Auch ohne «Hand Gottes»: «Man darf als Fussballspieler durchaus für den Sieg beten»
Er ist nicht nur katholischer Priester im Wallis. Er spielt auch gerne Fussball in einer Mannschaft: Vitus Ugonna Nwosu (40). Der Seelsorger ist überzeugt, dass Gott auch beim Kicken hilft. Eine wichtige Erkenntnis wenige Wochen vor der Fussball-WM in Katar.
Wolfgang Holz
Herr Nwosu, Diego Maradona hat vor Jahren ein Tor gegen England bei einer Fussballweltmeisterschaft mit der Hand erzielt. Er sagte später: «Das war die Hand Gottes.» Ist das eine Notlüge gewesen, Gotteslästerung oder tatsächlich ein göttliches Tor?
Vitus Ugonna Nwosu: Es ist wahr, dass Gott nicht Teil von irgendetwas sein kann, das nicht richtig ist. Gott ist perfekt, fair und gerecht. Die Wahrheit ist, dass es ein Foulspiel war, aber der Schiedsrichter hat es nicht gesehen. Und damals war die Technologie nicht so, wie wir es jetzt mit dem VAR (Videoschiedsrichter, die Red.) haben. Den Namen Gottes in ein Foulspiel zu bringen, ist meiner Meinung nach fehl am Platz.
«Es war Maradonas Hand und nicht die Hand Gottes.»
Wie meinen Sie das?
Nwosu: Also, ohne jemanden zu verurteilen, würde ich sagen, dass Gott kein Komplize bei einer falschen Handlung sein kann, sei es auf dem Fussballplatz oder anderswo. Es war bedauerlich, dass das Viertelfinalspiel der Weltmeisterschaft am 22. Juni 1986 mit einem Foulspiel gewonnen wurde. Es war Maradonas Hand und gar nicht die Hand Gottes.
Endlich wissen wir Fussballfans das nun aus gesicherter Quelle. Viele Fussballspieler blicken zum Himmel und bekreuzigen sich, wenn sie ein Tor geschossen haben. Hilft Gott beim Torschiessen?
Nwosu: Sicher! Gott hilft uns immer im Leben – ob wir arbeiten, studieren oder spielen. Ich glaube, dass wir nicht dazu bestimmt sind, von dem, was wir glauben, getrennt zu sein. Wir tragen unseren Glauben mit uns und wir zeigen ihn in dem, was wir tun. Das soll nicht heissen, dass die menschliche Rolle von Gott gespielt wird.
«Ein Spieler muss gut trainieren, gut spielen und sich fit halten, während er Gott bittet, ihm die Gnade zu gewähren. »
Was wollen Sie damit sagen?
Nwosu: Das heisst: Gott hat nicht die Gewohnheit, für die Menschen das zu tun, was sie selbst tun sollten. Der Heilige Paulus schreibt im Korintherbrief: «Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber liess wachsen.» Auf den Fussball übertragen heisst das: Ein Spieler muss gut trainieren, gut spielen und sich fit halten, während er Gott bittet, ihm die Gnade zu gewähren, alles zu machen, wie er es geplant hat.
Das klingt hoffnungsvoll. Andere Spieler bekreuzigen sich, nachdem sie den Fussballplatz betreten und mit den Händen berührt haben. Ist das auch ein religiöses Ritual?
Nwosu: Ich denke, dass es in Ordnung ist, seinen Glauben auch auf dem Fussballplatz zu zeigen. Das kann ein kurzes Gebet sein. Wenn du betest und daran glaubst, wirst du mit Sicherheit Gnade von Gott empfangen, die dir bei jeder Aufgabe, die du in Angriff nimmst, hilft. Für einen Christen oder eine Christin bedeutet dies: Ich mache alles im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Andere Leute machen dies auf eine andere Art und Weise.
«Wenn ich Menschen begegne, trage ich immer mein Priestertum mit mir.»
Haben Sie als Stürmer des FC Ernen auch religiöse Rituale auf dem Platz?
Nwosu: Wenn ich Menschen begegne, trage ich immer mein Priestertum mit mir. Es geht darum, wer ich bin – in der Kirche, auf der Strasse oder auf dem Fussballplatz. Die Messe feiere ich sicher nicht auf dem Fussballplatz, aber ich habe dort oft wertvolle Gespräche geführt, und so entstanden direkt auf dem Fussballplatz Termine für einige Taufen und Eheschliessungen. Das Mitspielen beim FC Ernen gibt mir die Gelegenheit, mit den Jugendlichen zu sprechen und ihre persönlichen Probleme zu diskutieren. Die Beziehungen, die während des Fussballspiels entstehen, geben Vertrauen. Manchmal kommen meine Fussballkollegen zur Messe, weil ich ein oder mehrere Tore geschossen habe.
Das ist ja erstaunlich. Wie viele Tore haben Sie denn schon geschossen?
