Behütet von Benediktinerinnen: Sarner Jesuskind reist nach Engelberg
Die Benediktinerinnen von Sarnen haben am Sonntag ihr Jesuskind in seine Heimat Engelberg ziehen lassen. Und es dort vor dem Kloster gleich selbst in Empfang genommen. Kein Wunder, die Sarner Ordensfrauen sorgen seit 407 Jahren für das hölzerne Kind. Ein Festakt zum verschobenen 900-Jahr-Jubiläum des Klosters Engelberg.
Vera Rüttimann
Das Sarner Jesuskind kommt mit dem Auto in Engelberg an. Die Ordensfrauen warten bereits vor der Klosterkirche. Der Kofferraum wird geöffnet. Da liegt das Jesuskind in einer Kiste, sorgfältig verpackt.
Als Alt-Äbtissin Schwester Pia Habermacher es in ihren Händen hält, strahlt sie. Auch den Mitschwestern, die um sie herum stehen, ist die Freude anzusehen.
Die Ordensfrauen vom Benediktinischen Zentrum in Sarnen sind am Sonntag extra nach Engelberg gereist. Sie wohnen mit anwesenden Gästen einem besonderen Ereignis bei: Erstmals nach 407 Jahren ist das Sarner Jesuskind an diesem Morgen wieder in seiner alten Heimat in Engelberg.
Jesuskind und Kreuz begrüssen sich
Dann beginnt eine Zeremonie. Punkt 9.30 Uhr tritt Abt Christian Meyer mit seinen Mitbrüdern und Ministranten aus der Klosterkirche heraus. Der Festgottesdienst zu Ehren des hölzernen Jesuskindes beginnt.
Die Musiker der Alphornformation «Echo vom Spannort» bringen sich in Position. Dann tritt Alt-Äbtissin Pia Habermacher vor. Fest hält sie das Sarner Jesuskind in ihrem Arm, als sie auf den Engelberger Abt zutritt. Dessen Mitbruder trägt das Heilige Kreuz von Engelberg.
Das Jesuskind und das Heilige Kreuz scheinen sich zu begrüssen. Dann ziehen die Engelberger und die Sarner Ordensgemeinschaften feierlich durch den Mittelgang in die Klosterkirche ein.
Liebliche Gesichtszüge
Die 50 Zentimeter hohe gotische Holzfigur aus dem 14. Jahrhundert wird vor dem Altar neben das berühmte Heilige Kreuz von Engelberg gestellt. Viele Anwesende betrachten das Jesuskind. Es scheint sie in seinen Bann zu ziehen.
Auf dem hoch gezogenen rechten Beinchen der Figur thront die Weltkugel. Das Kind hat liebliche Gesichtszüge und einen fast irritierend weisen Blick. Eingekleidet ist die Figur in ein weisses Kleid. Der Stoff wurde in den 70er Jahren von Schwestern im Kloster Sarnen gewoben. Auch die Stickereien wurden dort entworfen.
Weshalb wurde diese Holzfigur so bekannt? Belesene wissen: Um die bekannte Holzfigur ranken sich Mythen. Eine lautet: Der Überlieferung nach soll das angebetete Objekt einst eine aufrechtstehende Figur gewesen sein. Um das Jahr 1360 soll es zu Weihnachten in die Zelle einer kranken Mitschwester gebracht worden sein. Dort soll das Jesuskind plötzlich seinen rechten Fuss gehoben haben. Die Ordensfrau wurde gesund.
Verehrtes Jesuskind
Diese Geschichte verbreitete sich rasant. Seit dieser Zeit verehren Menschen das Jesuskind mit der filigranen Krone auf dem Kopf. Besonders im Kloster St. Andreas in Sarnen. Täglich sitzen da Leute in den Bänken der Klosterkirche und beten zur Holzfigur. Sie bitten etwa um Schutz vor Krankheiten, um Lösung von Beziehungsproblemen oder um eine neue Arbeitsstelle.
An diesem Sonntag betet eine ältere Frau nach dem Gottesdienst zur Jesusfigur in der Klosterkirche Engelberg.
