Sr. Lukas Süess und Sr. Gaudentia Meier (rechts) waren jahrzehntelang zusammen im Einsatz.
Schweiz

50 Jahre «Fidei Donum»: Warum die Mission nicht mehr missioniert

Bei der Mission steht längst nicht mehr nur die Evangelisierung im Zentrum. Es geht darum, für die Menschen da zu sein. Klar wird beim Festakt von 50 Jahre «Fidei Donum» Schweiz: Es gibt noch viel zu tun. Denn die Entscheidungen in der Kirche würden immer noch von weissen Männern getroffen.

David Meier

Eine bunt gemischte Schar hat sich zusammengefunden. Es ist Treffen von «Fidei Donum» Schweiz. Alle paar Jahre treffen sich aktive und ehemalige Missionarinnen und Missionare. Sie alle haben eines gemeinsam: Ihre Herzen schlagen für die Mission und für die Menschen, die sie im Ausland begleitet haben – zum Teil jahrzehntelang.

Baldegger Schwestern in Papua-Neuguinea

Die Päpste haben im vergangenen Jahrhundert immer wieder einen Austausch gefordert zwischen den verschiedenen katholischen Diözesen rund um den Globus. Dem sind auch die Schweizerinnen und Schweizer nachgekommen. Vor 50 Jahren hat die Schweizer Bischofskonferenz die Missionsarbeit mit der Gründung von «Fidei Donum» Schweiz professionalisiert.

50 Jahre "Fidei Donum": Festakt in Hertenstein bei Weggis.
50 Jahre "Fidei Donum": Festakt in Hertenstein bei Weggis.

50 Jahre «Fidei Donum»: Zu diesem Jubiläum gehören auch Frauen wie Schwester Lukas Süess und Schwester Gaudentia Meier – beides Baldegger Schwestern. «Wir waren fast 50 Jahre in Papua-Neuguinea. Als wir dort ankamen, war dort gefühlt Steinzeit. Die Leute haben ihr Essen in der Asche gekocht. Flugzeuge hielten sie für grosse Vögel», erzählen die beiden und lachen.

Wer sind die Armen?

Die Welt ist heute eine andere als vor 50 Jahren. Auch «Fidei Donum» hat sich verändert. Kann man heute überhaupt noch von den Armen sprechen? Was bedeutet es, arm zu sein? Drängt man gewissen Bevölkerungsschichten die Armut auf, wenn man sie als arm bezeichnet? In Hertenstein bei Weggis LU wird klar: Die Befreiungstheologie ist tief mit der Arbeit der Missionarinnen und Missionare verbunden. 

Josef Estermann, Soziologe an der Uni Luzern.
Josef Estermann, Soziologe an der Uni Luzern.

Der Missionswissenschaftler Josef Estermann hält einen Vortrag zur Missionsgeschichte. Er fängt bei Paulus an – für Estermann der «Prototyp eines Missionars». Zur Zeit von Kolonialismus und Imperialismus galt die «Politik des Patronado»: Kirche und Staat machten gemeinsame Sache, um die Missionsgebiete zu erobern.

«Maximum Illud»: Ein Paradigmenwechsel in der Missionsgeschichte

Erst mit der Gründung der Kongregation «Propaganda Fidei» löste sich die Kirche allmählich vom kolonialen Machtanspruch und begann, die Missionsarbeit selbst zu organisieren. Mit der ersten bedeutenden Missionsenzyklika «Maximum Illud» (1919) von Benedikt XV. verabschiedete sich die katholische Kirche von der Idee, alles umzukrempeln. Fortan mussten kulturelle und nationale Eigenheiten berücksichtigt und auch ein einheimischer Klerus aufgebaut werden.

50 Jahre "Fidei Donum" Schweiz: Generalvikar Richard Lehner predigt beim Festgottesdienst.
50 Jahre "Fidei Donum" Schweiz: Generalvikar Richard Lehner predigt beim Festgottesdienst.

Auf den Apostel Paulus geht auch Richard Lehner in seiner Predigt ein. Der Fidei-Donum-Präsident ist Generalvikar des Bistums Sitten. Er sagt zu den Mitfeiernden: «Sie sind ausgezogen, um den Menschen in aller Welt eine frohe Botschaft zu verkünden. Sie haben nicht sich selbst ins Zentrum gestellt, Sie haben sich in den Dienst Gottes gestellt. Es kommt nicht so sehr darauf an, wie oder in welcher Funktion ich Nachfolger oder Nachfolgerin bin, sondern vielmehr auf welche Art und Weise ich mich am Aufbau des Reiches Gottes beteilige.»

Ein Vorbild im Glauben sein – nicht überreden

Richard Lehner macht einen Bogen zu Paulus. Dieser betont ebenfalls, mit gutem Beispiel und mit dem Glauben an Gott voranzugehen. Denn nicht das «Überreden» zum Christentum solle im Zentrum stehen.

Markus Thürig (links) und Richard Lehner.
Markus Thürig (links) und Richard Lehner.

Im letzten Jahrhundert hat die Mission enorme Entwicklungen durchgemacht. Heute geht die katholische Kirche von einer ganzheitlichen Mission aus. Es geht also längst nicht nur um Evangelisierung – sondern darum, für alle Menschen da zu sein. Es gehe um die Förderung von Gemeinschaft, Bildung, Gesundheitsversorgung und Spiritualität, erzählen die Missionarinnen und Missionare. Ganzheitlich eben. 

