranken Menschen mit ihren Hoffnungen auf Heilung haben ihr Eindruck gemacht.
Mein Blick wandert immer wieder zu einem Plastiksack, der am Schlüssel eines Schrankes hängt. Darin liegt ein sichelförmiges Etwas mit schwarzen Knopfaugen. Um seinen Körper hat es ein Band, daran festgemacht ist das Bild einer Muttergottes mit Kind. Das Objekt erinnert mich an einen Embryo in seiner Fruchtblase. Da hängt er, wie ein Einkauf vom Quartierladen, vergessen an der Kastentür. Ein unfertiges Findelkind versehen mit dem Segen der Muttergottes.
Küchentücher liegen in einer Wiege wie kleine Wickelkinder
Eva Zwimpfer mag nicht mehr. Ich verabschiede mich von ihr und darf mich noch etwas umsehen in ihrem Haus. Farblich assortierte Gummis hängen an Nägeln. Eine trockene Rhododendren-Blüte steht in einem mit Steinen und Scherben gefüllten Glas, auf dem in weisser Farbe «Blume» steht. Sorgfältig gerollte Küchentücher liegen in einer Wiege wie kleine Wickelkinder. Gesammelte Wachsresten liegen in einer tönernen Schatulle.
Etwas melancholisch verlasse ich den Luzerner Rosenberg im Wissen, dass die Augen mit dem Blick für das Schöne im Alltäglichen nun in eine weite Ferne blicken. Dass die begabten Hände der Künstlerin schwer in ihrem Schoss ruhen und dass die Ideen von Eva Zwimpfer Ideen bleiben werden. RIP!
Eva Zwimpfer steht für Unbewusstes
«Seit dem Surrealismus, der prägenden künstlerischen Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, setzen sich viele Künstlerinnen und Künstler mit ihrer Psyche auseinander», schreibt das Kunstmuseum Luzern in seiner Dauerausstellung. «Während Meret Oppenheim ihre Träume akribisch aufschreibt, analysiert und Traumbilder an der Grenze von Realität und Fantasie ganz bewusst in ihr Werk einfliessen lässt, zeigt sich das Unbewusste in Eva Zwimpfers und Annemarie von Matts Arbeiten unvermittelter. Eva Zwimpfers Assemblagen aus alltäglichen Gegenständen verweisen auf subtile und heitere Weise auf Alltägliches, Spiritualität oder Schmerz.» (rr)
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