Zentrum der mystischen Bewegung
Am Gottesdienst nehmen auch Familien mit Kindern und Enkeln teil. Die Geschichte des Sarner Jesuskindes ist vielen katholischen Familien in Engelberg noch tief verankert. Abt Christian erzählt sie in seiner Predigt: Die Benediktinerinnen bildeten 1120 zusammen mit der Mönchsgemeinschaft in Engelberg ein Doppelkloster, das weitherum ausstrahlte.
Zu tun hatte das auch mit dem Jesuskind. Die Figur war zu ihrer Zeit in der mystischen Bewegung beheimatet. Diese widmete sich intensiv der Betrachtung der Kindheit Jesu. Der Konvent der Schwestern wurde Mitte des 14. Jahrhunderts zum geistlichen Zentrum der mystischen Bewegung, die sich auch in der Zentralschweiz auszubreiten begann.
Von Engelberg nach Sarnen
Im 17. Jahrhundert löste sich das Doppelkloster in Engelberg auf. Als die Schwestern 1615 Engelberg verliessen, nahmen sie auf ihrem beschwerlichen Fussweg nach Sarnen auch das Jesuskind im Gepäck mit. «Gegen den Willen des damaligen Abtes», sagt Alt-Äbtissin Pia später. «Die Schwestern wussten schon damals um die besonderen Kräfte des Jesuskindes.»
Figur des Klostergründers als Geschenk
Während des Gottesdienstes schenkt Abt Christian Meyer den Schwestern aus Sarnen eine neue Figur – als Zeichen der Verbundenheit. Sie stellt den heilige Adelhelm dar. Der Benediktinermönch war der erste Abt des Klosters Engelberg.
Die Sarner Äbtissin Rut-Maria Buschor wirkt beim Gottesdienst am Altar mit. Und am Ende des Gottesdienstes spielt sie zusammen mit dem Stiftsorganisten Alessandro Valoriani ein vierhändiges Werk auf der Orgel. Rut-Maria Buschor ist ausgebildete Organistin.
900-Jahr-Feier nachgeholt
Nach dem Festgottesdienst sind alle zum Apéro in einen Saal neben der Kirche eingeladen. Abt Christian Meyer und seine Gäste unterhalten sich angeregt. Der Festakt rund um das Sarner Jesuskind und das gesellige Zusammensein wird jetzt nachgeholt.
«Geplant war er schon zum 900-jährigen Geburtstag des Klosters Engelberg. Die Pandemie hat viele Veranstaltungen verhindert», sagt Äbtissin Rut-Maria Buschor.
Das Sarner Jesuskind, erzählt sie am Apéro, sei eigens auf diesen Festtag hin restauriert worden. Im Laufe der Jahre seien Schäden an der Holzfigur aufgetreten. «Nun war es bei der Kosmetik», sagt Rut-Maria Buschor lachend.
«Bringt es uns wieder»
Die Schwestern haben die Figur erst am Vortag des Gottesdienstes zurückerhalten. Eine Woche lang hat es in der Klosterkirche gefehlt. Stattdessen, so erzählt Schwester Pia, sei ein Bild des Jesuskindes aufgestellt worden. Damit seien die Leute aber nicht zufrieden gewesen. «Die Leute haben es vermisst. Sie sagten mir: ‘Warum ist es nicht da?’ Und: ‘Bringt es uns wieder!’»
Schwester Franziska, die der Wikoner Schwesterngemeinschaft angehört, sagt: «Auch ich habe es vermisst. Seit ich in Sarnen bin, habe ich eine Beziehung zu diesem Jesuskind aufbauen können.»
«Teil unserer Geschichte»
Abt Christian Meyer zeigt sich zufrieden. Er sagt: «Es ist etwas Tolles, dass das Jesuskind und das Heilige Kreuz aus Engelberg für einige Stunden nebeneinander in der Kirche stehen. Beide sind Teil unserer Geschichte.» Noch am selben Abend wird das Jesuskind zurück nach Sarnen gefahren.
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