Schwester Rita Furrer tauft in Chile

In Südamerika, wo die Bevölkerung weitgehend christianisiert ist, gibt es nach wie vor einen grossen Bedarf an Missionarinnen und Missionaren. Schwester Rita Furrer berichtet beispielsweise, dass sie viele Jahre in zwei Andentälern in Chile tätig war. Dort habe sie viele Leute getauft, weil es dort keine Priester gibt. Auch hat sie den Leuten dort gezeigt, dass man nicht nur Bohnen und Tomaten, sondern mit einfachen Mitteln auch Kohl und Birnen anbauen kann. 

Schwester Rita Furrer, Missionarin in Chile.
Schwester Rita Furrer, Missionarin in Chile.

Ein Missionar wirft die Frage in den Raum, ob angesichts der Säkularisierung nicht Europa ein Missionsgebiet sei. Die Anwesenden stimmen zu. Josef Estermann findet, dies sei seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ein ekklesiologisches Ziel gewesen: die Kirche zusammenführen, von Norden nach Süden und umgekehrt. Es solle dort geholfen werden, wo Mangel herrsche.

Die nordamerikanisch-europäische Minderheit dominiert nach wie vor die Kirche

Zwar vertritt «Fidei Donum» die Idee von «Einer Welt» und einer Kirche. Doch wenn es um Entscheidungen in der Weltkirche gehe, dann würden diese immer noch von der nordamerikanisch-europäischen Minderheit getroffen. Man könnte auch sagen: von alten weissen Männern. Dabei liege der Schwerpunkt der Kirche längst im Süden, sagen die Missionarinnen und Missionare.

Richard Lehner feiert für Fidei Donum die Jubiläumsmesse.
Richard Lehner feiert für Fidei Donum die Jubiläumsmesse.

Sie haben während der 50-Jahr-Feierlichkeiten viel zu erzählen. Missionare der Missionsgesellschaft Bethlehem berichten beim Essen von ihren Einsätzen – einer von ihnen war in Taiwan. Er begrüsst den Besuch der US-Politikerin Nancy Pelosi in Taipei und schwärmt von der taiwanischen Präsidentin Tsai Ing-wen. Diese sei eine starke Frau und lasse sich von China nicht unterkriegen.

Tansania hat eine Muslimin als Präsidentin

Eine Baldegger Schwester, die ihr Leben in Dar-Es-Salam verbracht hatte, berichtet vom aktuellen Tansania. Das Land werde mit Samia Suluhu Hassan seit letztem Jahr zum ersten Mal von einer Frau regiert, sagt Schwester Etienne Seiler. Sie schwärmt von dieser Frau, die Muslimin ist. Nach einem ungeschriebenen Gesetz wechseln sich Angehörige des Islams und der katholischen Kirche im Präsidialamt ab. 

Ernst Gasser, SMB-Missionar.
Ernst Gasser, SMB-Missionar.

Die Aufgaben von Missionarinnen und Missionaren habe sich in Tansania stark verändert, erzählt Schwester Etienne Seiler. Es gehe nicht darum, die Menschen zu evangelisieren. Sondern darum, die Anbaumethoden in der Landwirtschaft zu verbessern, gegen Alkoholismus vorzugehen oder eine gute Bildung zu ermöglichen. Der Glaube komme dann automatisch dazu: Wenn es darum gehe, die Gemeinschaft zu fördern und allem einen tieferen Sinn zu geben.

El Salvador – ein kriminelles Land

Gemeinschaft ist auch im mittelamerikanischen Land El Salvador wichtig. Andreas Hugentobler (39) war dort mit seiner Frau für mehrere Jahre beim Aufbau von Basisgemeinden involviert. Diese Gemeinden am Stadtrand der Hauptstadt San Salvador und auf dem Land funktionieren im Nahbereich – auch ohne dass ein Priester ständig vor Ort ist.

Andreas Hugentobler war mit seiner Familie mehrere Jahre in El Salvador tätig.
Andreas Hugentobler war mit seiner Familie mehrere Jahre in El Salvador tätig.

«Die Leute haben immer gut mitgemacht, es geht nun auch weiter, nachdem ich weg bin», sagt er. Er wird aber ernst, wenn er sagt: «Wir mussten uns mit den Jugendbanden anfreunden. Dann ging es ziemlich gut. Unsere Kinder haben wir aber trotzdem nie aus den Augen gelassen.»

Grosses Nationalheiligtum

Viele der Anwesenden wären gerne in ihren Missionsgebieten geblieben. Denn sie haben noch Projekte, die sie fertigstellen wollen. Alois Baumberger berichtet von seiner jahrelangen Arbeit, die er im Tschad und in Kamerun leistete. Er hat mitgeholfen, ein grosses Nationalheiligtum aufzubauen, und hofft auf Gelder aus der Schweiz, um auch das kulturelle Programm finanzieren zu können.

Alois Baumberger, Missionar in Kamerun.
Alois Baumberger, Missionar in Kamerun.

Für Alois Baumberger ist es noch möglich, wieder nach Afrika zurückzureisen. Andere sind altersbedingt in die Schweiz zurückgekehrt. Die Sehnsucht aber ist geblieben. Umso wichtiger ist ihnen dieses Treffen, um sich auszutauschen. Und auf 50 Jahre «Fidei Donum» Schweiz anzustossen.

11.8.2022, 14.30 Uhr: Wir haben den Soziologen Josef Estermann mit dem Missionswissenschaftler Josef Estermann verwechselt. Zu 50 Jahren «Fidei Donum» Schweiz referierte der Missionswissenschaftler Josef Estermann.


Sr. Lukas Süess und Sr. Gaudentia Meier (rechts) waren jahrzehntelang zusammen im Einsatz. | © Christian Merz
10. August 2022 | 18:08
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