Kardinal Czerny: «Ich habe den Krieg in den Augen der Kinder gesehen»
Kurienkardinal Michael Czerny hat ukrainische Flüchtlinge in der Slowakei und in Ungarn besucht. Deren Leid habe ihn tief berührt und geschmerzt, sagt er im Gespräch mit catt.ch.
Cristina Uguccioni, catt.ch / Adaption: Regula Pfeifer
Haben Sie den Krieg gesehen?
Michael Czerny*: Ich habe den Krieg gesehen: nicht direkt, denn ich war nicht in den vom Konflikt betroffenen Gebieten. Ich habe es in den trauernden Gesichtern der ukrainischen Kinder, Frauen und Männer gesehen, die ich getroffen habe.
Wann und wohin sind Sie gereist?
Czerny: Im vergangenen März reiste ich nach Ungarn und in die Slowakei und erreichte auch ukrainische Dörfer in Grenznähe. Ich besuchte Pfarreien und Aufnahmezentren, die von Organisationen wie Caritas, dem Jesuiten-Flüchtlingsdienst, dem Souveränen Malteserorden und der Gemeinschaft Sant’Egidio betrieben werden.
«Das Leid, die Fassungslosigkeit der Flüchtlinge schmerzten mich.»
Was haben Sie gesehen?
Czerny: Dort begegnete ich ukrainischen Flüchtlingen: Ihr Leid, ihre Fassungslosigkeit schmerzten mich. Sie sind Menschen, die geflohen sind, um ihr Leben zu retten, aber in gewisser Weise haben sie es verloren, da sie ihr gesamtes Hab und Gut zurückgelassen haben und ihre Welt zerbrochen ist. Ich erinnere mich an eine Frau, die verzweifelt war, weil sie auf ihrer Flucht vergessen hatte, ihr Handy mitzunehmen: Sie hatte das Gefühl, dass sie auch alle Bindungen verloren hatte, die sie hatte.
«Ich bewundere die unermüdliche Arbeit der Freiwilligen.»
Wie haben Sie reagiert?
Czerny: Im Namen des Papstes habe ich Trost, Unterstützung, Gebet und Worte der Hoffnung angeboten. Ich bewundere die unermüdliche Arbeit der Freiwilligen, die die Flüchtlinge aufnehmen: Sie arbeiten, ohne sich zu schonen. Ich habe ihnen auch die Unterstützung des Papstes gebracht.
«Ich habe die Kirche gesehen, wie sie sein sollte: ein Schoss, der alle Menschen aufnehmen kann.»
Gab es auch Hilfe durch die Kirche?
Czerny: Ja. In einer ukrainischen Gemeinde in der Nähe der Grenze, in der die Menschen untergebracht sind, bevor sie das Land verlassen, war ich beeindruckt von der Grosszügigkeit der Priester des östlichen Ritus. Die meisten von ihnen sind verheiratet und haben Kinder. Sie haben beschlossen nicht zu fliehen, um weiterhin Hilfe zu leisten. In allen Zentren, die ich besucht habe, habe ich die Kirche so gesehen, wie sie sein sollte: ein Schoss, der alle Menschen aufnehmen kann.
* Der kanadische Kardinal Michael Czerny ist Jesuit. Er wurde 1946 in Brno geboren – die Stadt liegt in der heutigen Republik Tschechien.
Das Interview wurde übersetzt und gekürzt. Originalversion auf catt.ch
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