Nwosu: Ich weiss es nicht genau. Sicher mehr als 12 Tore. Ich spiele nicht immer, nur wenn ich es mit meinen Terminen vereinbaren kann.
«Fussball ist für mich ein Hobby, und als Priester ist es auch für mich eine Gelegenheit, die Leute zu treffen.»
Sie haben als Pfarrer ein enges Verhältnis zu Gott. Können Sie Gott beim Fussballspielen spüren? Hat er Ihnen auch schon mal geholfen?
Nwosu: Unser Katechismus lehrt uns, dass Gott überall ist. Wenn du dich Gott gegenüber öffnest, erlaubt er dir, ihm in jeder Lebenssituation zu begegnen. Gott hilft mir immer, und ich spüre Gott auch beim Fussballspiel. Fussball ist für mich ein Hobby, und als Priester ist es auch für mich eine Gelegenheit, die Leute zu treffen, wo sie sind. Die neue Definition der Kirche ist «das Volk Gottes». Für mich persönlich bedeutet dies: «Wo die Menschen sind, da ist die Kirche».
Was heisst das für Sie konkret?
Nwosu: Das heisst für mich: Auch Jesus war unter den Leuten. Deshalb spricht Papst Franziskus in seinem Evangelii Gaudium von der Kirche auf der Strasse. «Brechen wir auf, gehen wir hinaus, um allen das Leben Jesu Christi anzubieten! Ich wiederhole hier für die ganze Kirche, was ich viele Male den Priestern und Laien von Buenos Aires gesagt habe: Mir ist eine «verbeulte» Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Strassen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist.
«Sicherlich dachte Jesus nicht an eine Fussballmannschaft, als er die 12 Apostel versammelte.»
Sie erwähnen Jesus. Er hatte ja 12 Apostel. Das ist im Prinzip eine Fussballmannschaft mit Auswechselspieler. Wie sehen Sie das als Priester?
Nwosu: Sicherlich dachte Jesus nicht an eine Fussballmannschaft, als er die 12 Apostel versammelte. Zwölf in der biblischen Numerologie symbolisiert Gottes Autorität, Vollkommenheit und Macht. Es könnte mit Vollendung und Inklusivität in Verbindung gebracht werden, da es die 12 Stämme Israels repräsentiert. Man kann diese Zahl im weiteren Sinne als die Erweiterung des Aufrufs zur Jüngerschaft auf alle Nationen der Welt sehen, wie er sich in den 12 Stämmen Israels widerspiegelt. Mehr noch, Jesus erwählte die zwölf Apostel als ein Team von Verkündern des Evangeliums in der Mission, um die ganze Welt zu erreichen.
«Wie die Apostel zusammengearbeitet haben, so sollten die Mitglieder eines Fussballteams auch zusammenarbeiten.»
Also sind die Apostel doch so etwas wie ein Team?
Nwosu: Ja. Als Team wurden sie quasi zu einer gemeinsamen Übung der Verbreitung des Evangeliums Christi berufen. Natürlich kann man davon etwas lernen, das auch beim Fussballspiel hilft: Wie die Apostel zusammengearbeitet haben, so sollten die Mitglieder eines Fussballteams auch zusammenarbeiten.
Darf man als Fussballspieler eigentlich um den Sieg beten?
Nwosu: Das darf man sicher. Warum nicht. Beten für mich heisst, einfach mit Gott reden. Alles, was ich mache, bringe ich immer vor Gott im Gebet. Wir müssen nicht vergessen, dass Fussballspielen für einige Leute Arbeit ist. Beten Sie für den Erfolg Ihrer Arbeit?
«Ich habe noch nicht geflucht. Aber ich bin manchmal unzufrieden mit mir selbst, wenn ich nicht so gut spiele.»
Ja, selbstverständlich. Aber gibt es tatsächlich so etwas wie einen Fussballgott? Es gibt ja Spiele, bei denen man meint, eine höhere Kraft bzw. ein höheres Wesen greift plötzlich in letzter Minute ins Spiel ein.
Nwosu: Es gibt nur einen Gott, den Schöpfer und den Erhalter der Welt. Es ist wahr, dass wir beten, aber ich verzichte nicht auf den Platz von Talent, Training und harter Arbeit in jedem Unterfangen des Lebens. Wie ich vorhergesagt habe: Gott hat nicht die Gewohnheit, für die Menschen das zu tun, was sie selbst tun sollten.
Haben Sie eigentlich auch schon mal auf dem Fussballplatz geflucht, wenn Sie beispielsweise danebengeschossen haben?
Nwosu: Ich bin immer vorsichtig mit den Worten. Die Worte sind sehr kräftig und machtvoll. Ich habe noch nicht geflucht. Aber ich bin manchmal unzufrieden mit mir selbst oder kurz aufgeregt, wenn ich nicht so gut spiele.
Vitus Ugonna Nwosu ist seit 2019 neuer Pfarrer im Untergoms. Er wurde zum Pfarrer von Binn, Ernen und Lax ernannt.
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